Dienstag, 3. Januar 2017

Gibt es die faschistische Fantasy?

Faschismusvorwürfe gegen die Fantasy sind alles andere als selten. Als mythopoetische Literatur malt Fantasy zahllose Schlachten der Mächte des Lichts gegen die Horden der Finsternis aus. Solcher Hell-Dunkel-Dualismus kann schon mal an faschistische Ideologeme erinnern. Und gelten nicht einige Mythomanen des 19. Jahrhunderts, wie Nietzsche und Wagner, als geistige Wegbereiter des deutschen Faschismus? Die wohl prominenteste Auseinandersetzung mit dieser Frage ist Norman Spinrads Roman-Essay The Iron Dream, der sich von der Frage leiten lässt, wie ein Pulp-Fantasy-Roman aussähe, dessen Verfasser Adolf Hitler heißt. Der schwerwiegendste Einwand gegen Spinrads Gedankenspiel ist, dass es solche Pulp-Fantasy im Dritten Reich nicht gab. Die NS-Kulturpolitik verhielt sich gegenüber Unterhaltungsliteratur aller Spielarten eher ambivalent (was verschiedene Heftroman-Autor_innen allerdings nicht von ideologischen Anpassungsversuchen abhielt). Gut, Fantasy als Genre-Kategorie gab es damals ohnehin nicht. Aber wenn man Fantasy als (post-)moderne Fortsetzung des Märchens versteht, ist eine Sache sehr auffällig: In der Weimarer Republik gab es eine äußerst lebendige und vielfältige Märchenproduktion, die in der NS-Zeit aber fast ganz zum Erliegen kam. Unter der Ägide der Nazis wurden nahezu ausschließlich Neuausgaben von Märchenklassikern wie den Grimms veröffentlicht, oft versehen mit völkischen Interpretationen. Kreative Neuentwicklungen gab es dagegen kaum.

Das ist durchaus erstaunlich, denn Tatsache ist ja, dass die Nazis nicht nur Wagner und die Grimms anhimmelten, sondern auch mit großem Eifer ihre eigene Mythopoiesis betrieben: Rosenberg fabulierte in seinem Mythus des 20. Jahrhunderts vom Ursprung der arischen Rasse im untergegangenen Atlantis, der SS-Esoteriker Otto Rahn ging in Südfrankreich auf Gralssuche, Heinrich Himmler hielt die Ura-Linda-Chronik (eine Fälschung des 19. Jahrhunderts) für ein authentisches Dokument germanischer Vorgeschichte, und an den Universitäten des Dritten Reiches wurde die Space-Opera-mäßige Glazialkosmologie Hanns Hörbigers als Wissenschaft gelehrt. All diese mythologischen Spekulationen führten zum politischen Kunstverständnis der Nazis: Kunst sollte, so lautete ihre Auffassung, dieses mythische Weltbild darstellen und verbreiten. In der bildenden Kunst und in den Inszenierungen der Sonnenwendfeiern und Parteitage wurde das auch umgesetzt. Warum nicht in der erzählenden Literatur? Ein Grund dafür könnte sein, dass die führenden Nazis durchaus Sorge trugen, in den Augen der Welt nicht zu obskurantistisch zu erscheinen. Diejenigen NS-Bonzen, die allzu gern in Geheimlehren und Visionen einer mythischen Vorzeit schwelgten (wie Heinrich Himmler oder Rudolf Heß) mussten diese Vorlieben eher im Privaten pflegen, da sie sonst den Unmut Hitlers erregt hätten. Die Furcht davor, sich lächerlich zu machen, war ein beherrschendes Motiv in Hitlers Handeln.

