Mittwoch, 17. Juni 2015

3000 Jahre Riesenschnauzer

Dass Günther Jauch, der Idealschwiegersohn aller Eva-Herman-Muttitypen, ein Idiot ist, wussten wir schon. Was aber normalerweise keiner Erwähung wert ist, wird für mich zur Herausforderung, wenn Jauch seine Ahnungslosigkeit in Sachen Mythologie zur Schau stellt. Der verlinkte Kommentar präsentiert schon eine beachtliche Anzahl von schnauzertragenden Riesen der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit, von Magnum über Moses Hightower bis hin zu Borat (wenn es sich dabei auch nur um Riesen im übertragenen Sinne handelt, was sie für meine Zwecke weniger interessant macht). Tatsache ist aber: Die Vorliebe der Riesen für (Schnauz)bartmode ist jahrtausendelang bemerkenswert konstant geblieben. Das lässt sich bis zu den Anfängen der mythographischen Aufzeichnungen zurückverfolgen.

Riesen gibt es in allen möglichen Weltgegenden, vom hohen Norden bis zum Mittelmeer. In Deutschland gab es z.B. im Odenwald eine vielköpfige Riesenpopulation, bis der letzte Odenwaldriese zu Beginn des 16. Jahrhunderts von Kaiser Maximilian I. erschlagen wurde. Vielfältige Zeugnisse gibt es für die levantinischen Riesen. Das Alte Testament erwähnt zwei Völker von Riesen, die Nefilim und die Refaim. Meist erscheinen sie als Gegner Israels. Ein riesenhaftes Geschlecht waren die Söhne Anaks, die vom israelitischen Feldherrn Josua in die Küstenstädte Gaza, Gat und Aschdod zurückgedrängt wurden. Ein Riese war auch der König Og von Baschan, dessen Bett (anderen Überlieferungen zufolge sein Sarg) vier Meter lang war. Doch auch auf hebräischer Seite kämpfte ein berühmter Riese: Samson, der Held Israels, dem ein erstaunliches Nachleben in italienischen Sandalenfilmen beschieden war. Marcello Baldis Gideon und Samson (1966) etwa stellt ihn vollbärtig (und mit Vokuhila) dar:


Man beachte jedoch folgenden Kupferstich, auf dem Delila dem schlafenden Samson die Haare schert und ihn damit seiner Riesenkräfte beraubt:


Hier ist Samson eindeutig mit einem Menjou-Bärtchen zu sehen. Doch damit nicht genug. Im Örtchen Tamsweg in der Steiermark wird eine Samsonfigur in der alljährlichen Fronleichnamsprozession getragen. Die Figur zeigt Samson in voller Rüstung und mit einem prächtigen Schnauzer:


»Make Love, not War« soll das Blumenbukett an Samsons Speer wohl bedeuten. Es bleibt aber kriegerisch. Der mit Abstand berühmteste Riese der Bibel ist der Philister Goliat. Wir alle kennen die Geschichte: Das philistäische und das israelitische Heer stehen sich gegenüber. Da tritt Goliat aus den Reihen hervor und brüllt Israel eine Herausforderung zum Zweikampf entgegen. Die israelitischen Krieger verlieren sämtlich ihren Mut beim Anblick Goliats, der einen Speer schwingt, dessen bronzene Spitze fast 15 Pfund wiegt. Allein der Hirtenjunge David, der eigentlich nur Proviant für seine älteren Brüder ins Feldlager bringen sollte, wagt es, dem Hünen entgegenzutreten. Er tötet ihn, indem er ihm einen Stein gegen die Stirn schleudert. Anschließend schneidet er ihm mit seinem eigenen Schwert den Kopf ab. Goliat stammt aus Gat, also aus einer der Städte, in die sich zuvor die Anakiter zurückgezogen haben. Ein Gemälde Orazio Borgiannis stellt die blutrünstigen Details dar:

 
Dem reichlich spritzenden Blut zum Trotz ist Goliats Schnauzer klar zu erkennen.

Die griechische Mythologie kennt mehrere Klassen riesenhafter Wesen, unter ihnen die Giganten, Zyklopen und Laistrygonen. Ein besonders beeindruckendes Exemplar ist der in Nordafrika beheimatete Riese Antaios, der fast 30 Meter maß. Er ernährte sich ausschließlich von Löwen und tötete alle vorbeikommenden Reisenden, um aus ihren Schädeln einen Tempel für seinen Vater, den Meeresgott Poseidon, zu bauen. Besiegt werden konnte er nur von Herakles. Und nun schaue man sich an, wie der Zweikampf zwischen Antaios und Herakles auf einem Mischgefäß des 6. vorchristlichen Jahrhunderts aussieht:


Muss ich extra erwähnen, welche der beiden Figuren der Riese Antaios ist? Das Gefäß wird heute im Louvre aufbewahrt.

Wer jetzt den Eindruck hat, Riesen hätten nur in der Antike Schnurrbärte getragen, irrt sich. Aus der kornischen Märchenwelt stammt der berühmte Riesentöter Jack, dessen menschenfressende Gegenspieler Namen wie Blunderbore, Cormoran und Thunderdel tragen. Eine viktorianische Illustration zeigt die Tötung Cormorans (Größe: 6 m), der einen gesträubten Schnauzbart trägt:

Aufgrund seiner Verdienste als Riesentöter wird Jack, ein einfacher Bauernsohn, in König Artus’ Tafelrunde aufgenommen.

Der bekannteste Riese der kontinentaleuropäischen Märchen- und Sagenwelt ist Rübezahl, der auf Tschechisch Krakonoš heißt. Rübezahls Markenzeichen ist sein wallender roter Bart. Gelegentlich erscheint er mit glattrasierter Oberlippe, so auf dem Friedrichshainer Märchenbrunnen:



Sehr viel häufiger sind jedoch Darstellungen, auf denen Rübezahl zum Rauschebart einen Schnauz trägt, wie hier links und rechts zu sehen ist.



Zu guter letzt sei ein Riese der Gegenwart erwähnt, dessen Schnurrbartform eindeutig die ungebrochene Kontinuität der Riesenbartmode von der Altvorderenzeit bis zum heutigen Tag belegt:


Die verblüffende Ähnlichkeit zu den Schnurrbärten Goliats und Antaios’ ist nicht zu übersehen.

Was ich mit dieser kulturgeschichtlichen Tour durch die Mythologie des Riesenschnauzers nun hoffentlich gezeigt habe: Günther Jauch und RTL, ihr seid geist- und witzlose Trottel. Sucht euch neue Jobs, in denen ihr nicht mehr mit Menschen interagieren müsst.

Bildquellen: Cinema.de, Wikimedia Commons.

1 Kommentar:

Murilegus rex hat gesagt…

Grrrmpf. Kurze Zeit nach diesem Post erweist sich Honk Hogan als rassistischer Volldepp ...

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.