Freitag, 17. Januar 2014

His head full of old lays

J.R.R. Tolkien galt lange Zeit als wenig produktiver Autor, und noch heute wird gelegentlich darauf hingewiesen, dass er bereits als junger Mann, noch vor dem Ersten Weltkrieg, zu schreiben begonnen hatte, sein erstes richtiges Buch aber erst Jahrzehnte später erschien, woraufhin es noch einmal siebzehn Jahre dauerte, bis der erste Band des Buches erschien, das ihn weltberühmt machte – allerdings auch erst etwa zehn Jahre nach seinem Erscheinen.

Nach Tolkiens Tod 1973 änderte sich das. 1975 erschienen seine Übersetzungen verschiedener mittelenglischer Verserzählungen. Sein Sohn Christopher gab 1977 The Silmarillion und 1980 Unfinished Tales of Númenor and Middle-earth heraus und machte damit Tolkiens Legendarium bekannt, über dessen Inhalt und Gestalt zuvor die skurrilsten Hypothesen im Umlauf gewesen waren. Diese Veröffentlichungen wurden ergänzt durch die zwölfbändige History of Middle-earth, die während der achtziger und neunziger Jahre erschien. 1979 gab es erstmals einen Bildband, der sich Tolkiens Gemälden widmete. 1981 erschien eine von Humphrey Carpenter editierte Sammlung von Briefen Tolkiens, 1983 der Essayband The Monsters and the Critics. Daneben wurden zahlreiche kleinere Werke veröffentlicht, und seit dem Erfolg von Peter Jacksons Verfilmungen des Lord of the Rings erscheinen kontinuierlich neue Texte aus Tolkiens Nachlass und kritische Editionen bereits veröffentlichter Schriften. Das Bild des Autors Tolkien hat sich dadurch gewandelt – oder auch nicht: Die gemunkelte Behauptung, so viel könne Tolkien doch gar nicht geschrieben haben und seine Erben wollten durch die Veröffentlichung ihm untergeschobener Texte den Reibach machen, hat fast schon den Status einer modernen Sage erlangt (wenn auch nicht im gleichen Maße wie die beliebten Mutmaßungen über das Heer von Ghostwriter_innen, das angeblich J.K. Rowlings Harry-Potter-Saga geschrieben hat).

In diesem Post soll es darum gehen, was Tolkien denn nun zu seinen Lebzeiten publiziert hat, und ob es eigentlich eine zutreffende Behauptung ist, er habe nur nebenbei geschrieben und sei mehr aus Zufall zu einem veröffentlichten Schriftsteller geworden. Dazu ist es zunächst nötig, ein Klischee aus dem Weg zu räumen: Tolkien sei ein weltfremder Gelehrter gewesen, der sich in Oxford mit obskuren Wissensgebieten befasste und nur zu seinem privaten Vergnügen Geschichten niederschrieb, die er sich ausgedacht hatte, um sie seinen Kindern zu erzählen. Dabei handelt es sich um eine Art Gründungsmythos der modernen Fantasy; ein Gründungsmythos, der sich um so passender ausnimmt, da Tolkien, indem seine akademische Tätigkeit als zerstreute Beschäftigung mit ausgestorbenen Sprachen und unverständlichen alten Codices dargestellt wird, Züge von Figuren wie T.H. Whites Merlin oder dem Zauberer Dallben aus Lloyd Alexanders Chronicles of Prydain annimmt.

Diese Geschichte ist weitgehend Unsinn (wenn es sich auch um interessanten Unsinn handeln mag). Tatsache ist, dass Tolkien fast sein ganzes Leben lang an seiner Karriere als Schriftsteller arbeitete. Sein erste richtige Veröffentlichung war ein Gedicht, das 1913 im Stapeldon Magazine gedruckt wurde, und seine letzten Bücher erschienen 1967, sechs Jahre vor seinem Tod. Er schrieb, um publiziert zu werden, und reichte immer wieder Manuskripte bei Zeitschriften und Verlagen ein. Er war jedoch kein hauptberuflicher Schriftsteller, sondern war die längste Zeit seines Lebens als Hochschullehrer tätig. Deshalb konnte er es sich leisten, seine Texte mehrfach und über lange Zeiträume hinweg zu überarbeiten.

