Donnerstag, 30. Januar 2014

Mythenreihe I

Mitte der 2000er Jahre startete die deutschsprachige Ausgabe der internationalen Mythenreihe. Das Projekt fand unter Beteiligung von über 30 Verlagen statt – oder findet es noch statt? Irgendwann hieß es mal, die Mythenreihe sei auf 10–15 Jahre angelegt. Mit A. S. Byatts Ragnarok: The End of the Gods erschien im Herbst 2011 der bislang letzte Eintrag. Das Prinzip der Reihe ist einfach erklärt: Klassische Mythen der Menschheit (wobei ein deutliches Übergewicht an europäischen Mythen besteht) werden von bedeutenden Autor_innen der Gegenwart in Form von Romanen und Novellen verarbeitet. In Deutschland ist die Mythenreihe beim Berlin Verlag und bei dtv erschienen. Ich habe den Entschluss gefasst, die bisher erschienenen Bücher nach und nach zu lesen und zu rezensieren. Hier geht es zur englischen Verlagsseite der Reihe.

Den Einstieg bildet ein Sachbuch von Karen Armstrong: Eine kurze Geschichte des Mythos. Die Autorin nennt fünf Merkmale von Mythen, die wohl als Definition dienen sollen:
  1. Mythen erwachsen aus der Erfahrung des Todes.
  2. Mythen sind mit Ritualen verbunden.
  3. Mythen handeln vom Unbekannten.
  4. Mythen werden nicht um ihrer selbst willen erzählt, sondern sagen uns, wie wir uns verhalten sollen.
  5. Jede Mythologie beruht auf dem Glauben, dass neben unserer Welt eine zweite, mächtigere, göttliche Realität existiert.
Damit ist von vornherein klar, dass Armstrong Mythen in einem engen Zusammenhang mit Religion sieht – wenn man nicht gleich schlussfolgern will, dass Mythen für sie das privilegierte Ausdrucksmittel von Religion sind, was durchaus naheliegt. Armstrongs Referenztheoretiker sind vor allem Mircea Eliade und Joseph Campbell, mit gelegentlichen Hinweisen auf Rudolf Otto und Walter Burkert. Von letzterem übernimmt sie die Nähe von Mythos und Ritual. Wer sich von Armstrong eine einführende Darstellung verschiedener Mythentheorien erhofft, wird allerdings enttäuscht werden. Der Titel des kurzen Bandes ist durchaus wörtlich zu nehmen: Armstrong erzählt die Geschichte des Mythos entlang von großen Etappen der Gesellschaftsbildung: Jäger_innen und Sammler_innen, Ackerbau, frühe Hochkulturen, Achsenzeit* und Neuzeit.

Der Ansatz ist durchaus interessant: Wie unterscheidet sich die Mythologie umherstreifender, vom Jagen und Sammeln lebender Menschen von der Mythologie in einer Ackerbaukultur? Welche Mythen bildeten sich in vorstaatlichen Gentilgesellschaften aus und welche in den Staaten der frühen Antike? Allerdings ist Armstrong der – schon im 5. Punkt ihrer Definition angelegten – Ansicht, dass Mythen bei allen geschichtlich bedingten Unterschieden eine »zeitlose Wahrheit« zum Ausdruck bringen. Während Mythen an die jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Kontexte angepasst werden können, bleiben sie im Kern immer gleich. Das ist laut Armstrong notwendigerweise so, denn Menschen brauchen ihrer Auffassung nach Mythen, um ein sinnerfülltes Leben führen zu können.

