Montag, 21. September 2015

Puppies im Radio, auch zum Downloaden

Gestern abend gab es ein wenig Konfusion um die Radiosendung, für die ich interviewt wurde. Die Sendezeit war doch nicht 18–20 Uhr, sondern 19–21 Uhr. Das lag wohl daran, dass gestern auf Radio F.R.E.I. eine Sondersendung über Häuserkämpfe in Freiburg lief. Jedenfalls gibt es das Interview weiterhin zu hören, und zwar hier. Wer möchte, kann das Interview auch per CC-Lizenz weiterverwenden.

Vielen Dank noch mal an Juliane, die das möglich gemacht hat!

Sonntag, 20. September 2015

Kulturkampf – nicht nur um imaginäre Länder

Juliane von Radio F.R.E.I. hat mich zum Puppygate befragt. Das Interview wird heute abend in der Kultursendung F.R.E.I.stil (18–20 Uhr) per Livestream zu hören sein. Radio F.R.E.I. ist – der Name sagt es – ein freier, nichtkommerzieller Sender aus Erfurt (F.R.E.I. = Freies Radio Erfurt International) und 1990 als eines der ersten freien Radios der DDR entstanden. Juliane schreibt auf ihrem Blog Spinner*innen, was sie dazu bewogen hat, sich kritisch mit der Welpenplage in unserem Genre auseinanderzusetzen.

Mir hat die Sache großen Spaß gemacht. Ich war noch nie im Radio zu hören und bin gespannt auf die Sendung. Übrigens: Wer wissen möchte, warum ich in den letzten Monaten wenig bis gar nicht gebloggt habe, muss das Interview bis ganz zum Schluss anhören!

Mittwoch, 17. Juni 2015

3000 Jahre Riesenschnauzer

Dass Günther Jauch, der Idealschwiegersohn aller Eva-Herman-Muttitypen, ein Idiot ist, wussten wir schon. Was aber normalerweise keiner Erwähung wert ist, wird für mich zur Herausforderung, wenn Jauch seine Ahnungslosigkeit in Sachen Mythologie zur Schau stellt. Der verlinkte Kommentar präsentiert schon eine beachtliche Anzahl von schnauzertragenden Riesen der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit, von Magnum über Moses Hightower bis hin zu Borat (wenn es sich dabei auch nur um Riesen im übertragenen Sinne handelt, was sie für meine Zwecke weniger interessant macht). Tatsache ist aber: Die Vorliebe der Riesen für (Schnauz)bartmode ist jahrtausendelang bemerkenswert konstant geblieben. Das lässt sich bis zu den Anfängen der mythographischen Aufzeichnungen zurückverfolgen.

Riesen gibt es in allen möglichen Weltgegenden, vom hohen Norden bis zum Mittelmeer. In Deutschland gab es z.B. im Odenwald eine vielköpfige Riesenpopulation, bis der letzte Odenwaldriese zu Beginn des 16. Jahrhunderts von Kaiser Maximilian I. erschlagen wurde. Vielfältige Zeugnisse gibt es für die levantinischen Riesen. Das Alte Testament erwähnt zwei Völker von Riesen, die Nefilim und die Refaim. Meist erscheinen sie als Gegner Israels. Ein riesenhaftes Geschlecht waren die Söhne Anaks, die vom israelitischen Feldherrn Josua in die Küstenstädte Gaza, Gat und Aschdod zurückgedrängt wurden. Ein Riese war auch der König Og von Baschan, dessen Bett (anderen Überlieferungen zufolge sein Sarg) vier Meter lang war. Doch auch auf hebräischer Seite kämpfte ein berühmter Riese: Samson, der Held Israels, dem ein erstaunliches Nachleben in italienischen Sandalenfilmen beschieden war. Marcello Baldis Gideon und Samson (1966) etwa stellt ihn vollbärtig (und mit Vokuhila) dar:


Man beachte jedoch folgenden Kupferstich, auf dem Delila dem schlafenden Samson die Haare schert und ihn damit seiner Riesenkräfte beraubt:


Hier ist Samson eindeutig mit einem Menjou-Bärtchen zu sehen. Doch damit nicht genug. Im Örtchen Tamsweg in der Steiermark wird eine Samsonfigur in der alljährlichen Fronleichnamsprozession getragen. Die Figur zeigt Samson in voller Rüstung und mit einem prächtigen Schnauzer:


»Make Love, not War« soll das Blumenbukett an Samsons Speer wohl bedeuten. Es bleibt aber kriegerisch. Der mit Abstand berühmteste Riese der Bibel ist der Philister Goliat. Wir alle kennen die Geschichte: Das philistäische und das israelitische Heer stehen sich gegenüber. Da tritt Goliat aus den Reihen hervor und brüllt Israel eine Herausforderung zum Zweikampf entgegen. Die israelitischen Krieger verlieren sämtlich ihren Mut beim Anblick Goliats, der einen Speer schwingt, dessen bronzene Spitze fast 15 Pfund wiegt. Allein der Hirtenjunge David, der eigentlich nur Proviant für seine älteren Brüder ins Feldlager bringen sollte, wagt es, dem Hünen entgegenzutreten. Er tötet ihn, indem er ihm einen Stein gegen die Stirn schleudert. Anschließend schneidet er ihm mit seinem eigenen Schwert den Kopf ab. Goliat stammt aus Gat, also aus einer der Städte, in die sich zuvor die Anakiter zurückgezogen haben. Ein Gemälde Orazio Borgiannis stellt die blutrünstigen Details dar:

 
Dem reichlich spritzenden Blut zum Trotz ist Goliats Schnauzer klar zu erkennen.

Die griechische Mythologie kennt mehrere Klassen riesenhafter Wesen, unter ihnen die Giganten, Zyklopen und Laistrygonen. Ein besonders beeindruckendes Exemplar ist der in Nordafrika beheimatete Riese Antaios, der fast 30 Meter maß. Er ernährte sich ausschließlich von Löwen und tötete alle vorbeikommenden Reisenden, um aus ihren Schädeln einen Tempel für seinen Vater, den Meeresgott Poseidon, zu bauen. Besiegt werden konnte er nur von Herakles. Und nun schaue man sich an, wie der Zweikampf zwischen Antaios und Herakles auf einem Mischgefäß des 6. vorchristlichen Jahrhunderts aussieht:


Muss ich extra erwähnen, welche der beiden Figuren der Riese Antaios ist? Das Gefäß wird heute im Louvre aufbewahrt.

Wer jetzt den Eindruck hat, Riesen hätten nur in der Antike Schnurrbärte getragen, irrt sich. Aus der kornischen Märchenwelt stammt der berühmte Riesentöter Jack, dessen menschenfressende Gegenspieler Namen wie Blunderbore, Cormoran und Thunderdel tragen. Eine viktorianische Illustration zeigt die Tötung Cormorans (Größe: 6 m), der einen gesträubten Schnauzbart trägt:

Aufgrund seiner Verdienste als Riesentöter wird Jack, ein einfacher Bauernsohn, in König Artus’ Tafelrunde aufgenommen.

Der bekannteste Riese der kontinentaleuropäischen Märchen- und Sagenwelt ist Rübezahl, der auf Tschechisch Krakonoš heißt. Rübezahls Markenzeichen ist sein wallender roter Bart. Gelegentlich erscheint er mit glattrasierter Oberlippe, so auf dem Friedrichshainer Märchenbrunnen:



Sehr viel häufiger sind jedoch Darstellungen, auf denen Rübezahl zum Rauschebart einen Schnauz trägt, wie hier links und rechts zu sehen ist.



Zu guter letzt sei ein Riese der Gegenwart erwähnt, dessen Schnurrbartform eindeutig die ungebrochene Kontinuität der Riesenbartmode von der Altvorderenzeit bis zum heutigen Tag belegt:


Die verblüffende Ähnlichkeit zu den Schnurrbärten Goliats und Antaios’ ist nicht zu übersehen.

Was ich mit dieser kulturgeschichtlichen Tour durch die Mythologie des Riesenschnauzers nun hoffentlich gezeigt habe: Günther Jauch und RTL, ihr seid geist- und witzlose Trottel. Sucht euch neue Jobs, in denen ihr nicht mehr mit Menschen interagieren müsst.

Bildquellen: Cinema.de, Wikimedia Commons.

Donnerstag, 28. Mai 2015

RoboCop 2014

Mark Bould hat eine sehr übersichtliche Rezension zu José Padilhas RoboCop geschrieben: “[T]he very best thing is that in the tagline at the top of the poster, very first word, they spelt ‘cinema’ wrong…” Die Tagline lautet:


Ich fasse mich noch kürzer: Schnitte man die Szenen mit Samuel L. Jackson als rechter Pundit zusammen, bekäme man eine nette Politsatire.

Mittwoch, 20. Mai 2015

Carl Amery: Bibliographie

Ziel ist, eine möglichst vollständige Bibliographie von Carl Amery zu erstellen. Wird deshalb immer mal wieder ergänzt werden. Für Hinweise bin ich dankbar.

Satiren

  • Der Wettbewerb. Roman, Nymphenburger, München 1954.
  • Die große deutsche Tour. Heiterer Roman, Nymphenburger, München 1958.
  • Die starke Position oder Ganz normale MAMUs. Acht Satiren, List, München 1985.

Phantastische Romane

  • Das Königsprojekt. Roman, Piper, München/Zürich 1974.
  • Der Untergang der Stadt Passau. Science-Fiction-Roman, Heyne, München 1975.
  • An den Feuern der Leyermark. Roman, Nymphenburger, München 1979.
  • Die Wallfahrer. Roman, List, München 1986.
  • Das Geheimnis der Krypta. Roman, List, München 1990.

Erzählungen und Kurzgeschichten

  • Im Namen Allahs des Allbarmherzigen, in: Peter Wilfert (Hg.), Tor zu den Sternen, Goldmann, München 1981.
  • Nur einen Sommer gönnt Ihr Gewaltigen, in: Wolfgang Jeschke (Hg.), Science-Fiction-Jubiläums-Band. 25 Jahre Heyne Science Fiction & Fantasy 1960–1985. Das Lesebuch, Heyne, München 1985.

Essays

  • Die Kapitulation oder Deutscher Katholizismus heute. Nachwort von Heinrich Böll, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1963.
  • Fragen an Welt und Kirche. 12 Essays, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1967.
  • Das Ende der Vorsehung. Die gnadenlosen Folgen des Christentums, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1972.
  • Natur als Politik. Die ökologische Chance des Menschen, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1976.
  • Energiepolitik ohne Basis. Vom bürgerlichen Ungehorsam zur energiepolitischen Wende, Fischer, Frankfurt am Main 1978 (mit Peter Cornelius Mayer-Tasch u. Klaus Michael Meyer-Abich).
  • Marsch, zurück auf die Bäume oder Wie wir es besser machen können, Schaffstein, Dortmund 1979.
  • G.K. Chesterton oder Der Kampf gegen die Kälte (Sammlung Kerle 3), Kerle, Freiburg im Breisgau/Heidelberg 1981.
  • Lebenselemente. Feuer – Wasser – Luft – Erde, Herder, Freiburg im Breisgau u.a. 1985 (mit Günter Altner, Robert Jungk u. Jürgen Schneider).
  • Die ökologische Chance. Mit einem »Nachwort 1985«, List, München 1985 (= Das Ende der Vorsehung und Natur als Politik in einem Band).
  • Das ökologische Problem als Kulturauftrag, BIS, Oldenburg 1988.
  • Bileams Esel. Konservative Aufsätze, List, München 1991.
  • Die Botschaft des Jahrtausends. Von Leben, Tod und Würde, List, München 1994.
  • Hitler als Vorläufer. Auschwitz – der Beginn des 21. Jahrhunderts?, Luchterhand, München 1998.
  • Klimawechsel. Von der fossilen zur solaren Kultur. Ein Gespräch mit Christiane Grefe, Kunstmann, München 2001 (mit Hermann Scheer).
  • Global Exit. Die Kirchen und der Totale Markt, Luchterhand, München 2002.
  • Arbeitsteilung: Die einen sahnen ab, die anderen zahlen. Das Herz der Finsternis, auf: www.umweltdebatte.de, o.J.
  • Arbeit an der Zukunft. Essays, hg. v. Joseph Kiermeier-Debre, Luchterhand, München 2007.