Was also hat Tolkien veröffentlicht? Vor allem natürlich akademische Fachartikel und Texteditionen. Daneben eine große Zahl von Gedichten, die verstreut in Zeitschriften und Anthologien erschienen. Beides will ich nicht eigens aufzählen, da es zu langwierig wäre. Humphrey Carpenters J.R.R. Tolkien: A Biography enthält eine ausführliche Bibliographie, und Wayne G. Hammond hat J.R.R. Tolkien: A Descriptive Bibliography zusammengestellt. Ich beschränke mich also auf vollständige Bücher, die Tolkien veröffentlicht hat.
  1. 1936 erschien Songs for the Philologists, auf dessen Titelblatt Tolkien und sein Freund E.V. Gordon als Verfasser angegeben waren. Es handelte sich um einen Privatdruck, der von einer Studierendengruppe am University College in London angefertigt worden war. Bereits zuvor hatte E.V. Gordon die Songs for the Philologists in Form von kopierten Schreibmaschinenseiten an der Universität Leeds verteilt, wo er in den zwanziger Jahren gemeinsam mit Tolkien lehrte. Durch A.H. Smith, einen ehemaligen Studenten Gordons, gelangte ein Exemplar der Typoskripte an die Londoner Studierenden, die es schließlich druckten. Da sie aber weder Tolkien noch Gordon um Erlaubnis gefragt hatten, gelangte die Druckversion nicht in den Umlauf, sondern wurde im University College eingelagert. Die meisten Exemplare wurden durch die deutschen Bombenangriffe während des Zweiten Weltkriegs zerstört. Songs for the Philologists enthält 30 Lieder, von denen dreizehn von Tolkien stammen. Sie sind teils in Sprachen wie Angelsächsisch und Gotisch verfasst. Fünf von ihnen wurden später in posthume Editionen von Werken Tolkiens aufgenommen. Um ein richtiges Tolkienbuch handelt es sich hierbei noch nicht, da Tolkien kaum Einfluss auf seine Entstehung hatte und eine richtige Veröffentlichung letztlich ausblieb. Aber immerhin: ein Anfang.
  2. 1937 erschien The Hobbit or There and Back Again im Verlag Allen & Unwin. Dazu muss ich wohl nichts weiter sagen.
  3. 1949 folgte Farmer Giles of Ham, ein in einem imaginären englischen Mittelalter (»after the days of King Coel maybe, but before Arthur«) spielendes Märchen und Tolkiens komischstes Werk. In einer Lesung löste es beim Publikum solche Lachstürme aus, dass Tolkien über die unernste Rezeption fast schon wieder verärgert war. Die bereits 1937 niedergeschriebene Geschichte erschien mit Illustrationen von Pauline Baynes. Tolkien plante eine Fortsetzung, die leider nie vollendet wurde.
  4. 1954/55 erschien The Lord of the Rings, zu dem ich erst recht nichts weiter sagen muss.
  5. Tolkiens nächstes Buch war The Adventures of Tom Bombadil (1962), eine Sammlung von Gedichten, die eine Art Seitenstück zum Lord of the Rings darstellt (wie dieser werden die Adventures als Übersetzung aus dem »Roten Buch der Westmark« ausgegeben). Angeregt wurde die Veröffentlichung von Tolkiens Tante Jane Neave, die der Meinung war, eine solche Zusammenstellung würde eine schönes Weihnachtsgeschenk abgeben. In der Figur Tom Bombadils kommt Tolkiens fröhlich-anarchische Seite zum Vorschein, und es zeigt sich, dass besondere Momente seines Werks häufig dann entstanden, wenn er verschiedene Aspekte seines Schaffens kreativ miteinander vermischte: Bombadil war nicht als Teil des Legendariums angelegt, sondern stellte anfangs eine literarische Verkörperung der von Tolkien geliebten Landschaft Oxfordshires dar. In das Legendarium trat er durch den Lord of the Rings ein, und in den Adventures wurde er schließlich mit einer Art Hintergrundgeschichte ausgestattet. Der Band enthält aber auch ernste, elegische Gedichte wie »The Sea-Bell« und »The Last Ship«. Darüber hinaus zeigt er die Kontinuität in Tolkiens Schaffen auf: Eines der Gedichte, »The Stone Troll«, wird nicht nur in The Lord of the Rings von Sam Gamdschie rezitiert, es ist auch eine überarbeitete Fassung des bereits in den Songs for the Philologists abgedruckten »The Root of the Boot«. Wie der Farmer Giles erschienen die Adventures mit Illustrationen von Pauline Baynes.