Im Abschnitt über die Neuzeit wird deutlich, dass Armstrongs Kurze Geschichte des Mythos eine Verfallsgeschichte ist. Schon zu Beginn der Neuzeit sei es zu einem Verlust der mythischen Weltauffassung gekommen, die durch technisch-rationales Denken ersetzt worden sei. Letzteres sei aber nicht in der Lage, die Sinnstiftungsfunktion des Mythos zu übernehmen. Die Folgen sind laut Armstrong Entfremdung, Hilflosigkeit und Verzweiflung, die die Mentalität des modernen Menschen prägten. Abhilfe suche der Mensch in Ersatzmythen wie dem Hexenwahn des 16. und 17. Jahrhunderts, fundamentalistischer Bibelauslegung und »religiösen Kultfiguren« wie Elvis Presley und Prinzessin Diana. Diese Pseudomythen führen Armstrong zufolge bestenfalls zu passiver Kontemplation, schlimmstenfalls zu destruktiver Selbstüberhöhung bei gleichzeitiger Dämonisierung anderer Menschen. Allein die echten, vorneuzeitlichen Mythen, die Armstrong uneingeschränkt positiv sieht, vermögen dem Leben wirklich Sinn zu verleihen. Die Entfremdung vom mythischen Denken will die Autorin übrigens nicht auf die westliche Welt beschränkt sehen: »Eine ähnliche Anomie erleben wir gegenwärtig in Entwicklungsländern, die sich noch in den Frühstadien der Modernisierung befinden.« Die ›Entwicklungsländer‹ haben demzufolge also die letzten 500 Jahre, unbeeinflusst von Kolonialismus, Sklaverei und Ressourcenplünderung in einem mythischen Schlummer verbracht, aus dem sie erst jetzt, wenige Jahrzehnte nach der Entkolonisierung, erwachen und sich plötzlich in der selben Lage befinden wie die Industriestaaten des Nordens. Und so etwas versteht Armstrong unter Geschichtsschreibung.

Beklagt wird in Armstrongs Buch letztlich, dass die Religion die umfassende Deutungsmacht über die menschlichen Lebensumstände verloren hat. Am Ende ruft die Autorin zur »spirituellen Revolution« auf, die allein den Menschen aus seiner bedauerlich mythenlosen Lage retten könne. Ansätze dazu sieht sie ausgerechnet in der Art von Literatur, der dieses Blog gewidmet ist: »Magische Realisten – Jorge Luis Borges, Günter Grass, Italo Calvino, Angela Carter und Salman Rushdie – stellten die Hegemonie des Logos in Frage, indem sie Realistisches mit Unerklärlichem, Alltagsvernunft mit der mythischen Logik von Traum und Märchen kombinierten.« Ich muss sagen, ich bin nicht gerade erfreut, einige meiner Lieblingsautor_innen in der klebrigen Umarmung von Armstrongs New-Age-Botschaft wiederzufinden. Gegen so etwas hilft nur Walter Benjamins revolutionäre Einsicht, dass die menschenfreundliche, auf Glück zielende Logik des Märchens mit dem Mythos nicht etwa identisch ist, sondern vielmehr die Geschichte vom Sieg über die regressive Logik des Mythos erzählt.

Ragnarök. Das Schicksal der Götter von A.S. Byatt beginnt in der Sprache des Märchens:
Es lebte einmal ein dünnes Kind, ein Mädchen, das drei Jahre alt war, als der Weltkrieg begann. Es konnte sich daran erinnern, wenn auch nur vage, wie es in der Zeit vor dem Krieg gewesen war, als es, wie seine Mutter ihm oft erzählte, reichlich Honig und Sahne und Eier gab. Es war ein dünnes, kränkliches, knochiges Kind, wie ein Molch, mit feinem Haar wie sonnenheller Rauch. Die Erwachsenen sagten ihm, es solle dieses tun und jenes lassen, weil Krieg sei. Das Leben war ein Zustand, in dem Krieg war. [...] Ohne es zu wissen, empfand das dünne Kind Verzweiflung.
Allerdings kennt Byatts autobiographische Geschichte keinen ungetrübt glücklichen Ausgang. Nachdem sie die von Entbehrung geprägten Kriegsjahre mit ihrer Mutter auf dem Land verbracht hat, kehrt der Vater von der Front zurück. Die Mutter, die »im Krieg beherzt und erfinderisch gewesen war«, erlebt einen »Absturz in den Alltag«. Die Rückkehr des Vaters raubt der Mutter die Lebendigkeit; ihre eigene Rückkehr ist die in die Gefangenschaft des Hausfrauendaseins. Das dünne Kind, das die Verzweiflung des Krieges überstanden hat, wird nun von der Angst vor dieser Gefangenschaft verfolgt.