Beiträge zu Sammelbänden

  • Bekennen Sie sich zu den besten Traditionen des europäischen Katholizismus! An die Deutsche Bischofskonferenz in Fulda, in: Freimut Duve u.a. (Hgg.), Briefe zur Verteidigung der Republik (rororo aktuell 4191), Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1977, 11–15.
  • Im Ernstfall verheizt. Ein Brief in den Mittleren Westen, in: Freimut Duve u.a. (Hgg.), Zuviel Pazifismus? (rororo aktuell 4846), Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1981, 67–73.
  • Voll tiefen Mitleids. Bayerische Reflexionen zur Kieler Affäre, in: Heinz Ludwig Arnold (Hg.), Vom Verlust der Scham und dem allmählichen Verschwinden der Demokratie. Über politische Kultur und Moral in der Bundesrepublik Deutschland, Steidl, Göttingen 1988, 211–216.
  • Wenn aber das Salz schal geworden ist ... Künden die Kirchen auf der Höhe der Zeit?, in: Sind die Kirchen am Ende?, Pustet, Regensburg 1995, 9–20.
  • Du voll Unendlichkeit, in: Elisabeth Schweeger/Eberhard Witt (Hgg.), Ach Deutschland, belleville, München 2000, 39–45.
  • Halt a Prophet. In memoriam Friedrich Heer, in: Richard Faber (Hg.), Offener Humanismus zwischen den Fronten des Kalten Krieges. Über den Universalhistoriker, politischen Publizisten und religiösen Essayisten Friedrich Heer, Königshausen & Neumann, Würzburg 2005, 9–11.

Beiträge zu Zeitschriften, Jahrbüchern etc.

  • »Bahros Kommunismus ist Opposition«. Offener Brief des westdeutschen Schriftstellers Carl Amery an den DDR-Philosophen Wolfgang Harich, in: Der Spiegel 26 (1978), 46–52.
  • Der Betrug an den Knaben, in: Scheidewege. Jahresschrift für skeptisches Denken 9 (1979).
  • Rote Fäden im weißblauen Labyrinth, in: Der Spiegel 27 (1980), 166–169.
  • Ist Kassandra verstummt? Wie sich Politiker und Bürger die Warner vom Leibe halten, in: Wolfgang Jeschke (Hg.), Das Science-Fiction-Jahr 3. Ein Jahrbuch für den Science-Fiction-Leser, Heyne, München 1988, 19–36.
  • Die Botschaft des Jahrtausends, in: Scheidewege. Jahresschrift für skeptisches Denken 27 (1997/98).
  • Erleben wir Wirklichkeit!, in: Der Spiegel 10 (1999), 186.
  • Heraus aus der schlechten Utopie, in: Scheidewege. Jahresschrift für skeptisches Denken 30 (2000/01).
  • Die Reichsreligion. Eine Rede an die Zivilgesesellschaft, in: Scheidewege. Jahresschrift für skeptisches Denken 33 (2003/04), 56–?.

Bavariana

  • Leb wohl, geliebtes Volk der Bayern, Bertelsmann, München 1980.
  • München (Merian-Reiseführer 3708), dtv, München 1982 (mit Marina Bohlmann-Modersohn).
  • Bayern, Bucher, München 1993 (Bildband mit Fotografien von Georg Kürzinger).

Rezensionen

  • Das innere Elend unserer Herrscher (Rezension zu Horst-Eberhard Richter, Der Gotteskomplex), in: Der Spiegel 17 (1979), 212–215.
  • Die Masken der bayerischen Seele (Rezension zu Gerhard Bauer/Helmut F. Pfanner [Hgg.], Oskar Maria Graf in seinen Briefen), in: Der Spiegel 41 (1984), 250–252.
  • Der heilige Waldschrat aus Ostpreußen (Rezension zu Siegfried Lenz, Exerzierplatz), in: Der Spiegel 37 (1985), 215–217.

Interviews

  • Annette Ramelsberger/Joachim Reimann, »Typisch bayerische Revolution«. Schriftsteller Carl Amery über die Reaktion auf das Karlsruher Kruzifix-Urteil, in: Der Spiegel 34 (1995), 40–44.

Lyrik

  • Zucker und Zimt. ff. Gereimtheiten, Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München 1972 (mit Kurt Kusenberg u. Eugen Oker).
  • Fleuves & Turbulences (Strömungen & Wirbel). Zwischenernte eines reichgeschüttelten Reimlebens, Kuckuck und Straps, München 2000 (mit Eugen Oker).

Herausgeberschaften

  • Die Provinz. Kritik einer Lebensform, Nymphenburger, München 1964.
  • Bayern, ein Rechts-Staat? Das politische Porträt eines deutschen Bundeslandes, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1974 (mit Jochen Kölsch).
  • Briefe an den Reichtum, Luchterhand, München 2005.

Donnerstag, 30. April 2015

Mythenreihe II

Im zweiten Teil meiner Mythenreihe-Reihe bespreche ich Viktor Pelewin, der sich den Mythos von Theseus und dem Minotaurus vorgenommen hat, und Olga Tokarczuk, die sich mit dem mesopotamischen Inanna-Mythos befasst.

Das menschliche Gehirn ist so etwas wie das letzte Refugium der Metaphysik in in der Gegenwart. Lässt sich irgendein Aspekt des menschlichen Verhaltens auf »das Gehirn« und seine Aktivitäten zurückführen, gilt das als Beglaubigung, die Ehrfurcht verlangen darf. Metaphysisch ist dieser Glaube ans Gehirn gerade dadurch, dass er sich selbst als ganz und gar naturwissenschaftlich versteht – und sich damit doch nur als eine Wissenschaft erweist, die nicht über sich selbst aufgeklärt ist. Die alten Griech_innen glaubten, dass sich in der Brust des Menschen ein Organ namens Thymos befinde, das von den Göttern mit Emotionen gefüllt werden könne, die dann das menschliche Handeln bestimmen.* Heute hat das Gehirn sowohl die Funktion der Götter als auch die des den göttlichen Willen übermittelnden Organs übernommen. Im alten Griechenland lehrte Thales von Milet, dass die Welt voller Gottheiten sei – jede Quelle, jeder Fluss wurde von einer Nymphe bewohnt. Unsere Welt dagegen ist entgöttert, und der einzige Ort, der uns numinose Botschaften empfangen lässt, befindet sich paradoxerweise in unserem Kopf. Was mit Feuerbach ein Stück materialistische Erkenntnis sein könnte – dass wir nämlich unverbesserliche Götterproduzentinnen sind –, ist zum szientistischen Mythos der Gegenwart geronnen: Ein Teil (das Gehirn) determiniert das Ganze (die Menschen und ihre Umwelt). Damit ist die Naturwissenschaft zum Metaphysikersatz für verwirrte Geister geworden, die sich heute in allerlei »skeptischen«, »naturalistischen« und »evolutionär-humanistischen« Zirkeln versammeln (was an sich nicht schlimm wäre, wenn nicht die selben Geister leider auch Biologie lehrten und Bücher über Atheismus schrieben). Gründlicher hat nie jemand die Verhältnisse von den Füßen auf den Kopf gestellt.

Die Definition des Mythos, auf der Der Schreckenshelm von Viktor Pelewin aufbaut, ist Teil dieser Gehirnmetaphysik, genauer gesagt, sie ist ihre Ursprungserzählung:
Wenn man sich das menschliche Denken als einen Computer vorstellt, so sind die Mythen vielleicht ihre [sic!] »shells«: Programmroutinen, denen wir folgen beim »Berechnen« der Welt; mentale Matrizes, die wir auf komplexe Ereignisse projizieren, um sie mit Bedeutung zu füllen. Computerexperten behaupten, um gute Programme zu schreiben, müsse man jung sein. Diese Regel scheint für kulturelle Codes ebenso zu gelten. Unsere Programme wurden geschrieben, als die menschliche Rasse [sic!] noch jung war – zu einem Zeitpunkt, der uns so obskur und entlegen erscheint, daß wir die Programmiersprache gar nicht mehr verstehen.
Als Shell wird normalerweise eine Schnittstelle zwischen Computer und Benutzer_in bezeichnet. Aber wenn der Mythos dem Computer (= dem Gehirn) zum Berechnen der Welt dient, wer sind dann die Benutzer_innen? Sind wir außerhalb oder innerhalb unseres Gehirns? Ist die Welt, wie wir sie wahrnehmen, ein Produkt des Gehirns? Das sind die Fragen, die Pelewin anhand der Geschichte vom Labyrinth des Minotaurus stellen will, aber schlechthin nicht beantworten kann, weil seine Definition des Mythos selbst ein Mythos ist. Und weil Pelewin es schon im Vorwort verrät, spoilere ich nicht, wenn ich es gleich sage: Sein Antwortversuch besteht darin, es sich mit der Paradoxie bequem zu machen und zu erklären: Alles findet nur in deinem Kopf statt.

Als menippeische Satire auf den Mythos vom menschlichen Gehirn käme Der Schreckenshelm ganz zur rechten Zeit. Aber weil Pelewin selber glaubt, dass wir alle passive Opfer unserer – mit schreckenerregender metaphysischer Macht ausgestatteten – grauen Zellen sind, ist es mit der Satire nicht weit her und der Ausgang des Buches erwartbar. Deshalb: Soll es um Paradoxien und Labyrinthe gehen, lese ich auch in Zukunft lieber Chesterton und Borges.