  6. Von nun an zeichnet sich so etwas wie ein regelmäßiger Veröffentlichungsrhythmus ab, was vielleicht damit zusammenhängt, dass Tolkien 1959 emeritiert worden war und mehr Zeit hatte, seine Buch-Ideen zum Abschluss zu bringen.* 1964 erschien Tree and Leaf, eine Zusammenstellung zweier bereits an anderem Ort erschienener Texte, die sich in unterschiedlicher Weise mit Tolkiens Werk und seinen Voraussetzungen befassten. Der Essay »On Fairy-Stories« geht auf eine Vorlesung zurück, die Tolkien im Rahmen der Andrew Lang Lectures an der University of St Andrews in Schottland gehalten hatte. Andrew Lang (1844–1912) war ein schottischer Märchensammler und Schriftsteller, dessen Bedeutung auf den britischen Inseln der der Brüder Grimm in Deutschland gleichkommt. Die nach ihm benannte Vorlesungsreihe ist für die Geschichte der modernen Fantasy von einiger Bedeutung. 1932 hielt John Buchan** die Vorlesung, und 2012 (!) als erste Frau Jane Yolen.*** Es besteht einige Verwirrung bezüglich der Frage, in welchem Jahr Tolkien las. Die Einleitung von Tree and Leaf gibt 1938 als Jahreszahl an, während in der Sekundärliteratur meist 1939 genannt wird. Zu allem Überfluss findet sich in der Inklings-Festschrift Essays Presented to Charles Williams (1947), in der »On Fairy-Stories« erstmals gedruckt vorliegt, die Jahreszahl 1940. Die korrekte Datierung scheint 1939 zu sein. In Tree and Leaf erscheint der Aufsatz in einer geringfügig überarbeiteten Fassung.
    Der zweite Text des Bandes ist die allegorische Geschichte »Leaf by Niggle«, die vielleicht Tolkiens persönlichstes Werk darstellt. Sie handelt von den Schwierigkeiten des von Alltagspflichten und unsystematischer Arbeitsweise geplagten Künstlers, sein Werk fertigzustellen – in der Tat ist es wohl nicht zuviel gesagt, dass sie von Tolkiens Schwierigkeiten handelt, den Lord of the Rings und das Legendarium in Form zu bringen. »Leaf by Niggle« erschien zuerst 1945 in der Zeitschrift Dublin Review (auch hier herrscht Verwirrung bezüglich der Daten, denn die 1964er Einleitung gibt 1947 an). Über den inneren Zusammenhang der beiden Werke, des Essays und der allegorischen Geschichte, sagt Tolkien in der Einleitung:
    Though one is an “essay” and the other a “story”, they are related: by the symbols of Tree and Leaf, and by both touching in different ways on what is called in the essay “sub-creation.” Also they were written in the same period (1938–39), when The Lord of the Rings was beginning to unroll itself and to unfold prospects of labour and exploration in yet unknown country as daunting to me as to the hobbits. At about that time we head reached Bree, and I had no more notion than they had of what had become of Gandalf or who Strider was; and I had begun to despair of surviving to find out.