Was zwischen dem märchenartigen Anfang und dem unmärchenhaften Ausgang passiert, verrät mehr über die Macht des Mythos als alles, was Karen Armstrong über Sinnstiftung und zeitlose Wahrheiten schreiben könnte. Byatt schildert, wie unglaubwürdig der kirchliche Religionsunterricht, die Mythen des Christentums, ihr vorkamen: »Der Pfarrer sprach sanft und mild vom lieben Jesus, und das Kind kam sich ungezogen vor, weil es ihm nicht glaubte.« Als ihr ein Buch mit dem Titel Asgard and the Gods in die Hände fällt, eine Sammlung nordischer Göttersagen, findet sie darin ihre von der Religion nicht abgedeckte Welterfahrung zum Ausdruck gebracht, denn »Angst und Gefahr waren darin und Dinge, die außer Kontrolle geraten waren«. Wie Tolkien und Lewis, wie viele Engländer_innen im Zeitalter der Weltkriege zeigt Byatt sich fasziniert von den altskandinavischen Mythen, in denen die Göttinnen und Götter Asgards einen verzweifelten Abwehrkampf gegen den Ansturm der Jötunen führen, wohl wissend, dass am Ende Ragnarök steht, der Untergang der Götter und der Welt. Dass sie dennoch kämpfen, der unausweichlichen Niederlage zum Trotz, macht ihre Kraft aus.

Die Faszination für die nordischen Mythen ist keine Sache des Glaubens: »Im Gehen dachte das dünne Kind lange und angestrengt darüber nach, was es bedeutete zu glauben. Es glaubte die Geschichten in Asgard and the Gods nicht. Doch sie drehten sich wie Rauch in seinem Schädel und summten wie dunkle Bienen in einem Stock.« Dass die Nazis aus dem Mythos, vermittelt über Wagner, einen neuheidnischen Kult machen wollen, empfinden viele von Byatts Zeitgenoss_innen als Diebstahl: Die skandinavische Mythologie gehört nicht den Nazis, sie gehört den von den Nazis angegriffenen und unterjochten Ländern Nordeuropas, deren Abwehrkampf dem der Asen ähnelt.

Das dünne Kind lernt, dass die Wiederauferstehung von Menschen und Göttern auf dem grünen Idafeld wahrscheinlich nicht das ursprüngliche Ende des Mythos, sondern eine christliche Ergänzung darstellt. Und das originale Ende, das »alles bedeckende dunkle Gewässer« von Ragnarök erscheint ihm glaubwürdiger: »So funktionieren Mythen. Es sind Dinge, Wesen, Geschichten, die den Geist bevölkern. Sie können nicht erklärt werden und erklären nichts; es sind weder Glaubensbekenntnisse noch Allegorien.« Das Wissen um Ragnarök bleibt bestehen angesichts der Depression der Mutter, die durch das Ende des Krieges auf ihr Hausfrauendasein zurückgeworfen wurde, und der Angst der Tochter, eines Tages das gleiche Schicksal zu erleiden.

Im Nachwort schreibt Byatt:
[I]ch dachte immer an die Weisheit Ludwig Feuerbachs, jenes außerordentlich klugen Denkers, dem wir so viele Einsichten über Götter, Menschen und Moral verdanken. »Homo homini deus est«, schreibt er. Für ihn sind unsere Götter der Liebe, des Zorns, der Tapferkeit und des Erbarmens Projektionen menschlicher Eigenschaften, Konstruktionen des Bewusstseins unserer selbst. Er spricht über den fleischgewordenen Gott der Christenheit, einen Gott im Menschen, der für Feuerbach ein Mensch war, den man zum Gott machte. [...] Doch die nordischen Götter sind in ganz anderer Weise eigentümlich menschlich. [...] Sie wissen, dass Ragnarök kommen wird, und sind unfähig, sich vorzustellen, wie sie das Ende abwehren oder der Geschichte einen anderen Dreh geben könnten. Sie wissen, wie man tapfer stirbt, aber sie wissen nicht, wie man eine bessere Welt schafft.
Genau so wie die Eltern des dünnen Kindes nach dem Krieg nicht wussten, wie man eine bessere Welt schafft. Byatt berichtet in ihrem Nachwort, dass sie zunächst vorhatte, eine Nacherzählung des nordischen Mythos zu schreiben. Schnell wurde ihr aber klar, dass der Mythos für sie heute nicht mehr die gleiche Bedeutung haben konnte wie für ihr jüngeres Selbst, das dünne Kind. Sie entschied sich deshalb für die Form der autobiographischen Erzählung und schrieb nieder, unter welchen Umständen der Mythos für sie lebendig wurde. Damit hat Byatt Armstrong widerlegt: Der Mythos enthält keine ewigen Wahrheiten. Der Mythos gewinnt seine Wahrheit aus der Zeit und der Geschichte.