Heutigen Nazis gehen solche Skrupel weitgehend ab. In den esoterischen und verschwörungstheoretischen Anteilen der rechten Szene herrscht ein mythologischer Wildwuchs sondergleichen. Zeit für einen Blick darauf, was die neuen Nazis über Fantasy denken. Eine unverzichtbare Quelle in dieser Hinsicht ist Metapedia, das Fascho-Wiki-Enzyklopädieprojekt. Deren Ansichten zur Fantasy lassen sich auf eine kurze Formel bringen: Tolkien gut, Rowling böse. An sich weiß Metapedia Fantasy zu schätzen – bis auf den Namen, der als Anglizismus abgelehnt und durch die umständliche Neuprägung »Fernweltenliteratur« ersetzt wird:
Fernweltenliteratur, oft auch als Fantasyliteratur bezeichnet, bezeichnet man eine im 20. Jahrhundert aufgekommene Literaturgattung, welche eine Untergattung der Phantastik darstellt und Motive der germanischen und keltischen Mythologie und Sagenwelt aufgegreift [sic]. Meist spielen die Handlungen in einer Parallelwelt, in welcher neben Menschen auch andere Wesen leben und der Entwicklungsstand etwa auf Höhe des sogenannten Heroischen Zeitalters oder des Mittelalters angesiedelt ist. Seltener dient aber auch die Vorgeschichte oder das frühe Altertum als Grundlage. Das wohl bedeutendste Werk der Fantasyliteratur, welches als Vorlage für viele weitere diente, ist »Der Herr der Ringe« des englischen Nordisten J. R. R. Tolkien.
Über Tolkien, den »Nordisten«, hat Metapedia dann einiges zu sagen:
Das Buch »Der Herr der Ringe« ist auch in nationalen und allgemein rechten Kreisen durchaus angesehen. Der Grund hierfür ist derselbe, weswegen es hin und wieder von linker Seite attackiert wird, nämlich der im Buch latent enthaltene, wenn auch auf die mythische Ebene verlagerte, Rassismus. So haben in der literarischen Welt Tolkiens die Vertreter der edlen Rasse (Elben) vorwiegend die Merkmale der nordischen Rasse, die Vertreter der abscheulichsten Rasse (Orks) hauptsächlich die Merkmale der negriden Rasse. Aber auch bei der in Mittelerde lebenden Menschengattung werden den allgemein helleren unter diesen – z.B. dem Volk von Rohan – weitgehend bessere Eigenschaften zugesprochen als den dunkleren Menschenvölkern, z.B. den unheimlichen Bewohnern des Haradwaith (Süderland). [...] Aufgrund der hohen Beliebtheit der Tolkien-Romane, werden diese Tatsachen von der veröffentlichten Meinung und den Einheitsmedien aber in der Regel totgeschwiegen.
Tolkien war also ein heimlicher Nazi, was aber von der jüdisch-marxistisch-freimaurerisch beherrschten Presse verheimlicht wird. Armer Trottel, der solches geschrieben hat.
Aufgrund der Tatsache, daß in dem Buch die Orks, die Vertreter des moralisch Schlechten, schwarze bzw. sehr dunkle Erscheinungen sind, während die Vertreter der edlen und moralisch höherstehenden Rassen entsprechend ihrer moralischen Stufe als immer hellere Erscheinungen dargestellt werden, gilt das Werk mittlerweile bei vielen Verfechtern der »multikulturellen« Ideologie [...], als nicht mehr »politisch korrekt« (»Vorwurf« des sogenannten »unterschwelligen Rassismus«), da der Leser durch die Lektüre evtl. Rückschlüsse und zutreffende Parallelen zur realen Welt ziehen könnte.
Da hat offenbar jemand die Taste mit den sogenannten Anführungszeichen entdeckt.

Auffällig ist hier, dass Metapedia sich einen typischen Feuilleton-Vorwurf gegen Tolkien zu eigen macht und ins Positive wendet. Im Zuge der Verfilmung des Lord of the Rings durch Peter Jackson erschien eine ganze Reihe von Kritiken, die den Filmen wie der Vorlage vorwarf, Gut und Böse anhand von rassifizierenden Merkmalen darzustellen: Die Guten seien bei Tolkien blond, hellhäutig und blauäugig, so heißt es oft.

Ganz unbegründet ist das nicht. People of Colour kommen im Lord of the Rings, in Gestalt der Haradrim, nur als Feinde vor. Auch trifft es zu, dass Tolkien gelegentlich die Farbe der Haare zur Codierung von Figuren gebraucht. So besteht eine klare Hierarchie unter den drei Elbenvölkern: Die Vanyar sind blond und stehen den Valar (den Engeln) am nächsten. Die Noldor und Teleri sind dagegen überwiegend dunkelhaarig. Innerhalb der königlichen Familie der Noldor wird der Kontrast besonders augenfällig. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratet König Finwe eine Vanya. Finwes Sohn aus erster Ehe, der aufrührerische Feanor, hat schwarze Haare, seine Söhne aus zweiter Ehe, Fingolfin und Finarfin, sind blond. Der Konflikt zwischen den finsteren Söhnen Feanors und den hellen Nachkommen Fingolfins und Finarfins prägt das gesamte Silmarillion. Unsinn bleibt die von Metapedia betriebene Tolkien-Aneignung dennoch. Weder sind Elben und Orks ›Rassen‹, noch tragen die einen ›nordische‹ und die anderen ›negride‹ Merkmale. Da war der rassistische Wunsch der Vater des Gedankens. Aber was hat diese komische Terminologie überhaupt zu bedeuten?

