Mittwoch, 26. April 2017

Das Problem normativer Genredefinitionen

Was ist der Unterschied zwischen Fantasy und Science Fiction? David Brin hat da klare Präferenzen:
For all the courage and heroism shown by fantasy characters across 4000 years of great, compelling dramas – NOTHING EVER CHANGES! No, the root element is right there in that word »change.« Science fiction borrows many elements from the mother genre – fantasy – elements of boldness and the fantastic that date back to Homer and Gilgamesh. But sci fi then rebels against all literary foundations by embracing change. Even when it warns against BAD change it is relishing, exulting, expanding upon what Einstein called the »gedankenexperiment« or thought experiment: What if? When SciFi goes »whatif« it takes the sacred word seriously.
Veränderung finden wir alle (mit Ausnahme von Botho Strauß vielleicht) mehr oder weniger gut. Es macht zwar wenig Sinn, von einem Zeitraum von 4000 Jahren auszugehen, weil unser kulturelles Gedächtnis so weit nicht zurück reicht, aber nehmen wir die letzten 500 Jahre: Da gab es u.a. die Französische Revolution, die Entdeckung des Penicillins und die von Arbeiter_innen erkämpfte Einführung einiger sozialer Mindeststandards. Wenn wir ziemlich genau 500 Jahre zurückgehen, landen wir in der Zeit des gerade allerorten bewunderten Martin Luther. 1524 erhob sich in Teilen Deutschlands die verelendete bäuerliche Bevölkerung, um für die Einführung ganz ähnlicher Mindeststandards zu kämpfen, wie wir sie heute für selbstverständlich nehmen. Einige deutsche Fürsten wandten sich an den Theologen ihres Vertrauens – eben an Luther – um Rat. Luther entschied, die einfachste und gottgefälligste Lösung für das Problem sei es, die rebellierenden Bauern umzubringen, und die dankbaren Fürsten schritten umgehend zur Tat. Und, würde also irgendjemand gern in einer Welt leben, die noch so ist wie vor 500 Jahren? Ich jedenfalls nicht.

Nun meint David Brin, Fantasy feiere genau die feudalistische Welt von vor 500 Jahren, die in einem ziemlich unangenehmen Licht erscheint, wenn man sich vorstellt, in ihr Bäuerin oder Bergarbeiter gewesen zu sein:
Fantasy has its attractions. Something about feudalism resonates, deep inside us. We fantacize about being the king or wizard. It’s in our genes. We are all descended from the harems of the guys who succeeded at that goal. The core thing about fantasy tales is that, after the adventure is done and the bad guys are defeated... the social order stays the same. It may be the natural genre... but should we be proud of that?
Ich lasse den Quatsch über Gene und Harems mal beiseite. Ich glaube nicht, dass Brin mit seiner Charakterisierung von Fantasy als feudalistisch recht hat. Fantasy wimmelt nur so von Königen und Zauberern, aber sie bildet nicht ernsthaft eine feudalistische Gesellschaftsordnung ab. Fantasy weist auch nicht direkt auf Homer und das Gilgamesch-Epos zurück. Fantasy leitet sich vom Märchen her, über das F. K. Waechter mal sagte: »Früher waren Märchen etwas ganz Realistisches. Das einzige Unrealistische daran war dieser Zauberkick, den man brauchte, weil die Wirklichkeit so hart war, dass man da sonst nicht raus kam. Die Tochter des Königs zur Frau zu kriegen, war etwas völlig Verblasenes. Es muß früher sehr viel Gelächter unter den Zuhörern hervorgerufen haben.« Unter realfeudalistischen Verhältnissen heiratete der besitzlose drittgeborene Sohn eben nicht die Prinzessin, und der Zauberkick des Märchens bestand darin, zur Freude des Publikums zu erzählen, wie das Unmögliche eben doch passierte.

Das bedeutet natürlich nicht, das Märchen revolutionär im eigentlichen Sinne sind. Sie hinterfragen in der Regel nicht, dass es Könige gibt. Statt die soziale Hierarchie abzuschaffen, stellen sie sie auf den Kopf. Vielleicht lässt sich sagen, dass Märchen revolutionär und nostalgisch zugleich sind. Für die Langform des Märchens existiert im Deutschen keinen literaturkritischen Begriff, dafür aber im Englischen: romance. Es gibt keine treffendere Charakterisierung von romance als die des bedeutenden Literaturtheoretikers Northrop Frye:
The romance is nearest of all literary forms to the wish-fulfilment dream, and for that reason it has socially a curiously paradoxical role. In every age the ruling social or intellectual class tended to project its ideals in some form of romance, where the virtuous heroes and beautiful heroines represent the ideals and the villains the threats to their ascendancy. This is the general character of chivalric romance in the Middle Ages, aristocratic romance in the Renaissance, bourgeois romance since the eighteenth century, and revolutionary romance in contemporary Russia. Yet there is a genuinely “proletarian” element in romance too which is never satisfied with its various incarnations, and in fact the incarnations themselves indicate that no matter how great a change may take place in society, romance will turn up again, as hungry as ever, looking for new hopes and desires to feed on. The perennially child-like quality of romance is marked by its extraordinarily persistent nostalgia, its search for some kind of imaginary golden age in time or space.
Legt man statt Fantasy romance als Begriff zugrunde, erhält man in der Tat eine literarische Genealogie, die mit der heroischen Epik des Altertums beginnt, über den höfischen Roman des Mittelalters und der Renaissance reicht, bis sie beim neuzeitlichen Märchen und – seit dem 19. Jahrhundert – schließlich bei der modernen Fantasy ankommt. So gesehen ist romance das »mother genre« oder »natural genre«, von dem Brin spricht. Und wenn es auch kein exaktes deutsches Wort für romance gibt, gibt es doch das Adjektiv ›romantisch‹, das genau die paradoxe Qualität von romance bezeichnet: nostalgisch und revolutionär zugleich zu sein. Die Aussage ist nicht, wie Brin meint: Es gibt keinen Wandel, sondern vielmehr: Wie groß der Wandel auch sein mag, es gibt immer die ungestillte Hoffnung auf einen noch größeren Wandel.

Brin will im Grunde nichts anderes sagen, als das Fantasy zwar irgendwie faszinierend, aber letztlich doof ist, und SF das eigentlich interessante Genre. Er erreicht das, indem er der Fantasy das Element des Nostalgischen zuweist und der SF die Lust am Wandel. Brin teilt die beiden paradoxen Elemente der romance einfach auf die beiden Genres auf. Das mag seinen persönlichen Vorlieben entsprechen, taugt aber kaum für eine einigermaßen objektive Verhältnisbestimmung von SF und Fantasy.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.