Zum Schluss kann ich nicht umhin, Byatt noch einmal zu Wort kommen zu lassen, und zwar zu dem oben bereits angesprochenen Unterschied von Mythen und Märchen:
Ich habe den nordischen Mythos von Ragnarök gewählt, weil ich durch die Erfahrung der wiederholten Lektüre von Asgard and the Gods in meiner Kindheit auch zum ersten Mal den Unterschied zwischen Mythos und Märchen erfahren habe. [...] Die Mythen gaben mir nicht dieselbe erzählerische Befriedigung wie Märchen, die mir Geschichten über Geschichten zu sein schienen, mit dem Zweck, ihren Lesern das Vergnügen des Wiedererkennens endlos wiederholter Variationen des immergleichen Erzählmusters zu verschaffen. Bei Märchen geht es – wenn man die blutige Gewalt und die schrecklichen Dinge akzeptiert, die den Bösen widerfahren – um einen ergötzlichen und befriedigenden vorhergesehenen Ausgang, die Guten leben weiter und vermehren sich, und die Bösen werden bestraft. Die Brüder Grimm glaubten, dass die von ihnen gesammelten Märchen die alte Volksreligion ihrer germanischen Vorfahren sei, aber es gibt einen Unterschied. [...] Mythen sind oft unbefriedigend, sie können sogar quälend sein. Sie verblüffen und verfolgen den Geist, der ihnen begegnet. Sie drücken verschiedenen Teilen der Welt in unseren Köpfen ihren Stempel auf, und das tun sie nicht, indem sie Vergnügen bereiten, sondern als Begegnungen mit dem Unbegreiflichen – dem Numinosen,** um ein Wort zu benutzen, das sehr in Mode war, als ich studierte. Die Märchengeschichten waren mir im Kopf wie kleine glänzende Ketten aus Steinen und geschnitzten Holz- und Emailperlen. Die Mythen waren höhlenartige Räume, ausgeleuchtet in extremen Farben, düster oder blendend hell, sie waren von wolkiger Dichte oder einer Art überheller Transparenz.

Eine kurze Geschichte des Mythos von Karen Armstrong (141 Seiten, Übersetzung: Ulrike Bischoff) erschien 2005 im Berlin Verlag. Ragnarök. Das Schicksal der Götter von A.S. Byatt (173 Seiten, Übersetzung: Susanne Röckel) erschien 2012 im gleichen Haus.

* Mit Achsenzeit meint der Philosoph Karl Jaspers, dass das etwa zeitgleiche Auftreten (ab 800 v. Chr.) der Propheten in Israel, der griechischen Philosophen, Buddhas und der Upanischaden in Indien, Konfuzius’ und Laotses in China und möglicherweise (da die Datierung seines Wirkens unklar ist) auch Zarathustras in Persien eine tiefgehende Wende in der Geschichte der Menschheit herbeigeführt habe.
** Das Numinose ist eine von dem Religionswissenschaftler Rudolf Otto eingeführte Kategorie, die zum Ausdruck bringen soll, dass die Erfahrung des Übernatürlichen bzw. des Heiligen auf den Menschen faszinierend und furchteinflößend zugleich wirkt.

Kommentare:

Raskolnik hat gesagt…

Schade, dass eine so interessant klingende Reihe mit einer offenbar so inadäquaten Einführung in die Bedeutung und Geschichte der Mythen eröffnet wird.