Die nazistische Rassenlehre stellt sich die Menschheit als eine Hierarchie von ›Rassen‹ vor. Sie teilt die Menschen zunächst in drei ›Großrassen‹ ein: die europide (oder kaukasische), die negride und die mongolide ›Großrasse‹. Die sollen im Großen und Ganzen den Bewohner_innen Europas (mit Russland und Vorderasien), des subsaharischen Afrika und Ostasiens entsprechen. Innerhalb der europiden ›Großrasse‹ gibt es noch einmal ein System von Abstufungen: An der Spitze steht die nordische oder arische ›Rasse‹ (gelegentlich auch als teutonisch bezeichnet). Der nordische Mensch soll groß, blond, hellhäutig und blauäugig sein – eben der Bilderbuch-Arier des Nationalsozialismus. Einigermaßen akzeptabel sind gleich darunter noch die westische und die dinarische ›Rasse‹. Die Angehörigen der westischen (auch keltischen oder mediterranen) ›Rasse‹ werden als braunäugig und -häutig, schwarzhaarig, klein und lebhaft vorgestellt. Dinarische Menschen sollen groß, derb, braunhaarig und adlernasig sein. Deutlich darunter kommt die ostische (oder alpine) ›Rasse‹ mit folgenden Merkmalen zu stehen: rundgesichtig, klein, plump und träge. Es ist leicht zu erkennen, dass es sich bei diesen ›Rassen‹ lediglich um Klischees von Menschen handelt: der Stereotyp des hünenhaften Wikingers, der Stereotyp des emotionalen Südeuropäers, der Stereotyp des stolzen Balkanbewohners, der besonders üble Stereotyp des russischen Untermenschen.

Die europide ›Rasse‹ ist zur Weltherrschaft ausersehen, hat aber darauf zu achten, dass das nordische Element in ihr stark bleibt, da sie sonst degeneriert und dem steten Ansturm der negriden und mongoliden Horden nichts mehr entgegen zu setzen hat. Das ist tatsächlich die Begründung für den Vernichtungskrieg des Deutschen Reiches gegen die Sowjetunion: Die überwiegend ›ostische‹ Bevölkerung der UdSSR müsse durch ›nordische‹ deutsche Siedler_innen ersetzt werden. Ganz außerhalb der gewöhnlichen Hierarchie stehen Jüdinnen und Juden. Sie bilden keine eigene ›Rasse‹, sondern stellen aufgrund ihrer Zerstreuung über die gesamte Welt ein unentwirrbares ›Rassengemisch‹ dar, dem nazistischen Reinheitswahn zum Hohn geradezu eine Anti-›Rasse‹. Daher gelten sie als besonders gefährlich und müssen ausgerottet werden. Das alles ist komplett idiotisch, kein Zweifel. Die hinter den verschiedenen ›Rassen‹ stehenden stereotypen Menschenbilder haben die Nazis jedoch nicht erfunden, sondern lediglich aufgegriffen und zu mörderischer Konsequenz getrieben. Die sogenannte Rassenkunde galt schon lange vor den Nazis als seriöse Wissenschaft, die etwa in den USA mit großem Eifer betrieben wurde und dort zweitweilig sogar die Einwanderungsgesetzgebung bestimmte.