Um diese Besprechung des Schreckenshelms nicht in reiner Ablehnung enden zu lassen, will ich abschließend bemerken, dass das Buch auch einen wirklich brillanten Moment hat, nämlich folgende Parodie eines poststrukturalistischen Intellektuellen:
[Er] war Franzose, eindeutig der Klügste von allen, und sah noch dazu eindrucksvoll aus: verschlissenes Mao-Jackett, Tabakspfeife, verwuschelter Haarschopf. [...] Zuerst blickte er eine ganze Weile stumm in die Kamera und raufte sich das Haar, bevor er schließlich verkündete, er müsse wohl oder übel mit einem Allgemeinplatz beginnen. Ein grundlegendes Verdienst der modernen französischen Philosophie bestehe darin, daß es ihr erstmals gelungen sei, liberale Werte und revolutionäre Romantik in den Grenzen eines sexuell erregten Einzelbewußtseins widerspruchsfrei zu vereinen. Darauf starrte er wieder mindestens eine Minute wortlos in die Kamera, hob den Finger und erklärte im Flüsterton: Dieses Postulat, wie transparent und schlüssig es auch erscheine, sei für sich genommen bereits ein Layrinth, wie es sich unweigerlich aus jedem Gespräch mit sich selbst oder anderen ergebe, in dessen Verlauf ein jeder von uns mal Minotaurus sei und mal sein Opfer. Da könne man nichts machen. Aber dieses Nichts, fuhr er fort, das könne man machen – etwa indem man neue Begriffe einführt, umfassendere im Vergleich zum Labyrinth. So könne man zum Beispiel vom Diskurs sprechen. [...] Der Diskurs [...] sei der Ort, an dem Worte und Begriffe in die Welt kommen: Labyrinthe, Minotaurus, Theseus, Ariadne et cetera. Auch der Diskurs selbst entspringe dem Diskurs. Das Paradoxe daran sei, daß zwar alle Natur aus ihm hervorgehe, er selbst in der Natur aber nicht zu finden sei und erst seit kurzem synthetisch erzeugt werde. Eine andere tragische Dissonanz liege darin, daß der Diskurs, obzwar der Ursprung von allem und jedem, ohne staatliche oder private Förderung keine drei Tage anhalte, dann versiege er unwiderruflich. Weshalb es für eine Gesellschaft keine vordringlichere Aufgabe geben könne, als den Diskurs zu subventionieren.
Worauf eine andere Figur bemerkt: »Madonna! Wenn ich das Wort Diskurs höre, entsichere ich mein Simulakrum.« Ich muss sagen, das hätte auch Umberto Eco nicht besser hinkriegen können.

Einen ganz anderen Weg der Auseinandersetzung mit dem Mythos geht Olga Tokarczuk – oder sollte ich besser sagen, sie geht einen anderen Weg der Auseinandersetzung mit dem Mythosbegriff? Wahrscheinlich wäre das passender, denn die Reihe beruht nicht auf einer einheitlichen Definition des Mythos, auch nicht auf der, die Karen Armstrong in ihrer Kurzen Geschichte des Mythos gibt.** Tokarczuk bezieht sich zunächst auf eine Definition von Karl Kerényi: »Mythos ist die Epiphanie des Göttlichen im Sprachzentrum des menschlichen Hirns.« Das klingt, als wolle sie Armstrongs religionsphänomenologischen Mythosbegriff mit Pelewins Gehirnmetaphysik kombinieren. Gleich darauf macht Tokarczuk aber deutlich, dass sie einen anderen Weg einschlägt: »Solange wir die Götter auf ihren Reisen, Abenteuern, in ihren Metamorphosen, ihren Schöpfungen und Apokalypsen begleiten, existieren sie auch.« Mythen sind Produkte unserer Imagination, aber gleichwohl sehr real. Damit die Götter existieren können, muss von ihnen erzählt werden. Das ist der Unterschied zwischen Tokarczuks Auffassung und denjenigen von Armstrong und Pelewin: dem Erzählen kommt das logische und historische Primat zu. Es mag sein, dass Mythen – darunter sind in diesem Fall mal sagen-, mal märchenhafte Geschichten von Göttinnen und Helden zu verstehen – geglaubt wurden, aber zuvor mussten sie erst einmal erzählt werden. Ähnlich sah es übrigens Walter Benjamin:
Man würde irren mit der Annahme, was die ältesten Geschichten der Menschheit an Zaubermären, Fabelgut, Verwandlungen und Geisterwirken enthielten, sei nichts als der Niederschlag ältester, religiöser Vorstellungen. Gewiß sind Odyssee und Ilias, sind die Märchen der 1001 Nacht gleichsam Stoffe gewesen, die nur erzählt wurden; genauso wahr aber ist der Satz, die Stoffe dieser Ilias, dieser Odyssee, dieser Märchen aus 1001 Nacht haben erst im Erzählen sich zusammengewoben. Die Erzählung hat dem ältesten Sagengute der Menschheit nicht mehr entnommen als sie ihm selber gegeben hat.
Was Tokarczuk erzählen will, ist die Geschichte der sumerischen Göttin Inanna, ihrem Abstieg in die Unterwelt und ihrer Auferstehung. Anders als die Mythenbände, die ich bisher rezensiert habe, versucht sie es mit einer straighten Nacherzählung – etwas, worauf A.S. Byatt explizit verzichtete. Byatt betont, die Geschichten der skandinavischen Mythologie könnten für ihr erwachsenes Selbst nicht die Bedeutung haben, die sie für sie als Kind im 2. Weltkrieg hatten. Tokarczuks Herangehensweise ist weniger persönlich-autobiographisch geprägt. Ihr Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass die Erzählung von der sterbenden und auferstehenden Gottheit die älteste Geschichte der Menschheit ist, die Geschichte aller Geschichten. Ich bin mir da nicht so sicher, denn ich glaube, dass eine solche Geschichte nur im Kontext einer ackerbauenden Gesellschaft entstanden sein kann, und die Menschen haben die längste Zeit ihres Daseins keine Landwirtschaft betrieben, sondern als Jägerinnen und Sammler gelebt. Aber Tokarczuk hat recht mit ihrer Überzeugung, dass diese Geschichte sich weiterhin erzählen lässt. Nicht nur von einem christlichen Standpunkt hat die sterbende und auferstehende Gottheit die westliche Kultur stärker geprägt hat als irgendeine andere Geschichte. An ihr zeigen sich auch die altorientalischen Wurzeln der westlichen Kultur, die oft missachtet oder vergessen werden – dabei war selbst Homer von der Gilgamesch-Erzählung beeinflusst.

Tokarczuk lässt ihren Roman nicht im historischen Uruk spielen, der Stadt Inannas, sondern in der Fantasiemetropole Ibru. Damit hat sie einen Schauplatz erfunden, der archaisch und futuristisch zugleich ist, eine Zivilisation mit ausgefeilter Technologie, deren Grundlage aber die Arbeit von Cyborg-Sklav_innen ist. Interessanterweise versteht Tokarczuk Inanna als eine Göttin, die Chaos und Kreativität in die von den drei Hauptgöttern Enlil, Enki und Nanna beherrschte, streng hierarchische Zivilisation Ibrus bringt. Erzählt wird aus der Perspektive eines Sklaven, des Torhüters der Unterwelt und Ninschuburs, der Gefährten Inannas.

Ausgesprochen lesenswert, aber mit einem kleinen Schönheitsfehler: Mir hätte es gefallen, wenn bei der Übersetzung aus dem polnischen Original darauf geachtet worden wäre, die Transkriptionen der sumerischen Namen anzupassen, also etwa aus einem sz ein sch zu machen.

Viktor Pelewins Der Schreckenshelm. Der Mythos von Theseus und dem Minotaurus (187 Seiten, Übersetzung: Andreas Tretner) erschien 2005 im Berlin Verlag und 2007 bei dtv. Olga Tokarczuks AnnaIn in den Katakomben (224 Seiten, Übersetzung: Esther Kinsky) erschien 2007 im Berlin Verlag und 2008 bei dtv.

* Der Name hat als Bezeichnung für den Thymus, einen Teil des lymphatischen Systems, überlebt.
** Siehe dazu meinen ersten Mythenreihe-Post.

Mittwoch, 22. April 2015

Gamergate/Hugogate

Den Puppies, ob traurig oder tollwütig, wird regelmäßig der Vorwurf gemacht, sie hätten die Gamergate-Bewegung aufgefordert, hordenweise ins SFF-Fandom einzufallen und die von den Puppies vorgeschlagenen Werke auf die Hugo-Nominationsliste zu hieven. Ganz unabhängig von der Frage, ob das zutrifft oder nicht, ist das eine spektakulär dumme Idee. Die Puppies nehmen für sich in Anspruch, eine populistische Bewegung gegründet zu haben, die dem ›elitären‹ Dünkel der Worldcon und des von den Worldcon-Mitgliedern vergebenen Preises ein Ende bereiten soll. Tatsächlich haben sie es geschafft, durch ihre Strategie der verbrannten Erde eine entgegengesetzte populistische Bewegung innerhalb des Fandoms entstehen zu lassen, die sich den Slogan »Gamergater und Hugo-Troller raus aus unserem Fandom!« auf die Fahnen geschrieben hat. Steven Brust bemerkte (und ich vermute, das kann als typische Reaktion auf die Puppy-Gamergate-Connection verstanden werden):
Seriously, I do not know of any other person or individual who went out and recruited a group–in this case, not by coincidence, a group of right-wing bigots–from outside the community to come in just for the purpose of driving other works off the ballot. That is over the line.
Aber noch ist zu klären, ob es wirklich zutrifft, dass die Puppies sich unter Gamergatern nach Verbündeten umgeschaut haben. Unbewiesene (und unbeweisbare) Behauptungen haben die Puppies in den letzten Wochen zur Genüge in die Welt gesetzt. Da braucht es nicht auch noch aus der Luft gegriffene Behauptungen über die Puppies.

Am naheliegendsten ist es, Vox Day zu verdächtigen. Der bezeichnet sich in der Tat als Mitgründer von Gamergate. Das mag seine Rolle zutreffend beschreiben oder auch Prahlerei sein (damit muss man bei VD immer rechnen), aber kein Zweifel besteht daran, dass er ein begeisterter Befürworter von Gamergate ist. Erst kürzlich erklärte er in typisch pathetischer Manier: »Science fiction fandom is not my family, #GamerGate is.« Kombiniert man dies mit den Tatsachen, dass Vox Day a) als Fantasy-Autor sagenhaft erfolglos ist, aber b) seine Rabid-Puppies-Fraktion beim Bloc Voting weitaus erfolgreicher war als der Hauptstrom der Sad Puppies um Larry Correia und Brad R. Torgersen – dann liegt die Vermutung nahe, dass massenhaft Gamergater und andere Kulturkrieger_innen Voxens Aufforderung gefolgt sind, seine Empfehlungsliste en bloc für den Hugo Award zu nominieren. Immerhin waren die Rabid Puppies mit ihrer Liste ungleich erfolgreicher als die Sad Puppies.