Nach einem kurzen Blick auf die Romane selbst, frage ich mich zweierlei:
1) Warum liegt der Schwerpunkt so überdeutlich auf europäischen Mythen? Gibt es irgendwelche Anzeichen dafür, dass die Reihe ursprünglich länger sein sollte und uns schließlich auch Neubearbeitungen afrikanischer, indischer, japanischer, mesopotamischer etc. Mythen beschert hätte?
2) Wie genau haben die Macher der Reihe "Mythos" definiert? Sind z.B. die Geschichten von Samson und Baba-Yaga wirklich Mythen?

Raskolnik hat gesagt…

Ach ja, eine kurze Anmerkung noch:

"Dass die Nazis aus dem Mythos, vermittelt über Wagner, einen neuheidnischen Kult machen wollen, empfinden viele von Byatts Zeitgenoss_innen als Diebstahl"

Ich finde es etwas fragwürdig, die Begeisterung der Nazis für die nordische Mythologie (oder gar ihre Kenntnis derselbigen) allein auf Wagner zurückzuführen. Hat der völkische Neopaganismus wirklich soviel mit dem "Ring des Nibelungen" zu tun?

Anubis hat gesagt…

Genau die gleichen Fragen habe ich mir auch gestellt. :-)

Zu 1) muss ich sagen, dass die für die Reihe eingerichtete Seite wohl nicht mehr gepflegt wird. Es ist nämlich doch noch ein Beitrag nach dem von Byatt erschienen: The Song of King Gesar von Alai. Damit gibt es einen tibetischen Beitrag, einen chinesischen (von Su Tong) und einen brasilianischen (von Milton Hatoum). Die polnische Autorin Olga Tokarczuk hat sich der Geschichte von Inanna angenommen. Außerdem gibt es drei Beiträge über biblische Figuren (Adam und Eva, Samson, Christus), die ja sozusagen europäisch und vorderorientalisch zugleich sind.

Insgesamt ist aber nicht zu übersehen, dass die meisten Beiträge sich auf Europa, genauer auf die klassische griechische Mythologie, beziehen. Sichere Anzeichen, dass sich das noch ändern könnte, habe ich leider nicht gefunden. Auf der Projektseite ist noch ein Beitrag von Tomás Eloy Martínez angekündigt, aber ich vermute mal, dass er gestorben ist, bevor er sein Buch vollenden konnte. Wobei mich brennend interessiert, worüber Martínez schreiben wollte. Ein Buch über Gauchito Gil, San La Muerte oder La Difunta Correa (und wie die verrückten, liebenswerten Heiligenfiguren der argentinischen Folklore alle heißen) hätte mich besonders gefreut!

Insgesamt kommt mir die Veröffentlichungsweise der Reihe sehr unübersichtlich vor. Das eigens designte Logo wird für die deutschen Ausgaben nicht mehr verwendet, die Internetseite wird anscheinend nicht auf dem neuesten Stand gehalten. Dazu kommt, dass nicht alle Werke, die in einer Sprache erscheinen, in sämtliche anderen beteiligten Sprachen übersetzt werden. Hier gibt es einen Thread in einem Forum, der alle Veröffentlichungen zu sammeln versucht.

Zu 2): Ich vermute, es gibt keine einheitliche Definition, auf der das gesamte Projekt basieren würde. Karen Armstrong behandelt den Mythos vornehmlich als religiöses, nicht als literarisches Phänomen. Die Internetseite spricht von “legendary tales”, was ich eher mit Sage als mit Mythos gleichsetzen würde. Das berührt das grundsätzliche Problem, dass die Erzählforschung gern von einer universal verbreiteten Trias Mythos – Sage – Märchen ausgeht, was aber bei genauerem Hinsehen nur verdeckt, dass es bislang keine wirklich überzeugende Definition des Mythos als literarische Gattung gibt. Während Sage und Märchen klar voneinander abgrenzbar sind, ist es ausgesprochen unklar, was Sage und Mythos voneinander unterscheidet. Das zeigt sich meiner Ansicht nach auch in der Figur des Samson: Einerseits wird er im Buch der Richter als eine historische Figur in historischer Zeit vorgestellt,* was nicht sehr ›mythisch‹ wirkt. Andererseits teilt er viele Eigenschaften mit Herakles (allen voran die halbgöttliche Herkunft), den wir schon viel eher als ›mythischen‹ Helden zu sehen gewohnt sind. Sind die Samsongeschichten nun Sagen oder Mythen?

