Montag, 2. Februar 2015

Some Lost Impressions That I Had

Nachdem ich mir die vierte Staffel von The Walking Dead zu Gemüte geführt habe (und damit sehr glücklich war), habe ich gegen den Rat von so ziemlich allen, die die Serie kennen, mit der ersten Staffel von Lost begonnen. Da ich also vielfältig gewarnt bin, rechne ich nicht mit großen Enttäuschungen. Es folgen einige (ebenso unsortierte wie unfertige) Eindrücke, die sich im Laufe der ersten Folgen bei mir angesammelt haben.

Die Figuren

Sind vor allem deshalb interessant, weil sie allesamt eine mysteriöse Vergangenheit zu haben scheinen und gemeinsam auf einer einsamen Insel abgestürzt sind. Leider nur deshalb. Für Spannung ist damit durchaus gesorgt, denn ich wohl schon wissen, was all diese Leute angestellt oder erlitten haben, bevor sie zu spätkapitalistischen Robinsons wurden. Aber wenn man mich fragte, ob sie mich auch sonst, unter anderen Umständen, interessieren würden, müsste ich mit nein antworten. Ausnahmen sind bislang nur Kate und Sayid. Unter Umständen hätte auch Sun-Hwa das Potential, als Figur mehr zu sein als leidende Ehefrau.

Stereotype

Die allermeisten Figuren kommen scheinen mir eher Typen als Charaktere zu sein. Das geht natürlich nicht ohne Klischees ab: Da ist Hurley, der Nerd. Sawyer, das charmante Arschloch. Locke, der mystische Naturbursche. Charlie, der abgehalfterte Rockstar. Claire, die anscheinend ausschließlich zum Beschütztwerden da ist. Michael, der überforderte Vater, und Walt, der maulige Sohn. Boone, der unselbständige Jüngling. Shannon, der verwöhnte Yuppie. Und so weiter. Na gut, Klischees sind dazu da, um gebrochen zu werden. Ansätze dazu sind vorhanden. Charaktere, die sich durch mehr als nur eine Eigenschaft auszeichnen, sind allerdings auch eine feine Sache. Bisher trifft das leider nur auf Jack, Kate und Sayid zu.

Ärgerlicher sind aber andere Dinge. Zum Beispiel Michael und Walt mit ihren Familienproblemen. Müssen ausgerechnet die einzigen Afroamerikaner im main cast aus zerrütteten Verhältnissen kommen? Gar nicht cool. Und Jin-Soo, der Koreaner, der wird geothert, dass der Bildschirm kracht: Anscheinend gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, nach dem Menschen aus Ost- oder Südostasien als fremd, mysteriös und einem unverständlichem Wertesystem folgend dargestellt werden. Hoffentlich ändert sich da noch was. Erfreulich ist dagegen die Darstellung Sayids. Während des laufenden Irakkriegs einen ehemaligen Schergen der Saddam-Diktatur zum sympathetic character zu machen, ist eine starke Sache, zumal Sayid weder als einfältiger Drittweltler noch als Monster gezeichnet wird. Zwischen Tatkraft, Verdrängung und Verzweiflung schwankend, bricht er ein weiteres ungeschriebenes Gesetz: dass nur weiße, westliche Charaktere Gewissensnöte haben können.

Realitätseffekte

Ich bin eigentlich nicht so drauf, dass ich ständig rechthaberisch »Das ist doch voooll unrealistisch!« rufen müsste. Fiktion ist erstmal einfach nur Fiktion und folgt ihren eigenen Gesetzen. Aber in Bezug auf Lost muss ich dann doch mal meckern: Wie um alles in der Welt kann man in der Wildnis abstürzen, scheinbar auf einer unbewohnten Insel, und sich dort wochenlang aufhalten, ohne zumindest mal alle Wasserläufe abzugehen, um auch wirklich sicher sein zu können, dass man sich in unbewohnten Gebiet befindet? Das ist doch keine allzu abwegige Idee, auf die man ruhig mal kommen könnte – vor allem, da man mit Kate eine Überlebenskünstlerin, mit Locke einen Survival-Experten (was nicht das gleiche ist) und mit Sayid einen Elitesoldaten dabei hat.