Gegenwärtig scheint den Wortführern der Sad Puppies (insbesondere Torgersen) zu dämmern, dass sie ihrem Ansehen massiven Schaden zugefügt haben, und sie versuchen auf nicht sonderlich überzeugende Weise, sich von Vox Day zu distanzieren. In dieser Situation wäre es Correia und Torgersen womöglich höchst willkommen, VD zu dem bösen Buben zu erklären, der allein den Gamergatern die Tore zum SFF-Fandom geöffnet hat. Jason Sanford meint allerdings, dass wir hier Zeug_innen eines »Guter Bulle, böser Bulle«-Spiels sind, und ich glaube, er hat recht. Torgersen und Correia mögen sich noch so gemäßigt geben und stetig behaupten, nur an ›unterhaltsamer‹ SF interessiert zu sein, aber besonders Correia treibt auch ganz andere Spielchen. Am 4. Februar rief er unter dem Titel »I Need Your Help (gathering links to SJW attacks in sci-fi for a news reporter« dazu auf, Beweise für einen angeblichen »anti-conservative bias« im Fandom zu sammeln:
I’ve been approached by a major media outlet gathering information about our little corner of the culture war. [...] They asked if I had links to blog posts, comments, etc.
I don’t keep track of most of what these people say about us. Honestly you can only get called a racist hate monger by so many crazy people before it just becomes background noise. So if you guys don’t mind, would you please post your favorites in the comments below.
Correias Fans überschlagen sich daraufhin fast vor Schadenfreude (»Should be a real career boost for the SFWA clod-hoppers.«), aber die Ausbeute ist nicht sonderlich groß. Der gute Larry daraufhin: »Anything will do.« Am 5. Februar erscheint dann der von Correia angekündigte Artikel, und das »major media outlet« stellt sich als die konservative Newssite Breitbart.com heraus. Anstelle der »many crazy people«, die Correia versprochen hatte, werden in dem Artikel nur John Scalzi, Mary Robinette Kowal, N.K. Jemisin und Jim C. Hines genannt – also die vier Namen allseits bekannten Namen, die die Puppies nur mit Schaum vor dem Maul aussprechen können (wobei ich sagen muss, dass mir schleierhaft ist, warum ausgerechnet diese vier zu den bevorzugten Hassobjekten der Welpenmeute geworden sind, ausgenommen Jemisin, in deren Fall es sich eindeutig um Rassismus handelt).

Nun stellt sich bei Erscheinen des Artikels heraus, dass der gute Larry ein klein wenig gemogelt hat. Als einer der beiden Autoren bei Breitbart.com zeichnet nämlich Milo Yiannopoulos verantwortlich. Der ist aber keineswegs auf Correia zugekommen, ganz im Gegenteil: Correia hat Yiannopoulos seine Welpentruppe als die SFF-Parallelentwicklung zu Gamergate verkauft. Auf Twitter ließ sich beobachten, wie Correia mit Yiannopoulos Kontakt aufnahm:




Correia stellte die Puppies-Kampagnen also als eine Aktion vor, die ähnliche Taktiken wie Gamergate anwendet (Cybermobbing? Doxxing?), und weckte damit sofort das Interesse von Yiannopoulos alias @Nero. Aber wer ist dieser Typ überhaupt?

Milo Yiannopoulos ist ein britischer Journalist, der zum ersten Mal 2009 von sich reden machte, als er im Vorfeld der Proteste gegen den G20-Gipfel auf Twitter verkündete, er hoffe, die Polizei werde »die Scheiße aus diesen Wichsern rausprügeln« (»beat the shit out of those wankers«). Sein Wunsch ging in Erfüllung, denn am Rande der Proteste erschlug ein Polizist den herzkranken Passanten Ian Tomlinson. Yiannopoulos entschuldigte sich hastig für seinen Tweet und behauptete, er habe nicht gewusst, dass so etwas passieren könne. 2011 gründete Yiannopoulos mit The Kernel sein eigenes Online-Magazin. Im Jahr darauf gelangte an die Öffentlichkeit, dass Yiannopoulos verschiedenen Mitarbeiter_innen des Magazins tausende Pfund für ihre Beiträge schuldete. Einem Mitarbeiter, der seine Bezahlung einforderte, drohte Yiannopoulos mit Doxxing, wie der Guardian berichtete.

Für Gamer hatte Yiannopoulos anfänglich nicht besonders viel übrig. Auf Twitter sprach er einmal von »pungent beta male bollock-scratchers and twelve-year-olds«. Sein Herz für diejenigen, die er zuvor mit so viel Häme bedacht hatte, entdeckte er 2014, als die Gamergate-Kontroverse losbrach:
It’s easy to mock video gamers as dorky loners in yellowing underpants. Indeed, in previous columns, I’ve done it myself. [...] But, the more you learn about the latest scandal in the games industry, the more you start to sympathise with the frustrated male stereotype. Because an army of sociopathic feminist programmers and campaigners, abetted by achingly politically correct American tech bloggers, are terrorising the entire community ...
Wenn es darum geht, gegen Feministinnen vom Leder zu ziehen, schließt man als fescher jungkonservativer Journalist schon mal ein Bündnis mit übelriechenden, eierkratzenden Betamännchen in vergilbten Unterhosen. (Man kann sich in etwa vorstellen, was für ein Bild Yiannopoulos von seinem neuen Verbündeten Correia hat. Ich frage mich nicht zum ersten Mal, wie diese ganzen Deppen es eigentlich miteinander aushalten.) In der Folge entwickelte Yiannopoulos sich zu einem zentralen Protagonisten von Gamergate und berichtete intensiv über die Bewegung. Ende 2014 kündigte er an, ein Buch über Gamergate schreiben zu wollen.

Ich finde das alles in mehr als einer Hinsicht aufschlussreich:
  1. Larry Correia, dem Erfinder der Puppies-Kampagnen, geht es (allen großen Worten zum Trotz) nicht um den Zustand der SFF. Er sieht das Genre einfach als seine »little corner of the culture war«.
  2. Um seinen Kulturkrieg zu führen, ist er ebenso wie Vox Day bereit, Bündnisse mit Leuten einzugehen, die sich nicht oder nur wenig für SFF interessieren.
  3. Hugogate ist kein gewöhnlicher Streit unter Nerds, der schnell aufflammt und schnell nachlässt. Wir werden weiterhin mit den Puppies zu rechnen haben. Vielleicht unter anderem Namen, vielleicht werden sich die Inhalte des concern trollings verschoben haben. Warum? »They can’t understand why they’re losing.« – Laurie Penny

Freitag, 10. April 2015

Read the Comments

CN: Violent misogynistic threats and rape apologia quoted in screenshot.

Yesterday, the Guardian ran a piece about Puppygate. In the comment section, a discussion of the opinions of Mr Theodore Beale ensued.


 The Guardian moderator weighed in with some helpful advice.


Beatus qui procul illi canulo est.

Donnerstag, 9. April 2015

Awardverdächtiges beim verdächtigen Award

Eine Folge des Bloc Votings bei den Nominierungen zum diesjährigen Hugo Awards ist, dass eigentlich niemand den Preis mit ungetrübter Freude entgegennehmen können wird. Diejenigen, die nicht durch Bloc Voting für den Hugo nominiert wurden, müssen sich im Fall eines Sieges fragen, ob sie nur gewonnen haben, weil niemand die Sad/Rabid Puppies wählen will. Diejenigen, die ohne ihr Einverständnis per Bloc Voting nominiert wurden, steht jetzt nur noch die Möglichkeit offen, die Nominierung abzulehnen oder zum Wählen von »No Award« aufzurufen, wenn sie nicht als Opportunist_innen dastehen wollen.* Und die Puppies, falls denn einige von ihnen Preise bekommen sollten, wissen natürlich selber am besten, dass sie diese allein durch ihre Machenschaften bekommen haben.

Die Puppies versuchen sich mit der Behauptung zu rechtfertigen, es habe bei den Hugo-Wahlen schon früher regelmäßig Vorschlagslisten und darauf basierendes Bloc Voting gegeben. Dabei heißt es mal, diese früheren Vorschlagslisten seien ganz offen auf verschiedenen Blogs präsentiert worden (ganz wie die Listen der Puppies), dann wieder wird verbreitet, sie seien heimlich über Mailverteiler verbreitet worden, damit die Öffentlichkeit nichts mitbekommt. Was es bemerkenswerterweise nicht gibt, sind Links, Screenshots oder geleakte Dokumente, die die Existenz von früheren Vorschlagslisten belegen würden.**

Ich bin kein Worldcon-Besucher, aber mich ärgert die ganze Sache aus einem prinzipiellen Grund: Der Unterschied zwischen einem offenen Nominierungsprozess und dem Präzedenzfall, den die Puppies geschaffen haben, ist ein wenig wie der Unterschied zwischen Rätedemokratie und parlamentarischer Demokratie. Im ersten Fall haben alle die Möglichkeit, ihre individuellen Interessen und Vorlieben einzubringen. Im zweiten Fall gibt es nur die Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Listen, die den Stimmberechtigten mehr oder minder fertig vorgesetzt werden. Das Ergebnis des Nominierungsprozesses zeigt, dass der Filtereffekt solcher Listen immens sein kann.

Matthew David Surridge, der ohne sein Wissen oder Einverständnis in der Kategorie »Best Fan Writer« auf den Vorschlagslisten der Puppies gelandet ist, ist den geraden Weg gegangen, hat seine Nominierung abgelehnt und eine ausführliche Begründung dazu verfasst. Ich finde, zu dieser Entscheidung kann man ihm nur gratulieren. Darüber hinaus ist Surridge aber auch ein fan writer, wie ich ihn mir wünsche: Belesen und mit großem Interesse nicht ausschließlich an den jährlichen Neuerscheinungen, sondern an der ganzen Tiefe und Breite der Fantasy. Ich erlaube mir deshalb, einige seiner Artikel zu empfehlen, die zwischen 2010 und 2014 in Black Gate erschienen sind:

* Es gibt mindestens einen Autor, der durch Bloc Voting nominiert wurde und gegenwärtig von Kommentarthread zu Kommentarthread eilt, mit einer halbherzigen Distanzierung von der Puppies-Aktion und gleichzeitig fordernd, da er nun einmal nominiert sei, könne man doch auch für ihn stimmen.
** Was natürlich nicht bedeutet, dass es gar keine Versuche gegeben hat, Preise wie den Hugo und den Nebula zu beeinflussen. Seit heute ist ein Blogpost von George R.R. Martin zu diesem Thema online.

Mittwoch, 8. April 2015

Hugo-Humor

Ich gehöre zu den Menschen, die gern über traurige Hundewelpen lachen, besonders über solche, die nicht stubenrein sind. Deshalb habe ich die spaßigsten Netzfunde über Sad Puppies, Hugogate etc. hier zusammengestellt.

Ich präsentiere zunächst das offizielle Blog von Sad Puppies Enterprises, Un-Ltd.! Eine Fundgrube nützlicher Informationen für alle Puppies und solche, die es werden wollen. Besondere Empfehlungen spreche ich aus für »What Weapons Are Permitted at Worldcon?« und das »Sad Puppies Quiz«, mit dem man ganz ohne weltanschauliche Schulung durch Vox Day oder John C. Wright testen kann, ob man eine Puppy-taugliche Ideologie hat.