Das sind einige Gedanken, die mir beim Gebrauch des Wortes Mythos durch die Buchreihe gekommen sind. Ich hoffe, ich habe dir damit nicht Dinge erzählt, die dir selbst viel besser bekannt sind. ;-)

Jedenfalls bin ich sehr gespannt, ob neben Byatt noch mehr beteiligte Autor_innen nicht nur Erzählungen schreiben, sondern auch theoretische Überlegungen zum Charakter des Mythos anstellen.

* Das bedeutet natürlich nicht, dass er auch tatsächlich als historische Person existiert haben muss.

Anubis hat gesagt…

Kurz zu Wagner:

Na ja, dass die NS-Bezugnahme auf die nordische Mythologie allein* auf Wagner zurückgeht habe ich nicht geschrieben. Aber du hast schon recht mit deiner Anfrage, ich habe mich missverständlich ausgedrückt. Als ich von einem »neuheidnischen Kult« sprach, meinte ich nicht den völkischen Neopaganismus (dessen Einfluss auf den Nationalsozialismus m.E. häufig überschätzt wird), sondern eher kultische Elemente, wie sie in der Inszenierung der Reichsparteitage etc. verwendet wurden. Darin spielten Bezugnahmen auf Wagner und die nordische Mythologie (z.B. Görings Nibelungenrede) durchaus eine Rolle, wie ja die »Nibelungentreue« auch schon vor den Nazis ein Motiv in der Ideologie des deutschen Nationalismus und Imperialismus war.

Aber vielleicht überschätze ich die Bedeutung Wagners in diesem Zusammenhang?

* Vorsicht, die Einfügung dieses Wörtchens kann weitreichende Folgen haben. :-D

Eosphoros hat gesagt…

Erst als du Olga Tokarczuk erwähnt hast, habe ich bemerkt dass ich ja ein Buch aus der Reihe besitze!

Bzgl. »ob noch mehr beteiligte Autor_innen theoretische Überlegungen zum Charakter des Mythos anstellen«: Tokarczuk beginnt ihr Nachwort zu AnnaIn mit »Keine Definition von Mythos, die ich kenne, ist so ungewöhnlich, paradox und witzig wie die, die Karl Kerényi geprägt hat: Mythos ist die Epiphanie des Göttlichen im Sprachzentrum des menschlichen Hirns.«

Anubis hat gesagt…

Eine Definition habe ich auch noch, die von Viktor Pelewin, der über Theseus und den Minotaurus schreibt:

»Wenn man sich das menschliche Denken als einen Computer vorstellt, so sind die Mythen vielleicht ihre [sic!] ›shells‹: Programmroutinen, denn wir folgen beim ›Berechnen‹ der Welt; mentale Matrizes, die wir auf komplexe Ereignisse projizieren, um sie mit Bedeutung zu füllen. Computerexperten behaupten, um gute Programme zu schreiben, müsse man jung sein. Diese Regel scheint für kulturelle Codes ebenso zu gelten. Unsere Programme wurden geschrieben, als die menschliche Rasse [sic!] noch jung war – zu einem Zeitpunkt, der uns so obskur und entlegen erscheint, daß wir die Programmiersprache gar nicht mehr verstehen.«

Vielleicht nehme ich mir für den nächsten Post Tokarczuk und Pelewin vor.

Raskolnik hat gesagt…

"Vorsicht, die Einfügung dieses Wörtchens kann weitreichende Folgen haben. :-D"

Kritik angenommen. :)
Ich will da jetzt auf gar keinen Fall irgendeine große Diskussion anfangen. Da ich selbst Wagners künstlerisches Werk sehr schätze, reagiere ich bei so Sachen vielleicht einfach ein bisschen überempfindlich. Dass es zahlreiche Entwicklungslinien zwischen Wagner und den Nazis gibt, würde ich natürlich nicht bestreiten.

Interessant finde ich deine Bemerkung über die kultischen Inszenierungen von Massenverantstaltungen im Dritten Reich. Das hat tatsächlich etwas von Wagners "Gesamtkunstwerk", wenn auch meiner Ansicht nach in einer pervertierten Form.