  7. Tolkiens am wenigsten bekannte Buchveröffentlichung, jedenfalls aus Sicht des europäischen Publikums, ist The Tolkien Reader aus dem Jahre 1966. Es handelt sich um eine nur in den USA verlegte Sammlung der zuvor einzeln in Buchform erschienenen kürzeren Werke Tolkiens: Tree and Leaf, Farmer Giles of Ham und The Adventures of Tom Bombadil. Ihnen vorangestellt sind »Tolkien’s Magic Ring« (eine von Peter S. Beagle verfasste Einleitung) und »The Homecoming of Beorhtnoth Beorhthelm’s Son«. Beagles Einleitung ist nicht weiter bemerkenswert (vielleicht bis auf die Tatsache, dass er enge Parallelen zwischen Beorn und Bombadil sieht). Sie richtet sich vor allem an Personen, die den Hobbit und den LotR noch nicht gelesen haben, und weist explizit darauf hin, dass nur eine der beiden US-Taschenbuchausgaben des LotR autorisiert ist.† Es ist schade, dass Beagle nicht verrät, wann er zum ersten Mal ein Buch von Tolkien gelesen hat, denn 1966 war er noch nicht der Autor von The Last Unicorn (dem vielleicht berühmtesten Werk der literarischen Fantasy im Zeitraum nach Tolkien und vor Rowling und Martin), sondern hatte gerade einmal seinen Debütroman A Fine and Private Place veröffentlicht. Später, nach dem Erfolg von Terry Brooks’ Sword of Shannara und anderen derivativen Werken, wurde Beagle zum wortgewaltigen Kritiker der post-tolkienischen, oft auch ›tolkienesk‹ genannten Fantasy, die immer wieder das Schema von auserwähltem Jüngling, magischem Mentor, Heldengruppe und Queste variierte.
    »The Homecoming of Beorhtnoth« ist Tolkiens einziger Versuch in der dramatischen Gattung. Er erschien – ungewöhnlich genug – ursprünglich 1953 in einem akademischen Jahrbuch, den Essays and Studies by Members of the English Association. Möglich wurde dies durch den Doppelcharakter des Werks. Der dramatische Hauptteil wird von zwei Essays gerahmt, die sich dem altenglischen Gedicht The Battle of Maldon widmen. Das fragmentarisch erhaltene Gedicht erzählt von dem fehlgeschlagenen Versuch eines angelsächsischen Heeres, im Jahre 991 eine Invasion von Wikingern aufzuhalten. Tolkien wäre nicht Tolkien, wenn sich nicht selbst die essayistische Einführung wie der Anfang einer Geschichte läse:
    In August of the year 991, in the reign of Æthelred II, a battle was fought near Maldon in Essex. On the one side was the defence-force of Essex, on the other a viking host that had ravaged Ipswich. The English were commanded by Beorhtnoth son of Beorhthelm, the duke of Essex, a man renowned in his day: powerful, fearless, proud. He was now old and hoar, but vigorous and valiant, and his white head towered high above other men, for he was exceedingly tall.
    Der angelsächsische Anführer, Beorhtnoth, gewährt den Wikingern Zugang zum Festland und damit einen entscheidenden Vorteil in der Schlacht. Beorhtnoths Heer wird geschlagen, er selbst findet den Tod. Ob seine heroische Geste als nachahmenswertes Beispiel oder als selbstmörderische Überheblichkeit interpretiert wird, hängt davon ab, welche Bedeutung man dem Wort ofermod zulegt (Tolkien schlägt ›overmastering pride‹ vor). Beorhtnoth ist für Tolkien der Inbegriff eines ritterlich-heroischen Anführers, der keine Rücksicht auf das Wohl seiner Gefolgsleute nimmt, wenn es Ruhm zu erringen gilt. Die Aufgabe des Dichters, der in Tolkiens Augen »above chivalry, or even heroism« steht, ist es, diese Haltung zu hinterfragen. Der dramatische Hauptteil von »The Homecoming of Beorhtnoth« besteht aus dem Gespräch zweier Männer, die nach der angelsächsischen Niederlage auf dem Schlachtfeld nach der Leiche des Anführers suchen. Während der jüngere Torhthelm ganz erfüllt ist vom heroischen Geist, sieht der ältere Tídwald die Dinge nüchterner und durchschaut die Motivation Beorhtnoths, der den Wikingern »needlessly noble« das Festland überlassen hat, »so keen was he to give minstrels matter for mighty songs«. Tolkien hatte detaillierte Vorstellungen, wie »The Homecoming of Beorhtnoth« inszeniert werden könnte, nämlich »as a recitation for two persons, two shapes in ›dim shadow‹, with the help of a few gleams of light and appropriate noises and a chant at the end«. Meines Wissens hat zu Tolkiens Lebzeiten nie eine Aufführung stattgefunden.††