Und Tolkien? Dem kann man sicherlich vorwerfen, dass er das Äußere seiner Figuren zur Gut-Böse-Codierung benutzt. Dass er seine Figuren aber bewusst nach rassenkundlichen Auffassungen gestaltet habe, wie Metapedia behauptet, ist im wahrsten Sinne des Wortes an den Haaren herbeigezogen. Leider haben die Verfilmungen einiges dazu beigetragen, der Behauptung, das Gute komme bei Tolkien stets blond und blauäugig daher, Futter zu geben. Im Roman haben nämlich weder Legolas, noch Boromir und Faramir blonde Haare, sondern sind alle drei schwarzhaarig. Von den Hobbits heißt es bei Tolkien, sie seien überwiegend braunhaarig, während die Filme Sam und Merry blond sein lassen. Anders als bei den Elben, die anderweltliche Wesen sind, sagt die Haarfarbe bei den Menschen im Lord of the Rings nichts über ihren moralischen Charakter aus. Auch wird in dieser Hinsicht schwerlich irgendetwas »totgeschwiegen«. Vielmehr ist zu vermuten, dass durch die Jackson-Verfilmungen die Vorstellung von den heroischen Blondschöpfen bei Tolkien beträchtlich verstärkt wurde. Wenn auf Metapedia begeistert erklärt wird, in ihren »rassischen Einteilungen und Bewertungen« seien die Verfilmungen »weitgehend werktreu und ehrlich«, so ist das nicht nur durch die rassistische Brille gesehen, sondern verrät auch einiges an Unkenntnis, was die literarische Vorlage angeht. Dennoch ist natürlich kritisch anzumerken, dass es Aspekte in Tolkiens Werk gibt, die dieser rassifizierenden Sichtweise Anknüpfungspunkte geben.

Über J. K. Rowling kann Metapedia sich dagegen kaum genug ereifern. Wie bei Tolkien sind es auch im Fall von Harry Potter in erster Linie die Verfilmungen, an denen das Nazi-Wiki sich abarbeitet, da sie, so heißt es, »in ihrer Multikulturalität eine dem jüdischen und liberalistischen Zeitgeist entsprechende Rassenvermischung sowie ›multikulturelle‹ Gesellschaft in Szene setzen und zudem die Erkenntnisse der Rassenkunde verdrehen, indem sie die Angehörigen der nordischen Rasse häufig als die moralisch Bösartigen, die Angehörigen nichtgermanischer Rassen sowie Mischlinge als moralisch höherstehend darstellen«. So etwas geht natürlich gar nicht. Aber es kommt noch ärger:
Nach der Machtergeifung der Todesser wird ein Terrorregime aufgebaut das sogar von der Autorin zugegeben Parallelen zur nationalsozialistischen »Diktatur« haben soll. Es ist deshalb fragwürdig ob solche politische Propaganda in einem als Kinderbuch gedachten Romanreihe etwas zu suchen hat. Die Frage nach der Reinhaltung des Blutes in den Romanen stellt ein Abbild der in der Realität vorhandenen Frage nach der Bewahrung der Rassen dar. Wie in der weißen Welt von offiziellen Stellen der Wunsch zur Erhaltung der europiden Großrasse als negativ gebrandmarkt ist und stattdessen Vermischung propagiert wird, soll auch dem Leser der Harry-Potter-Romane vermittelt werden, daß Abstammung eine untergeordnete Rolle spielt und Reinheit grundsätzlich abzulehnen ist.
»Politische Propaganda« in der Fantasy wird von Metapedia also abgelehnt, wenn sie antifaschistisch ist. Zugleich wird aber keine Mühe gescheut, Tolkien als »Nordisten« propagandistisch zu vereinnahmen. Tolkien selbst bezeichnete indessen den »Nordismus« der Nazis als »›Nordic‹ nonsense«:
I have spent most of my life [...] studying Germanic matters (in the general sense that includes England and Scandinavia). [...] I suppose I know better than most what is the truth about this ›Nordic‹ nonsense. Anyway, I have in this War a burning private grudge – which would probably make me a better soldier at 49 than I was at 22: against that ruddy little ignoramus Hitler (for the odd thing about demonic inspiration and impetus is that it in no way enhances the purely intellectual stature: it chiefly affects the mere will). Ruining, perverting, misapplying, and making for ever accursed, that noble northern spirit, a supreme contribution to Europe, which I have ever loved, and tried to present in its true light. (Letters 45)
Es ist eigentlich noch zu wenig gesagt, wenn Metapedia bemerkt, die moderne Fantasy greife auf germanische Mythologie zurück – jedenfalls ist es in Bezug auf Tolkien zu wenig gesagt. Mit Tom Shippey lässt sich Tolkiens Werk geradezu als Versuch verstehen, eine nur noch fragmentarisch vorhandene germanische Mythologie zu rekonstruieren. In dieser Hinsicht steht Tolkiens Werk in einer Linie mit Jacob Grimm, Viktor Rydberg und Richard Wagner. Im 20. Jahrhundert, das von zwei deutschen Weltkriegen geprägt wurde, erhielt ein solches Vorhaben aber zwangsläufig eine besondere politische Note: Deutschland sah sich als wahre Verkörperung des nordisch-germanischen Geistes, und scheute sich zugleich nicht, germanische Länder wie England, Holland, Dänemark und Norwegen anzugreifen und zu besetzen. In Nordeuropa erregte dieses Vorgehen nicht nur bei Tolkien Abscheu und Verachtung. Die germanische Identität, die das Deutsche Reich sich zusprach, wurde als kultureller Diebstahl empfunden. Niemand drückt das besser aus als A. S. Byatt in ihrer autobiographischen Fantasy Ragnarok: The End of the Gods. Byatt beschreibt, wie ihr jüngeres Ich (»the thin child«) während des 2. Weltkriegs einen Band über nordische Mythologie entdeckt und erstmals mit dem in Berührung kommt, was Tolkien den »noble northern spirit« nennt:
She read the introduction, about the retrieval of ›the old Germanic world, with its secrets and wonders ...‹ She was puzzled by the idea of the Germans. She had dreams that there were Germans under her bed, who, having cast her parents into a green pit in a dark wood, were sawing down the legs of her bed to reach her and destroy her. Who were these old Germans, as opposed to the ones overhead, now dealing death out of the night sky? The book also said that these stories belonged to ›Nordic‹ peoples, Norwegians, Danes, and Icelanders. The thin child was, in England, a northerner. The family came from land invaded and settled by Vikings. These were her stories.
Aus Sicht des Kindes Byatt wie des Familienvaters Tolkien verkörpern gerade nicht die den »noble northern spirit«, die in Dänemark und Norwegen einmarschieren und England mit Bombenteppichen überziehen, sondern diejenigen, die angesichts dieser Brutalität ausharren und gegen sie ankämpfen. Dass ein Organ wie Metapedia das nicht kapiert, ist nicht verwunderlich. Aber gibt es wirklich etwas, das den nordischen Geist edel macht, und die Aneignung der nordischen Mythologie durch die Nazis niederträchtig?