Dass das neuheidnische Element im Nationalsozialismus manchmal arg überschätzt wird, sehe ich auch so. Meines Wissens hielt Hitler selbst nicht sonderlich viel von dieser Art Germanentümelei, das war eher Himmlers Steckenpferd.


"Ich hoffe, ich habe dir damit nicht Dinge erzählt, die dir selbst viel besser bekannt sind. ;-)"

Keineswegs, ich bin in diesen Sachen nicht sooo bewandert. Die Trias Mythos - Sage - Märchen kommt mir allerdings schon seit einiger Zeit etwas fragwürdig vor, obwohl sie auf den ersten Blick so einleuchtend wirkt

Tatsächlich sind wohl gerade die Übergänge zwischen Sage und Mythos oft eher fließend. Auch bei Herakles wäre ich mir gar nicht so sicher, wie ich dessen Geschichte einordnen sollte. Und da du das Buch von Alai erwähnst (das mich brennend interessieren würde): Gesar wäre da auch so ein Fall. Oder natürlich Odysseus. Literarisch würde man die „Odyssee" und den tibetischen „König Gesar" wohl als Heldenepen bezeichnen, aber sagt das etwas über ihre Zuordnung innerhalb der Trias aus?


„Während Sage und Märchen klar voneinander abgrenzbar sind, ist es ausgesprochen unklar, was Sage und Mythos voneinander unterscheide".

Du kennst dich da offenbar besser aus als ich, aber gilt als eines der Unterscheidungsmerkmale zwischen Sage und Märchen nicht, dass erstere historisch und geographisch verortet ist. Wie verhält es sich dann eigentlich mit 1001 Nacht? Da spielen doch eine Reihe von Geschichten ganz ausdrücklich in Bagdad zur Regierungszeit von Harun ar-Raschid? Der Kalif und sein Wesir Jafar treten sogar persönlich auf. Würde man diese Geschichten dann gar nicht als Märchen bezeichnen?
{Reine Neugier}

Anubis hat gesagt…

Sorry, schwer verspätete Antwort (ich hatte Besuch)!

Zur Trias Mythos – Sage – Märchen: Neuere Literatur bemängelt daran nicht nur die problematischen Versuche, Mythos und Sage gattungsmäßig voneinander abzugrenzen, sondern auch das Nichtberücksichtigen komischer Volkserzählungen, die ja ähnlich weit verbreitet sind wie Märchen und Sagen. Einige Forscher_innen (z.B. Leander Petzoldt) gehen deshalb mittlerweile von einer Trias Sage – Märchen – Schwank aus. Petzoldt definiert den Mythos nicht als Gattung, sondern als Denkweise: »Der Begriff des Mythischen kennzeichnet eine bestimmte Glaubenshaltung oder Denkweise, die ungeachtet des Vorhandenseins eines wissenschaftlichen Weltbildes die Geschehnisse in der Natur etwa als Taten persönlicher Wesen und nicht anonymer physikalischer Kräfte interpretiert.« Wobei Petzoldt die mythische Denkweise nicht auf Naturphänomene beschränkt sieht, sondern betont, »daß alles mythisiert, daß alles zum mythisch Bedeutsamen erhoben werden kann«. Die Sage interpretiert laut Petzold »Personen und Geschehnisse aus einer mythischen Weltsicht heraus«. Damit ist die Sage sozusagen die bevorzugte Form des Mythischen. (Alle Zitate: Leander Petzold, Einführung in die Sagenforschung, 3. Auflage, Konstanz 2002, S. 137.)

Was die Zuordnung von Heldenepen angeht, würde ich sagen, dass es darauf ankommt, welche volkstümlichen Erzählstoffe das jeweilige Epos aufgreift. Bei Odysseus wird oft darauf hingewiesen, dass er (im Unterschied zu den Helden der Ilias) starke Ähnlichkeit mit einem Märchenhelden hat, was Uvo Hölscher zu der Hypothese geführt hat, dass er ursprünglich einer war. Ich würde aber denken (ohne mich damit auszukennen), dass die meisten Epen eher der Sage nahestehen?

Zur Zuordnung der Geschichten aus Tausendundeiner Nacht habe ich kürzlich was gelesen, müsste aber erst noch mal das Buch ausleihen.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.