  8. Smith of Wootton Major (1967), wiederum mit Illustrationen von Pauline Baynes, war Tolkiens nächstes Buch. Das Kunstmärchen, das der früheren Geschichte »Leaf by Niggle« thematisch nahe steht, hätte eigentlich das Vorwort einer neuen Ausgabe von George MacDonalds »The Golden Key« werden sollen. Wenn man Tolkien allerdings um die Verfertigung einer bestimmten Arbeit bat, kam es nicht selten vor, dass er am Ende etwas ganz anderes ablieferte. In diesem Fall wurde aus einem Vorwort eine von Rätselhaftigkeit und wehmütiger Stimmung geprägte Geschichte. Tom Shippey hat in überzeugender Weise eine allegorische Lesart für Smith of Wootton Major vorgeschlagen, womit das kurze Werk – vermutlich entgegen der Absicht seines Autors – in der Tradition der allegorischen Kunstmärchen von Goethe und Novalis zu stehen käme. Obwohl ich glaube, dass Shippey recht hat, gebe ich seine Interpretation hier nicht wieder. Die Geschichte, von Tolkien als »an old man’s book« bezeichnet, entfaltet ihren Zauber auch ohne Leseanleitung. 
  9. Zu guter Letzt ist The Road Goes Ever On: A Song Cycle zu nennen. Das Liederbuch erschien ebenfalls 1967 und war eine Gemeinschaftsarbeit von Tolkien (Texte) und Donald Swann (Noten). Wie der Komponist Swann mit Tolkiens Werk in Berührung kam, ist eine Geschichte für sich: 1949 bekam er Tolkiens Gedicht »Errantry« von einem Freund gezeigt. Swann war fasziniert von dem Reimschema, das Tolkien selber erfunden hatte, und dachte lange darüber nach, wie man es zu Musik machen könnte. Jahre später, nachdem Swann auf die Anregung seiner Frau hin zum begeisterten Leser des Lord of the Rings geworden war, fand er heraus, dass Tolkien der Autor auch von »Errantry« war.††† In der Folge vertonte Swann eine Reihe von Gedichten, die größtenteils aus dem LotR stammten. 1966 führte er auf Ediths und JRRTs Goldener Hochzeit seine Kompositionen mit Gesang von William Elvin (nomen est omen) auf. Im Jahr darauf wurde der Liederzyklus schließlich in Buchform veröffentlicht, mit einem Vorwort von Swann und einem Anhang von »Notes and Translations« von Tolkien selber. Der Anhang enthält Originaltexte, Übersetzungen und Erläuterungen zu den beiden elbischen Gedichten, die Swann verwendet hatte, »Namárië« und »A Elbereth Gilthoniel«. Im Zusammenhang mit der immer mal wieder aufflackernden Debatte, ob der Lord of the Rings (oder Tolkiens Sekundärwelt) Religion enthält, ist eine Bemerkung Tolkiens in diesem Anhang von Interesse:
    As a “divine” or “angelic” person Varda/Elbereth could be said to be “looking afar from heaven” [...] She was often thought of, or depicted, as standing on a great height looking towards Middle-earth, with eyes that penetrated the shadows, and listening to the cries for aid of Elves (and Men) in peril or grief. Frodo and Sam both invoke her in moments of extreme peril. The Elves sing hymns to her. (These and other references to religion in The Lord of the Rings are frequently overlooked.)
    The Road Goes Ever On wird abgerundet durch Randverzierungen von Tolkiens Hand und ein Faksimile des »Namárië«-Manuskripts, das Tolkien für die Übersetzung anfertigte.