Meta

Sawyer liest die ganze Zeit Fantasy: Erst Watership Down von Richard Adams, dann A Wrinkle in Time von Madeleine L’Engle.

The Hero

Was den männlichen Helden der sogenannten Qualitätsserien angeht, zeichnen sich meines Erachtens zwei Grundtypen ab: Zum einen der Antiheld, der sich durch eine kriminelle Karriere oder irgendwelche Machtspiele durch die Midlife Crisis retten will (Beispiel: Walter White aus Breaking Bad), zum anderen der verantwortungsbewusste Typ, der in einer gefahrvollen Situation zum Anführer wider Willen* wird (Beispiel: Rick Grimes aus The Walking Dead). Jack Shephard ist ganz klar der zweite Typ. Er reißt die Verantwortung nicht an sich, sondern stolpert sozusagen über sie und versucht sofort, sie zu schultern, wobei alle erst mal vertrauensvoll zu ihm aufblicken. Irgendwann, wie das so zu gehen pflegt, wird ihm sicherlich ein gefährlicher Konkurrent erwachsen. Aber warum ist eigentlich nicht Kate die Heldin?

* Wobei selten bis nie hinterfragt wird, warum es eigentlich unbedingt einen männlichen, monarchisch entscheidenden Anführer braucht.

Kommentare:

Pogopuschel hat gesagt…

Ich weiß gar nicht, warum dir alle davon abraten. Sicher, über die sechste Staffel und das Finale lässt sich streiten (ich fand es etwas unbefriedigend), aber in den ersten fünf Staffeln ist "Lost" ein großartiges Serienerlebnis. Ich werde demnächst mal einen Re-Watch starten.

Murilegus rex hat gesagt…

Ich muss sagen, ich bin allein schon deshalb gespannt, weil ich wissen will, ob ich das Ende auch so schlecht finde, wie dauernd behauptet wird.

molosovsky hat gesagt…

Wie man das Ende findet, hängt davon ab, auf welche Wart von Erwartungshaltung man sich in den ersten 5 Staffeln eher eingelassen hat. Ich fand sechste Staffel und Ende auch unbefriedigend, aber hochinteressant. Dramatisch ein Griff ins Klo (der Äktschn- & Mystery-Fan in mir hat sich total gelangweilt), aber auf der argumentativen Ebene durchaus beachtlich (der spirituelle Philosoph sagt »Reeespect!«).

Wie Pogo will ich auch dieses Jahr mal einen Am-Stück-Rewatch durchziehen.

Kurz: nicht alle raten ab von »Lost«. It' s a fun ride auf dem man viel herumkommt.

simifilm hat gesagt…

Obwohl ich sogar einen Vortrag an einer Tagung zu Lost gehalten habe, konnte ich mich nie dafür begeistern. Diese konstante Verrätselungsstrategie hat mich schnell genervt; mich langweilt dieses "Wir lösen das Rätsel nicht auf, sondern ersetzen es durch ein noch grösseres" schlicht und ergreifend. Kommt hinzu, dass ich schon früh den Verdacht hatte, dass die Macher keinen echten Plan haben, wie das Ganze aufgelöst werden soll – was mit der Zeit ja auch offensichtlich wurde.

Auf einer banaleren Ebene fand ich vieles auch sehr unglaubwürdig. Menschen stranden auf einer Insel und es dauert rund eine halbe Staffel, bis sie auf die Idee kommen, dass sie miteinander kooperieren müssen. So doof ist einfach niemand.

Schliesslich fand ich die Serie schauspielerisch über weite Strecken schwach. Im Gegensatz zu diversen anderen neuen «quality series» tummeln sich hier viele mittelmässige bis schlechte Darsteller. Von den Hauptfiguren fand ich einzig Terry O'Quinn (Locke) sehenswert, der Rest ist Soap-Niveau.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.