Kommentare:

Alexandra Trinley hat gesagt…

Interessanter Artikel, hab' ihn auf Twitter geteilt und auch in den einen oder anderen auf deinem Blog reingeschaut.
Ein sehr gutes Buch über den Umgang der Nazionalsozialisten mit Literatur jeder Art ist Christian Adam: Lesen unter Hitler. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich. Berlin: Galiani, 2010, (c) Kiepenheuer und Witsch. Eine sehr materialreiche Arbeit mit vielen Daten zur Rezeption und Verbreitung von Unterhaltungsliteratur.
Auf S.304f geht es zum Beispiel um ein Verbotsverfahren gegen SUN KOH vor der Prüfstelle Berlin für Schund- und Schmutzliteratur mit einer Darlegung der rechtlichen Argumentation. Er zeigt, wie die Nazis das hin- und herdrehten und wie die Verlage wiederum ihre Produkte kritiksicher machten.

Hilo hat gesagt…

Hey,
ich finde deinen Text schwierig. Hab den Eindruck, er isoliert die Nazi-Idee der "europiden Großrasse" vom Menschenbild Zb des britischen Kolonialismus. Heißt, dass ich es auch schwierig finde zu versuchen, "nordisch sein" positiv zu besetzen vs dem, was Hitler dazu sagen würde. Frage mich, ob die Aussage Tolkiens wirklich so kritisch ist oder ob sie nicht einfach nur entsetzt darüber ist, dass jemand "Einfältiges" wie Hitler sich darüber auseinandersetzt vs den vielleicht blumigeren und reflektierteren Worten und Bildern eines Tolkien, Wagner und Co. Ich denke, Nazis können Tolkien vereinnahmen, weil Tolkien ihnen die Möglichkeit dazu gegeben hat, nicht unbedingt beabsichtigt, aber das Schwadronieren über Blut und Boden in LOTR neben der starken Rassifizierung der Figuren spricht Bände. Ich bin mir sicher, dass Tolkien nur ein spannendes Buch erschaffen wollte (was er auch tat), aber er tat es durchaus mit den Bildern, die uns systematischer Rassismus beibringt. Für mich ist die Frage auch weniger wichtig, was Tolkien wollte, sondern was seine Geschichten noch heute in uns auslösen.