John Scalzis eloquente Rekonstruktion, wie Brad R. Torgersen Kandidat_innen für Sad Puppies 3 geworben hat:
I’m feeling increasingly sorry for the nominees on the Hugo award ballot who showed up on either Puppy slate but who aren’t card-carrying Puppies themselves, since they are having to deal with an immense amount of splashback not of their own making. And to this you may say, well, but the Puppies maintain that everyone on their slate was notified, so they knew what they were getting into. But as it turns out, we know that at least some of the people on the Puppy slates weren’t contacted before the nominations came out [...].
Also, let me suggest that when Brad Torgersen (or whomever) went off notifying people of their presence on the slate, he probably did not lead with “Hi, would you like to be part of a slate of nominees whose organizers whine darkly and incessantly about the nefarious conspiracies of the evil social justice warriors to infiltrate all levels of science fiction, and which will also implictly tie you and your work to at least one completely bigoted shitmagnet of a human being?” Rather more likely he played up the “we’re trying to get stuff on the ballot we think is cool that doesn’t usually get on it” angle and downplayed, you know, that other stuff.
Charles Stross hat einiges Wissenswertes über Vox Days (kurz VD, alias Theo Beale) persönlichen Verlag Castalia House zusammengetragen:
castaliahouse.com is registered to:
Registrant Name: MARKKU KOPONEN
Registrant Organization: ALPENWOLF OY
of Kouvola, Finland.

alpenwolf.com is registered to:
Registrant Name: Theo Beale
Registrant Organization: Comtrol GmbH (comtrol.ch) of Oxfordshire, UK.
Kommentator #133, Steve Halter, weiß noch mehr:
I see that Comtrol GmbH is the UK branch of Comtrol Corporation. Comtrol is the company founded by VD’s father, Robert Beale—now in US federal prison for tax evasion.
The company management is now:
Board
Rebecca Summers-Beale – Owner
...
Bradford Beale – President
Management
Rebecca Summers-Beale – Owner
Bradford Beale – President
Rebecca Summers-Beale is VD’s mother and Bradford Beale is VD’s brother.
Wenn das nicht nach einem traditionsreichen Familienunternehmen aussieht. Etwas irritiert bin ich allerdings über den Doppelnamen von Theos Mutter. Was sind denn das für Sitten?

Alan Ziebarth hat den besten Sad-Puppies-Glühbirnenwitz:


Womit das Stichwort gefallen wäre. Warum reden die Puppies, insbesondere Vox Day, eigentlich pausenlos über Scalzi, Scalzi, Scalzi? Ganz einfach: Sie glauben, John Scalzi sei das geheime Oberhaupt, sozusagen der Adam Weishaupt einer weitgespannten Verschwörung, die die Berufsorganisation Science Fiction and Fantasy Writers of America (SFWA), den Verlag Tor Books und den Hugo Award umfasst. Unter größter Geheimhaltung haben die Eingeweihten, so die Puppies, jahrzehntelang das praktiziert, was die Puppies offen tun: Nominierungsempfehlungen en bloc aufgestellt, um sich gegenseitig Hugos zuzuschanzen und die Puppies von der begehrten Trophäe fernzuhalten. Man erkennt die dahinter stehende Argumentation: Die da haben’s zuerst gemacht, also ist es nicht so schlimm, wenn wir es jetzt auch machen.

Allerdings gibt es nicht den geringsten Beweis dafür, dass ein solches jahrzehntelanges Bloc Voting unter der Ägide John Scalzis jemals stattgefunden hat. Ein Worldcon-Mitglied mit dem Nickname rcade hat beim Alpha-Puppy Larry Correia persönlich nachgefragt, welche Beweise für die Scalzilluminati-Verschwörung es gebe:
Correia admitted to me on his blog that he has zero evidence that any novel/novella/novelette category of the Hugos has been unfairly manipulated in the past 10 years. The “SJW victimization” story he and Brad Torgersen are peddling is just a myth to motivate people to part with $40 and vote for his bloc.
(40 US-Dollar kostet die Worldcon-Mitgliedschaft, die Stimmrecht für den Hugo verleiht.) Worauf ein Puppy-Sympathisant namens jamesthewanderer antwortet:


Die SJWs sind aber auch echt zu doof: Natürlich gibt es keine Beweise, sonst wäre es ja keine richtig geheime Verschwörung! Gerade das Fehlen der Beweise beweist, dass es eine Verschwörung gibt. Im Aufdecken solcher Verschwörungen haben es die Puppies zu einiger Meisterschaft gebracht:
  • 2012 schrieb Theo Beale in Black Gate einen Artikel mit dem Titel »SF/F Corruption: Part I«. Darin behauptete er, weibliche Mitglieder der SFWA schanzten sich gegenseitig Nebula Awards zu (ja, vor den Hugos waren die Nebulas dran) und schlössen männliche Autoren systematisch aus. Das erzeugte einiges Gelächter in den Kommentaren zum Artikel, worauf der gute Theo erwiderte:
    Zu diesem Zeitpunkt war ihm wohl noch nicht klar, dass eine Verschwörung nur dann authentisch ist, wenn es keine Beweise für sie gibt. Er scheint sich aber schnell berappelt zu haben, denn »SF/F Corruption: Part II« ist mitsamt den angekündigten Beweisen nie erschienen.
  • 2014 kündigte John C. Wright mit großem Getöse seine SFWA-Mitgliedschaft, und zwar aus folgendem Grund:
    Wright hat aus Beales Anfängerfehler gelernt, denn nachdem SFWA um Beweise für diese Behauptung bat, gab er die folgende wohlüberlegte Antwort:
    Several people, both publicly and privately, have asked me for the details of my claims, to name the events and persons involved. I politely but firmly decline to do so since some of the names are those I have worked with in the past and might work with in the future, men [sic!] whose work I read with pleasure and admiration, and I seek no public shame to visit them.
    Such is the courtesy which, at one time, one professional expected from another. I find it sad that I am required to explain it.
    And it would be ironic indeed if I failed to display the professionalism whose lack forms my main complaint.
    Was letztes Jahr galt, gilt natürlich auch heute noch. Es wäre schon extrem unprofessionell, wenn die Puppies jetzt noch irgendwelche Beweise für eine Verschwörung um Worldcon und Hugo Awards vorlegten, nachdem sie schon für die Verschwörung um SFWA und Nebula Awards keine hatten.

Dienstag, 7. April 2015

Hugogate

Frisch zurück aus dem Urlaub, habe ich ganz schön viel zu klicken und zu scrollen, um mich auf bezüglich der neuesten Fandom-Kontroverse auf den neuesten Stand zu bringen. Was ist da nur wieder los? Ich versuche mal, es aufzudröseln.

Anlass ist der diesjährige Nominierungsprozess für den Hugo Award. Dieser jährlich verliehene Preis gilt allgemein als eine der drei bedeutendsten Genreauszeichnungen – die beiden anderen sind der Nebula Award und der World Fantasy Award. Benannt ist er nach Hugo Gernsback, dem Erfinder der Science Fiction, und verliehen wird er auf der World Science Fiction Convention (Worldcon). Da der Hugo häufig mit dem Nebula verwechselt wird, ist es wichtig, die Unterschiede zwischen beiden Preisen herauszustellen: Der Nebula wird von den Science Fiction and Fantasy Writers of America (SFWA) verliehen. Der Hugo wird (wie gesagt) auf der Worldcon verliehen und ist ein Publikumspreis. Auch die Verwechslung mit einer anderen Kontroverse, die sich um einen Genrepreis rankte, ist zu vermeiden: Der World Fantasy Award ist als Büste H.P. Lovecrafts gestaltet, der Hugo hat dagegen die Form einer Raumrakete.

Die Ermittlung der Preisträger_innen erfolgt durch ein kompliziertes Procedere, das ich recht ausführlich beschreibe, weil sonst nicht recht verständlich sein wird, was genau passiert ist: Der Hugo wird in einer ganzen Reihe von Kategorien vergeben. In jeder Kategorie gibt es fünf Nominierungen, aus denen die Preisträger_innen ausgewählt werden. Nominierungsvorschläge können alle zahlenden Worldcon-Mitglieder einreichen (die Mitgliedschaft kostet 40 US-Dollar). Die fünf meistnominierten Werke, Personen oder Publikationsorgane (das ist je nach Kategorie unterschiedlich) kommen auf die endgültige Liste. Die Mitglieder können dann ein Ranking der Nominierungen vornehmen, wobei die Stimmen der auf der Worldcon tatsächlich anwesenden Mitglieder doppelt zählen,* und die in jeder Kategorie Höchstgerankten bekommen den Preis. Get it?

Das klingt nicht weiter aufregend. Aber es gibt ja die Sad Puppies, die nun schon im dritten Jahr zuverlässig dafür sorgen, dass die Hugo-Vergabe zu einem Popcorn-trächtigen Ereignis wird, und damit der Grund für diesen Blogpost sind. Die Sad Puppies sind eine Gruppe von Autor_innen aus dem rechtskonservativen bis -radikalen Spektrum, die irgendein Problem mit dem Hugo haben. Was für ein Problem, ist nicht ganz klar. Mal verkünden die Puppies, dass der Hugo auschließlich von Klimawandel-Kommies und genderqueeren Emanzen mit ihrer politisch-korrekten message fiction gewonnen werde, sei ein Skandal, denn dadurch werde das Ansehen des gesamten Fandoms beschädigt. Dann wieder heißt es, die Worldcon mitsamt ihrer Preisverleihung sei eine unbedeutende, versnobte Veranstaltung, die lediglich einen kleinen Teil des Fandoms repräsentiere und jedem aufrechten SFF-Fan egal sein könne. Nun ja. Vom Wahrheitsgehalt dieser Behauptungen abgesehen, erschließt sich einfach nicht, warum die Sad Puppies so ein Gewese um den Hugo machen, wenn sie ihn a) scheiße und b) unbedeutend finden. Wenn a) zutrifft, dann gewinnen die aus Sicht der Puppies falschen Leute den Preis. Aber wenn auch b) zutrifft, dann müsste es den Puppies im Grunde schnurz sein, dass der Hugo überhaupt an irgendwen verliehen wird. Entsprechend unklar sind ihre Ziele: Behaupten sie heute, dafür sorgen zu wollen, dass der Hugo endlich wieder den populären Geschmack repräsentiert (der nach Puppy-Überzeugung natürlich konservativ ist), erklären sie morgen, lediglich daran interessiert zu sein, das Wahlprocedere zu sabotieren, um der Worldcon und ihren Fans eins auszuwischen. Man merkt, es gibt gewisse Parallelen zwischen Puppies und Gamergatern. Letztere sind sich ja auch nicht ganz einig, ob sie lieber feministische Spielekritikerinnen trollen oder sich hehren Zielen (ethische Standards im Gaming-Journalismus!) verschreiben wollen.

Eines lässt sich meiner Auffassung nach aus all dem wirren Gerede herausfiltern: Die Puppies glauben, die Tendenz der Hugos sei zu ›literary‹ und nicht ›entertaining‹ genug. Sie geben sich populistisch und behaupten, die Mehrheit der SFF-Fans interessiere sich nicht für formale Experimente oder politische Subtexte in ihrem bevorzugten Lesestoff, sondern wolle actionkrachende Geschichten, in denen Helden mit dicken Laserwaffen die Erde vor schleimigen Aliens retten (dass auch solche Geschichten einen politischen Subtext haben, weisen die Puppies natürlich entrüstet von sich – ihnen gehe es einfach nur um gute, altmodische Unterhaltung). Der gegenwärtige Wortführer der Puppies ist Brad R. Torgersen, der sich »explosions! And kick-ass laser battles!« wünscht, in der gegenwärtigen SFF aber nichts als »tedious ›message‹ fiction, depressing talk-talk stories about amoral people with severe ennui« zu erblicken vermag. Die Lösung für dieses Problem liegt auf der Hand: Torgersen und die anderen Puppies müssten die Art von SFF schreiben, die sie selbst gern lesen würden, und vielleicht einen Puppy Award ausschreiben, der ausschließlich an explosions- und laserlastige Werke vergeben wird. Wenn die Puppies recht haben und ihr Geschmack wirklich mit dem der Fan-Mehrheit identisch ist, dann müsste der Puppy Award innerhalb kürzester Zeit hohes Ansehen genießen und der Hugo Award in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

Allerdings gibt es einen Umstand, den die Puppies in ihrem Weltbild nicht unterbringen können: Der Hugo ist nun einmal definitiv ein Publikumspreis. Wer ihn erhält, wird nicht von linksliberalen Akademiker_innen in irgendeinem Hinterhimmer ausgeklüngelt. Es liegt in den Händen von Fans. Selbstverständlich repräsentiert Worldcon nicht das gesamte Fandom (da sind all die SFF-Leser_innen davor, die sich weder für diese noch eine andere Con interessieren), aber ein Blick auf die Liste der vergangenen Preisträger_innen in der Kategorie »Best Novel« zeigt, dass das Worldcon-Publikum keineswegs eine Vorliebe für Abgehobenes hegt. Die überwiegende Mehrheit der Preisträger_innen besteht aus Genre-Größen wie Asimov, Bester, Bradbury, Bujold, Clarke, Leiber, Herbert und Pohl. Es sind zwar auch einige Namen darunter, deren Werk man als experimentell oder ›literary‹ bezeichnen könnte, wie Philip K. Dick, Ursula K. Le Guin, China Miéville oder Michael Chabon, aber stärker noch finden sich konservative Lieblinge wie Robert A. Heinlein, Larry Niven, Vernor Vinge und Orson Scott Card vertreten. Deutlich gestiegen ist im Laufe der Zeit der Anteil an Fantasy. Unter den Preisträger_innen der letzten beiden Jahrzehnte sind Neil Gaiman, Joanne K. Rowling, Susanna Clarke und Jo Walton. Da es keine Vorgaben gibt, welche Werke für den Hugo nominiert werden, liegt es im Ermessen der Fans, ob sie nur SF gelten lassen wollen oder auch Fantasy für preiswürdig halten. Anscheinend ist seit der Jahrtausendwende zunehmend letzteres der Fall.** Alles in allem würde ich sagen: Wenn man eine größere Zahl von zufällig ausgewählten Genre-Fans in einen Raum setzte und sie fragte, welche die bedeutendsten SFF-Romane der letzten 60 Jahre seien, würde wahrscheinlich eine Liste dabei herauskommen, die sich in weiten Teilen mit der »Best Novel«-Kategorie des Hugo deckt. Die Behauptung, der Hugo sei abgehoben und repräsentiere nur eine elitäre Minderheit des Fangeschmacks, ist definitiv heiße Luft.

Vielleicht lohnt es sich, einen Blick auf die Autor_innen zu werfen, die hinter den Sad Puppies stecken. Es handelt sich neben Torgersen hauptsächlich um Larry Correia, John C. Wright, Vox Day, Michael Z. Williamson, Sarah Hoyt, L. Jagi Lamplighter und Tom Kratman – eine verdächtig Hugo-freie Zone.*** Die Sad Puppies mögen außerordentlich überzeugt sein, dass sie (und sie allein) den Geschmack des SFF-Publikums repräsentieren, aber die Worldcon-Mitglieder sehen das anscheinend nicht so. Ich halte das für nicht weiter verwunderlich: Die Puppies schreiben hauptsächlich in den Bereichen Space Opera, Military SF und waffen-/actionlastige Urban Fantasy. Das sind Subgenres, die auf jeden Fall ein Publikum haben, aber wenn es nicht gerade um Kinofilme geht, ist der gegenwärtige Schwerpunkt des Genres (bzw. der beiden Genres Fantasy und SF) doch deutlich anders gelagert. In der Tat ließe sich die Frage stellen, ob es angesichts der stark diversifizierten und im Fall der Fantasy immer mehr mit dem Mainstream verschwimmenden SFF-Produktion überhaupt noch angebracht ist, von dem einen Schwerpunkt des Genres zu sprechen.

Die Sad Puppies wiederum haben nicht den geringsten Zweifel, wo der Schwerpunkt des Genres liegen sollte, nämlich bei ihnen. Da sich dieser reichlich verstiegene Anspruch aber nicht mit der Realität des Publikumspreises Hugo deckt, nehmen sie zu einer Verschwörungstheorie Zuflucht: Puppies wie Torgersen, Wright und Correia sind zwar außerordentlich erfolgreiche und universell beliebte Autoren, aber liberale Weichlinge und verbitterte Feministinnen ziehen bei den Hugo-Wahlen im Hintergrund die Strippen und sorgen dafür, dass die Puppies bei der Preisverleihung leer ausgehen. Das ist eine weitaus zufriedenstellendere Erklärung als etwa die, dass Torgersens Vorstellung, einzig und allein »explosions! And kick-ass laser battles!« machten unterhaltsame Geschichten aus, doch ein klitzeklein wenig pubertär ist (und um so peinlicher, da sie nicht von einem Vierzehnjährigen kommt). Was machen nun traurige Hündchen, die durch die Machenschaften des snobistischen SFF-Establishments um die Früchte ihres Erfolgs gebracht werden? Sie organisieren eine Kampagne.

In den letzten drei Jahren haben die Puppies jeweils eine Empfehlungsliste aufgestellt und bei ihren Fans massiv dafür geworben, diese Liste en bloc zu nominieren. 2013 erregte das noch wenig Aufsehen. 2014 nahm dann Larry Correia, mit Abstand der kommerziell erfolgreichste Puppy-Autor, die Sache in die Hand und sorgte für reichlich Kontroverse, indem er empfahl, ein Opera Vita Aeterna (sic!) betiteltes Machwerk von Vox Day in der Kategorie »Best Novelette« zu nominieren. Diese auf Konfrontation setzende Strategie sorgte dafür, dass die Sad-Puppies-Kampagne von größeren Teilen des Fandoms wahrgenommen wurde. Zu irgendwelchen Hugo-Gewinnen der Puppies führte sie nicht, aber angeblich geht das Interesse von Correia, Torgersen & Co. ja allein dahin, die Hugos zu sabotieren, weshalb sie zwar ununterbrochen von den Hugos reden, aber stets beteuern, dass sie gar kein Interesse daran haben, tatsächlich einen Hugo zu gewinnen. Offen bleibt, wie die Erklärungen der Puppies lauten werden, sollten sie sich dann doch mal durchsetzen und einen Preis erhalten.

Das könnte dieses Jahr passieren, denn die penetrante Vorgehensweise der Puppies hat dazu geführt, dass die Liste der endgültigen Nominierungen, die vor ein paar Tagen bekannt gegeben wurde, mit Puppy-Empfehlungen geradezu überflutet ist. 60 von 85 Plätzen sind von den Puppies erobert worden, was zu teils absurden Ergebnissen führt: Drei der fünf Nominierungsplätze in der Kategorie »Best Novelette« sind mit Werken John C. Wrights besetzt. Anscheinend spielt bei den Puppies nicht nur die Liebe zu Explosionen und Laserwaffen eine Rolle, sondern auch ein gerüttelt Maß an Egozentrik. Natürlich bedeutet das noch nicht, dass die Puppies am Ende wirklich abräumen werden. Einzelne Werke können aus formalen Gründen ausgeschlossen werden (nominierbar sind nur englischsprachige Veröffentlichungen aus dem letzten Jahr), die Worldcon-Mitglieder können beim Ranking der Nominierungen in jeder Kategorie angeben, dass sie lieber keinen Award vergeben wollen – oder die Organisator_innen könnten entscheiden, dass dieses Jahr kein Preis verliehen wird. In meinen Augen wäre das sogar der allein würdige Weg, der jetzt zu gehen wäre.

Zur Genüge bewiesen, dass es ihnen nicht um literarische Qualität geht (nicht mal dann, wenn man Action als hauptsächlichen Qualitätsindikator ansieht), haben die Puppies letztes Jahr, als sie die Nominierung von Vox Day durchsetzten. Theo Beale alias Vox Day ist durch sein Blog Vox Popoli (sic!) und die Newssite WorldNetDaily.com eher als rechtsradikaler Provokateur denn als Autor bekannt. Da er aber nun einmal nominiert war, lasen viele Leute sein Opera Vita Aeterna und konnten sich selbst überzeugen, dass es mit Beales schriftstellerischem Talent nicht weiter her ist als mit seinen Lateinkenntnissen. Dennoch war den Puppies durch seine Person maximale Aufmerksamkeit garantiert. Beale gehörte einige Zeit zum Team von Black Gate, bis er dort einen Artikel veröffentlichte, in dem er behauptete, von einer feministischen Verschwörung (gar schröcklich!) in der SFWA, der Berufsorganisation der SFF-Autor_innen in den USA, Kenntnis erlangt zu haben. Die angekündigten Beweise für diese Kabale lieferte er nie, und seine Karriere bei Black Gate nahm ein abruptes Ende. Als nächstes machte er von sich reden, als er einen offiziellen Twitter-Account dazu missbrauchte, die schwarze Autorin N.K. Jemisin als »educated, but ignorant savage« zu bezeichnen. Nach einigem Hin und her beschloss SFWA Beales Rauswurf. Mittlerweile betreibt er einen Kleinverlag namens Castalia House, in dem neben seinen eigenen Werken auch solche von weiteren Puppy-Autoren wie Wright und Kratman erscheinen.

Auf der diesjährigen Empfehlungsliste der Puppies glänzt Vox Day durch Abwesenheit. Das scheint mir nur folgerichtig, denn nach der letztes Jahr generierten Aufmerksamkeit gibt es für die Puppies keine Notwendigkeit, erneut den Skandal zu suchen. Entsprechend hat Torgersen, der sich deutlich gemäßigter gibt, das Ruder von Correia übernommen. An der Sache ändert das nichts. Je nachdem, welcher der Absichtserklärungen der Puppies man Glauben schenkt, geht es ihnen darum, den Hugo zu sabotieren, was ein Schlag ins Gesicht für die Worldcon-Leute ist, deren Herzblut in diesem Preis steckt. Oder es geht ihnen darum, möglichst viele Preise einzusacken und damit andere Werke, die womöglich der Auszeichnung würdiger sind, von der Nominierungsliste zu verdrängen. Beale, der selbst nach Puppy-Standards kein sonderlich empfehlenswerter Autor sein dürfte, hat zur Entschädigung dieses Jahr gewissermaßen seine eigene Fraktion gründen dürfen. Die hat er Rabid Puppies getauft und unter ihrem Namen eine eigene Empfehlungsliste zusammengestellt, die größtenteils mit der Liste der Sad Puppies identisch ist – mit einer wenig überraschenden Ausnahme: Beale hat 67 Empfehlungen ausgesprochen. Etwa ein Fünftel davon ist in seinem eigenen Kleinverlag erschienen. In zwei Kategorien hat er der Einfachheit halber gleich sich selbst empfohlen.