Alexandra Trinley hat gesagt…

Ohne die Antwort des Bloginhabers vorwegnehmen zu wollen - Tolkien war Professor für Englische Literatur in Oxford. Er schrieb sich schon als Teenager eigene Sprachansätze, daraus entstand Elbisch etc. Sein Ziel war, die Mythologie der Britischen Inseln zusammenzuführen und neu zu beleben. "Lord of the Rings" entstand nach einer Pubwette mit Lewis . wobei Tolkien die Narnia-Chroniken wegen der starken christlichen Anklänge ablehnte. Andererseits gab es in Oxford natürlich diese ultrastarke christliche Grundströmung ...
Hitler hatte er weniger im Blick als die Industrialisierung, die alles Traditionelle vernichtete. Sauron und die Industrialisierung, achte darauf. Tom Bombadil verkörpert die Naturwissenschaften.
Kolonialismus und Faschismus auseinanderzudividieren ist sicher eine Sache für sich. Und in der Regel sieht man die Fehler der anderen klarer als die der eigenen Leute.
Weiterführend - Kipling und das "Dschungelbuch", das ist reiner Kolonialismus. Aber wirkt er so auf den Leser?

Murilegus rex hat gesagt…

@Alexandra:

Das Buch von Adam habe ich für meinen Post über Spinrads Iron Dream verwendet, den ich oben im Text auch verlinkt habe. Eine interessante Ergänzung dazu finde ich Hitlers Bücher von Timothy W. Ryback, der Hitlers Bibliothek analysiert und damit zur Abwechslung mal hinausgeht über das »Hitler war schrecklich ungebildet und hat nur Karl May gelesen«-Meme (als ob das eine ausreichende Erklärung für den faschistischen Führerkomplex wäre).

@Hilo:

Danke, du weist auf eine bedeutende Lücke in meinem Text hin. Auf den Kolonialismus bin ich in der Tat nicht eingegangen, bzw. habe nur in der Bemerkung »Die europide ›Rasse‹ ist zur Weltherrschaft ausersehen« darauf angespielt. Allerdings hoffe ich, zumindest deutlich gemacht zu haben, dass die Rassenkunde kein Steckenpferd der Nazis war, sondern in Nordamerika und Europa sowohl in der Wissenschaft als auch im Alltagsverstand tief verankert. Die Frage nach dem kolonialen Denken bei Tolkien wäre aber zu umfangreich gewesen, um sie auch noch in diesem Text unterzubringen. Da müsste es nicht nur um Tolkiens eigene Behandlung des Themas gehen (z.B. die Gründung Gondors), sondern auch um den Einfluss der kolonialen Fantasy des 19./frühen 20. Jahrhunderts (John Buchan, H. Rider Haggard) auf sein Werk.

Es geht mir übrigens nicht darum, eine vermeintliche Intention des Autors Tolkien aus seinem Werk zu isolieren, und auch nicht darum, einen Versuch zu unternehmen, »nordisch« positiv zu besetzen. Tolkiens Werk ist in seiner Haltung zu dem Geist, der in der nordischen Literatur (d.h. der angelsächsischen und altskandinavischen Dichtung) zum Ausdruck kommt, von einer Ambivalenz geprägt, an der sich das Problem des ganzen Komplexes (Faszination fürs Nordische) m.E. ziemlich gut herausarbeiten lässt. Das habe ich in einem weiteren Blogpost vor (ob es mir gelingt, ist natürlich eine andere Frage). Deshalb endet der aktuelle Post erst mal mit einem Fragezeichen.

Blut-und-Boden-Ideologie sehe ich bei Tolkien übrigens nicht.

Raskolnik hat gesagt…

Über Tolkiens Auseinandersetzung mit dem "Nordischen", die auch ich für sehr komplex halte (man denke bloß an "The Homecoming of Beorhtnoth, Beorhthelm's Son"), wollte ich schon seit langem mal was schreiben. Aber wer weiß, ob ich je dazu komme ...

Ich finde es z.B. äußerst interessant, dass sich die Idee des "nordischen Mutes", von der Tolkien in "Die Ungeheuer und ihre Kritiker" spricht, in ganz ähnlicher Form auch bei William Morris findet. E.P. Thompson stellt in seiner Morris-Biographie "Romantic to Revolutionary" sogar die These auf, es sei u.a. dieses Ideal gewesen (das Morris aus seiner Beschäftigung mit der Saga-Literatur gewonnen hatte), welches es dem Künstler in den 1870ern ermöglichte, seine tiefe Hoffnungslosigkeit zu überwinden und in den politishen Kampf einzutreten.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.