Das vorläufige Ergebnis der Sad-Puppy-Kampagne ist, dass der diesjährige Hugo Award unheilbar kompromittiert ist. Jede Autorin, die nicht über die Kampagne auf die Nominierungsliste gelangt ist, müsste sich im Falle eines Sieges fragen, ob sie nur deshalb ausgezeichnet worden ist, weil die Worldcon-Mitglieder dem Puppy-Unsinn eine Absage erteilen wollen. Auf der anderen Seite haben sich einige Personen zu Wort gemeldet, die ohne ihr Wissen oder Einverständnis auf der Puppy-Empfehlungsliste gelandet sind, und wenig Lust verspüren, sich vor diesen Karren spannen zu lassen. Ich verweise auf Matthew David Surridge und Dave Creek. Andere Personen, die ohne ihr Einverständnis von den Puppies rekrutiert wurden, freuen sich über die Nominierung, haben aber durchaus gemischte Gefühle, wie etwa John O’Neill sie für Black Gate äußert. In meinen Augen hätte Black Gate einen Hugo verdient, aber ich finde O’Neills Position vorbildlich, wenn er schreibt:
I won’t be attending [Worldcon]. But if I were, I would vote “No Award” — including for Best Fanzine, the slot Black Gate is in. I would do the same regardless of who made this dubious “accomplishment.”
Wenn die Worldcon-Organisator_innen nicht beschließen, die Preisverleihung für dieses Jahr abzusagen, wird den Besucher_innen, die an der Integrität des Hugo interessiert sind, nichts anderes übrig bleiben, als O’Neills und Deirdre Saoirse Moens Vorschlag zu folgen und sämtliche durch die Sad Puppies erfolgten Nominierungen mit Missachtung zu strafen – auch wenn dann kaum noch etwas übrig bleibt.

* An dieser Stelle bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich das Regularium richtig verstanden habe. Etwaige Fehler gehen auf meine Kappe. Anscheinend habe ich mich hier tatsächlich getäuscht.

** Bis Anfang der Achtziger wurde ebenfalls auf der Worldcon der auf Fantasy fokussierte Gandalf Award verliehen, der aber zunehmend im Schatten des World Fantasy Award stand.
*** Eine gewisse Rolle bei den Puppies spielen außerdem Toni Weisskopf, die Verlegerin von Baen Books, und das Blog Mad Genius Club. Auch die konservative Website Breitbart.com unterstützt die Kampagne.

Freitag, 20. März 2015

Vielleicht doch ein Märchen

Leonie Swanns Dunkelsprung. Vielleicht kein Märchen liest sich prächtig. Urban Fantasy, die alle begeistern dürfte, die Jo Waltons Among Others mochten, und einlöst, was Stefan Bachmanns Die Seltsamen nur verspricht. Ein wenig habe ich mich sogar an John Crowley erinnert gefühlt. Anstelle von Schafen spielen diesmal übrigens Flöhe eine tragende Rolle.

Samstag, 14. März 2015

Troglodytin

Von denen Vampiren lautet der Titel einer meiner Lieblingsanthologien, die den einzigen Fehler hat, dass nur zwei Autorinnen in sie aufgenommen wurden. Eine davon ist Gertrud Kolmar, die Dichterin »mit diesen Augen, deren jedes finster und ein Stern ist«. Get ready for some darkness:


Troglodytin

Und ich muß durch Dunkelheiten
Wie durch große Wälder spähn,
Selbst die Schrecken mir bereiten,
Die sich meinen Stapfen blähn,
Brandgestruppte Elche, Bachen,
Grunzend um das Ferkelblut,
Wölfe, hungergrau, und Drachen
Mit den Waben gelber Glut.

Nackt, auf scharf bekrallten Zehen,
Rot von Schauern ausgewetzt,
Im Geröhr an Sumpf und Seen
Duck ich brünstig und gehetzt;
Natter schlüpft durch meine Hände,
Schnecke näßt mein Haar mit Schleim,
Meine buntgefärbte Lende
Wird der Kröte liebes Heim.

Meine Zähne reißen Beulen
Von verkrustet hartem Stamm;
Ein beglücktes, leises Heulen,
Brech ich hoch aus Ried und Schlamm,
Eh der Leib mit Bärenpranken
Um den irren Wandrer ringt,
Ihn, erglüht, an Brust und Flanken
Keuchend sich zu Willen zwingt.

Auf verdorrten schwarzen Kräutern
Lieg ich stumm im Höhlenhaus;
Schwer an trankgeschwellten Eutern
Hängen Kind und Fledermaus,
Da im Mondforst Auerhähne
Eine Hexe bellend neckt,
Die mit fahler Widdermähne
Goldne Kringelhörner deckt.


Donnerstag, 12. März 2015

Terry Pratchett (1948–2015)

“I meant,” said Ipslore bitterly, “what is there in this world that makes living worthwhile?”
Death thought about it.
CATS, he said finally. CATS ARE NICE.

Mittwoch, 11. März 2015

Fantasy für ekstatische Rechtschreibfanatiker_innen

Rachel Hartman empfiehlt auf tor.com »Five Theological Fantasies for Ecstatic Atheists«. Abgesehen davon, dass es sich um sehr interessante Buchtipps handelt, fällt mir an dieser Liste wieder mal eins auf: Warum sind es eigentlich exakt drei Fantasy-Autor_innen, deren Namen im englischen Sprachraum andauernd und immer wieder falsch geschrieben werden?
  • Samuel R. Delany → Delaney
  • N.K. Jemisin → Jemison
  • J.R.R. Tolkien → Tolkein
Gibt es irgendwelche linguistischen Erkenntnisse, die darauf Licht werfen könnten? Bei Jemisin könnte ich mir denken, dass es schlicht an der Häufigkeit von Namen liegt, die auf -son enden, aber sonst?

Sonntag, 15. Februar 2015

Thomas der Reimer

Theodor Fontanes Verdeutschung der schottischen Ballade »Thomas the Rhymer« steht der Lübbe-Ausgabe von E.R. Eddisons Wurm Ouroboros voran:


Thomas der Reimer

Der Reimer Thomas lag am Bach,
Am Kieselbach bei Huntly Schloß.
Da sah er eine blonde Frau,
Die saß auf einem weißen Roß.

Sie saß auf einem weißen Roß,
Die Mähne war geflochten fein,
Und hell an jeder Flechte hing
Ein silberblankes Glöckelein.

Und Tom der Reimer zog den Hut
Und fiel auf’s Knie, er grüßt und spricht:
»Du bist die Himmelskönigin!
Du bist von dieser Erde nicht!«

Die blonde Frau hält an ihr Roß:
»Ich will dir sagen, wer ich bin;
Ich bin die Himmelsjungfrau nicht,
Ich bin die Elfenkönigin!

»Nimm deine Harf und spiel und sing
Und laß dein bestes Lied erschalln,
Doch wenn du meine Lippe küßt,
Bist du mir sieben Jahr verfalln!«

»Wohl! sieben Jahr, o Königin,
Zu dienen dir, es schreckt mich kaum!«
Er küßte sie, sie küßte ihn,
Ein Vogel sang im Eschenbaum.

»Nun bist du mein, nun zieh mit mir,
Nun bist du mein auf sieben Jahr.«
Sie ritten durch den grünen Wald
Wie glücklich da der Reimer war!

Sie ritten durch den grünen Wald
Bei Vogelsang und Sonnenschein,
Und wenn sie leicht am Zügel zog,
So klangen hell die Glöckelein.


Dienstag, 10. Februar 2015

Portalquesten

»Quo vadis Phantastikportale?«, fragt sich Markus Mäurer von Translate or Die.* Gestern verkündete die Bibliotheka Phantastika – in meinen Augen das wichtigste deutschsprachige Portal für phantastische Literatur (sofern man von Seiten absieht, die auf SF fokussieren) –, dass sie derzeit auf Sparflamme läuft – und dass sich das auch so bald nicht ändern wird. Ähnlich sieht die Lage beim Fantasyguide aus. Heißt das, da zeichnet sich ein Trend ab?

Weiß ich nicht, muss ich sagen. Es gibt noch weitere Portale, vor allem fictionfantasy.de und, thematisch spezialisiert, Dystopische Literatur. Vielleicht geht es denen ähnlich wie BP und FG, vielleicht auch nicht. Mit Phantastikon ist gerade ein neues Portal aus der Taufe gehoben worden. Einen deutlichen Trend gibt es allerdings, wie auch das BP-Restteam feststellt: Bloggen. Schon länger existieren neben den großen Portalen Sites, deren Schwerpunkt ich als Newsblogs beschreiben würde: Darkstars Fantasy-News (seit 2008), Fantasyblogger (seit weiß-nicht-wann), Feenfeuer (seit 2009) und Phantastik-News (seit 2004), um nur einige zu nennen. Da bestand einige Jahre lang eine Art Arbeitsteilung. Die Portale brachten Rezensionen, Bibliographien und Autor_innenporträts oder stellten Diskussionsforen zur Verfügung. Die Newsblogs wiesen auf Neuerscheinungen hin und führten Interviews zu solchen.

Es war aber meines Erachtens nur eine Frage der Zeit, bis sich das ändern würde. Denn alle möglichen Dinge, und nicht nur aktuelle, lassen sich bloggen: Rezensionen, klar, aber auch Meinungen, Rants, persönliche Vorlieben und Netzfunde, aber auch vertiefende Artikel und unfertige Ideen. All das, ohne sich thematisch einschränken zu müssen. Und Diskussionen lassen sich ebenfalls per Blog führen. Insofern wundert mich überhaupt nicht, dass gerade aus dem Umfeld der großen Phantastikportale heraus zahlreiche Blogs entstanden sind. Allein im Fall der Bibliotheka Phantastika ergibt das eine beachtliche Aufzählung: Ardeija, Epi(b)log, Madame Books, Moyas Buchgewimmel und Notizen aus Anderswo. Auch ich wäre wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen, selber zu bloggen, wenn ich mich nicht einige Zeit in den Foren der Bibliotheka Phantastika bzw. von hdrf.de herumgetrieben hätte. Und jetzt plätschert das Hermanstädter Gewässer schon seit ganzen sechs Jahren vor sich hin (und wird hoffentlich noch lange Zeit Wellen schlagen)!

Andererseits halte ich so manches Portal alten Stils für eine unersetzliche Ressourcenquelle. Das BP-Team hat völlig recht, wenn es schreibt:
[D]ie BP – die ihren Namen nicht nur wegen des kultivierten Klanges trägt – [ist] tatsächlich eine Bibliothek. Im Real Life verschwinden Bücher inzwischen nach ein, zwei, drei Monaten aus der Wahrnehmung, bei uns ist Altes und Neues gleich viele Klicks entfernt. So eine Bibliothek kann Staub und Spinnweben ansetzen, und es ist vielleicht mal nicht viel los, aber man kann immer noch reingehen, den Staub runterpusten und Bücher entdecken.
Solche bewunderungswürdige Sammelarbeit lässt sich allein mit einem Blog einfach nicht stemmen.

* Keine Angst, das wird kein Sprachnörgelpost, wobei ich mir die Bemerkung nicht verkneifen kann, dass es in diesem Fall »Quo vaderis, Phantastikportale?« heißen müsste (hihi!).

Montag, 2. Februar 2015

Some Lost Impressions That I Had

Nachdem ich mir die vierte Staffel von The Walking Dead zu Gemüte geführt habe (und damit sehr glücklich war), habe ich gegen den Rat von so ziemlich allen, die die Serie kennen, mit der ersten Staffel von Lost begonnen. Da ich also vielfältig gewarnt bin, rechne ich nicht mit großen Enttäuschungen. Es folgen einige (ebenso unsortierte wie unfertige) Eindrücke, die sich im Laufe der ersten Folgen bei mir angesammelt haben.

Die Figuren

Sind vor allem deshalb interessant, weil sie allesamt eine mysteriöse Vergangenheit zu haben scheinen und gemeinsam auf einer einsamen Insel abgestürzt sind. Leider nur deshalb. Für Spannung ist damit durchaus gesorgt, denn ich wohl schon wissen, was all diese Leute angestellt oder erlitten haben, bevor sie zu spätkapitalistischen Robinsons wurden. Aber wenn man mich fragte, ob sie mich auch sonst, unter anderen Umständen, interessieren würden, müsste ich mit nein antworten. Ausnahmen sind bislang nur Kate und Sayid. Unter Umständen hätte auch Sun-Hwa das Potential, als Figur mehr zu sein als leidende Ehefrau.

Stereotype

Die allermeisten Figuren kommen scheinen mir eher Typen als Charaktere zu sein. Das geht natürlich nicht ohne Klischees ab: Da ist Hurley, der Nerd. Sawyer, das charmante Arschloch. Locke, der mystische Naturbursche. Charlie, der abgehalfterte Rockstar. Claire, die anscheinend ausschließlich zum Beschütztwerden da ist. Michael, der überforderte Vater, und Walt, der maulige Sohn. Boone, der unselbständige Jüngling. Shannon, der verwöhnte Yuppie. Und so weiter. Na gut, Klischees sind dazu da, um gebrochen zu werden. Ansätze dazu sind vorhanden. Charaktere, die sich durch mehr als nur eine Eigenschaft auszeichnen, sind allerdings auch eine feine Sache. Bisher trifft das leider nur auf Jack, Kate und Sayid zu.

Ärgerlicher sind aber andere Dinge. Zum Beispiel Michael und Walt mit ihren Familienproblemen. Müssen ausgerechnet die einzigen Afroamerikaner im main cast aus zerrütteten Verhältnissen kommen? Gar nicht cool. Und Jin-Soo, der Koreaner, der wird geothert, dass der Bildschirm kracht: Anscheinend gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, nach dem Menschen aus Ost- oder Südostasien als fremd, mysteriös und einem unverständlichem Wertesystem folgend dargestellt werden. Hoffentlich ändert sich da noch was. Erfreulich ist dagegen die Darstellung Sayids. Während des laufenden Irakkriegs einen ehemaligen Schergen der Saddam-Diktatur zum sympathetic character zu machen, ist eine starke Sache, zumal Sayid weder als einfältiger Drittweltler noch als Monster gezeichnet wird. Zwischen Tatkraft, Verdrängung und Verzweiflung schwankend, bricht er ein weiteres ungeschriebenes Gesetz: dass nur weiße, westliche Charaktere Gewissensnöte haben können.

Realitätseffekte

Ich bin eigentlich nicht so drauf, dass ich ständig rechthaberisch »Das ist doch voooll unrealistisch!« rufen müsste. Fiktion ist erstmal einfach nur Fiktion und folgt ihren eigenen Gesetzen. Aber in Bezug auf Lost muss ich dann doch mal meckern: Wie um alles in der Welt kann man in der Wildnis abstürzen, scheinbar auf einer unbewohnten Insel, und sich dort wochenlang aufhalten, ohne zumindest mal alle Wasserläufe abzugehen, um auch wirklich sicher sein zu können, dass man sich in unbewohnten Gebiet befindet? Das ist doch keine allzu abwegige Idee, auf die man ruhig mal kommen könnte – vor allem, da man mit Kate eine Überlebenskünstlerin, mit Locke einen Survival-Experten (was nicht das gleiche ist) und mit Sayid einen Elitesoldaten dabei hat.

Meta

Sawyer liest die ganze Zeit Fantasy: Erst Watership Down von Richard Adams, dann A Wrinkle in Time von Madeleine L’Engle.

The Hero

Was den männlichen Helden der sogenannten Qualitätsserien angeht, zeichnen sich meines Erachtens zwei Grundtypen ab: Zum einen der Antiheld, der sich durch eine kriminelle Karriere oder irgendwelche Machtspiele durch die Midlife Crisis retten will (Beispiel: Walter White aus Breaking Bad), zum anderen der verantwortungsbewusste Typ, der in einer gefahrvollen Situation zum Anführer wider Willen* wird (Beispiel: Rick Grimes aus The Walking Dead). Jack Shephard ist ganz klar der zweite Typ. Er reißt die Verantwortung nicht an sich, sondern stolpert sozusagen über sie und versucht sofort, sie zu schultern, wobei alle erst mal vertrauensvoll zu ihm aufblicken. Irgendwann, wie das so zu gehen pflegt, wird ihm sicherlich ein gefährlicher Konkurrent erwachsen. Aber warum ist eigentlich nicht Kate die Heldin?

* Wobei selten bis nie hinterfragt wird, warum es eigentlich unbedingt einen männlichen, monarchisch entscheidenden Anführer braucht.

Samstag, 31. Januar 2015

Dämmernd liegt der Sommerabend

Je länger der Winter dauert, desto stärker mein Bedürfnis, an Sommerliches zu denken. Deshalb gibt es heute was von Heine.


Dämmernd liegt der Sommerabend
Über Wald und grünen Wiesen;
Goldner Mond, im blauen Himmel,
Strahlt herunter, duftig labend.

An dem Bache zirpt die Grille,
Und es regt sich in dem Wasser,
Und der Wandrer hört ein Plätschern
Und ein Atmen in der Stille.

Dorten an dem Bach alleine,
Badet sich die schöne Elfe;
Arm und Nacken, weiß und lieblich,
Schimmern in dem Mondenscheine.


Freitag, 23. Januar 2015

Was gelernt: über Walter Sobchak

Über Frank Böhmerts Blog bin ich an diesen Clip über The Big Lebowski geraten:


Die Überraschung dabei war für mich, dass die Figur des Walter Sobchak von Regisseur und Drehbuchautor John Milius inspiriert ist. Milius ist bekanntlich ein Typ, in dessen Träumen kraftstrotzende, Nietzsche und Frazer lesende Krieger und Kraftkerle herumstapfen – Krieger von der Sorte, die gelassen ihr Schicksal akzeptieren, wenn sie (nach einem Leben voller Opfersinn und Kriegertum) durch einen Jüngeren vom Thron gestoßen werden. So wie Colonel Kurtz am Ende von Apocalypse Now: Fressen und gefressen gewerden. Der König ist tot, es lebe der König.

Außer für Coppolas Film, zu dem er das Drehbuch schrieb, ist Milius vor allem für Conan the Barbarian bekannt, das unerreichte Vorbild aller weiteren Sword-and-Sorcery-Filme. Es hat einen Typen gebraucht, der den Kalten Krieg wirklich ernst nahm (statt ihn als die Farce zu sehen, die er war), um Robert E. Howards manisch-depressiven, freiheitsliebenden Cimmerier zu dem Pop-Nietzscheaner zu machen, der stets sein Schicksal akzeptiert, ganz gleich, ob es sich dabei um das Rad des Schmerzes oder die Krone von Aquilonien handelt. Wahrscheinlich werde ich mir von jetzt an immer vorstellen, dass der Film-Conan Milius’ Ich-Ideal darstellt, während der reale Milius eben so wie Walter Sobchak drauf ist. Das ist aber gar nicht böse gemeint. Milius stilisiert sich selbst gern zum Außenseiter, der wegen seines konservativen Waffen-, Krieger- und Freiheitskults in Hollywood verfemt sei. Ich habe aber den Verdacht, dass Milius zu jenen Konservativen gehört, die sich ausgesprochen unwohl fühlen würden, wenn sie in einer Welt voller Konservativer leben müssten. Das wäre einfach zu langweilig und konformistisch. So glaube ich, dass Milius sich insgeheim unter Liberalen recht wohl fühlt. Seine Lieblingsbeschäftigung besteht ohnehin darin, Versatzstücke seiner persönlichen Mythologie in den Filmen anderer Leute unterzubringen, etwa bei Spielberg: Hai-Jäger Quints Bericht vom Untergang der USS Indianapolis in Jaws? Milius’ Idee. Das uber-pathetische Ende von Saving Private Ryan? Auf Milius’ Mist gewachsen.

Gleichzeitig verkörpert Milius so etwas wie eine aussterbende Art. Er ist Vertreter eines, nun ja, mit einer gewissen Haltung einhergehenden Konservativismus. Man vergleiche nur Milius’ Filme mit den völlig rückgratlosen Remakes von Conan the Barbarian und Red Dawn – und man wünscht sich einen Walter Sobchak, der mit der Knarre herumfuchtelt und brüllt, er habe nicht seine Kameraden im Matsch sterben gesehen, um sich so etwas bieten zu lassen.

East Side Gallery: Walter Sobchak und der Kalte Krieg

P.S.: Die CineFix-Leute haben übrigens unrecht, wenn sie den Teppich des Dude als einen MacGuffin bezeichnen. MacGuffins gibt es in The Big Lebowski mindestens drei: Bunny Lebowski, den Koffer mit Walters getragener Unterwäsche und den Wagen des Dude. Der Teppich selber ist aber alles andere als ein MacGuffin, denn The Big Lebowski ist nun einmal wirklich ein Film über einen Typen, der sich auf eine heroische Queste begibt, um Genugtuung für seinen geschändeten Teppich zu erlangen. It really tied the room together.

Bildquelle: Wikimedia Commons

Samstag, 10. Januar 2015

Was dieses Jahr passieren soll

Meinem Vorsatz, hier auf dem Blog jedes Wochenende ein Gedicht zu posten und kurz zu kommentieren, bin ich bislang eher ungenügend nachgekommen. Das hält mich aber nicht davon ab, es weiterhin zu versuchen. Auch will ich dieses Jahr mit zwei weiteren Post-Reihen in die Pötte kommen: einmal mit meiner Lektüre der Mythenreihe, und einmal mit weiteren Buchvorstellungen unter der Überschrift »Lest alte Fantasy«. Mal sehen, wie weit ich damit komme.

Und weil dieser Post sonst allzu prosaisch wäre, gibt es zum Schluss einen Clerihew aus der Feder von W. H. Auden:
Sir Henry Rider Haggard
Was completely staggered
When his bride-to-be
Announced, “I am She!”

Dienstag, 6. Januar 2015

καθεῖλεν δυνάστας ἀπὸ θρόνων

Ich bin gerade in Pasolini-Mood: Zur Feier von Epiphanias gibt es heute eine Szene aus Il Vangelo secondo Matteo. Den Film, den die FAZ als »das einzige wirkliche Wunder des Bibelkinos« bezeichnete, halte ich für die einzige wirklich gelungene Leinwandadaption des Evangeliumsstoffes.* Pasolini selbst hatte ein durchaus ambivalentes Verhältnis zu seinem Werk; um so größer ist meine Bewunderung. Es ist einzigartig, wie Musik und kleine Details eine Szene, wie hier den Besuch der drei Weisen bei Maria und ihrem Kind, lebendig machen: Nicht nur Odettas großartige Stimme, sondern auch das Mienenspiel Marias und der Dorfkinder, die sichtlich grinsen müssen, als sie die würdevollen weisen Männer vor einem Baby niederknien sehen, tragen dazu bei, dass dieser Film so verrückt, spöttisch und ehrfürchtig zugleich ist.


* Einschränkend muss ich jedoch sagen, dass ich Roberto Rosselinis Messias noch nicht gesehen habe.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.