Tolkien veröffentlichte also acht Bücher in einem Zeitraum von dreißig Jahren (Songs for the Philologists zähle ich an dieser Stelle nicht mit). Das ist nicht viel, aber auch nicht gerade wenig für jemanden, der eigentlich erst in seinem letzten Lebensjahrzehnt der Schriftstellerei auch als Brotberuf nachging. Ein Ein-Buch-Autor im wörtlichen Sinne war Tolkien jedenfalls nicht. Und doch ist es verbreitet und üblich, Tolkien als solchen zu bezeichnen – oder als Zwei-Buch-Autor, wenn man geneigt ist, den Hobbit gelten zu lassen. Der Tolkienforscher Douglas A. Anderson etwa sagt kurz und bündig, verglichen mit dem Legendarium seien Tolkiens weitere Werke allesamt zweitrangig. Allerdings frage ich mich, ob nicht das Problem genau darin liegt, dass Tolkiens Gesamtwerk fast immer sub specie legendarii betrachtet wird.

Als der Lord of the Rings Mitte der 1960er Jahre zum Bestseller wurde, entstand ein zunächst schwer zu stillender Hunger nach mehr. Anekdotisch ausgedrückt wird dies durch die Frage des US-amerikanischen Verlegers des LotR, Ian Ballantine: »Well? Where’s the next classic trilogy?« Ballantine versuchte dem Hunger zunächst entgegenzukommen, indem er einige ältere Werke von Mervyn Peake, E.R. Eddison und David Lindsay wiederveröffentlichte, und rief schließlich die von Lin Carter herausgegebene Reihe Ballantine Adult Fantasy ins Leben, durch die zahlreiche vergessene Klassiker zu neuen Ehren kamen. Zugleich lieferte Carter mit seinen Sachbüchern Tolkien: A Look Behind “The Lord of the Rings” (1969) und Imaginary Worlds: The Art of Fantasy (1973) eine Art Blaupause für Autor_innen künftiger Fantasy, wie Carter sie sich vorstellte: »By fantasy I mean the tale of quest, adventure or war set in an invented age and worldscape of the author’s own imagination.«

Damit waren die Weichen gestellt. Fantasy, von Carter zum ersten Mal erfolgreich als Genre der populären Literatur definiert,‡ bedeutete von nun an eine durch möglichst detailliertes Worldbuilding ausgestaltete Sekundärwelt, in der sich eine Questehandlung abspielt, möglichst nach dem Vorbild von Tolkiens ›Trilogie‹ auf drei Bände verteilt. 1977 erschien bei Ballantine Books The Sword of Shannara von Terry Brooks. Ironischerweise wurde das Werk, das die Welle der Tolkien-Epigonen auslöste, wie sein großes Vorbild erst durch einen editorischen Zufall zur Trilogie: Die deutsche Ausgabe erschien bei Goldmann zunächst in drei Bände gesplittet. Ian Ballantine wirkte übrigens nicht mehr aktiv mit an der Publikation, die die Antwort auf seine Frage darstellte; Ballantine Books war bereits 1973 an Random House verkauft worden.

Die Sekundärwelt-, Queste- und Trilogienregel hat nicht nur Schund hervorgebracht, sondern kann auch auf solche Klassiker wie Patricia A. McKillips Riddle-Master-Trilogie verweisen. Es wäre sinnlos, die von Ballantine und Carter angestoßene Entwicklung zu verteufeln. Aber der Hunger der Fans nach mehr, den Carter mit seiner Rede von der »tale of quest [...] set in an invented age and worldscape of the author’s own imagination« auf eine griffige Formel brachte, bezog sich auf ganz bestimmte Dinge: mehr Weltrettungen, mehr magische Artefakte, mehr Karten, mehr Dunkle Herrscher. Tolkiens Gedichte, Liederzyklen, Kunstmärchen und Essays entsprachen diesen Erwartungen nicht oder nur ungenügend. Wenn Tolkiens Bedeutung heute fast ausschließlich im LotR und (zu einem geringeren Ausmaß) im Hobbit gesehen wird, ist dies in jedem Fall eine durch die eben skizzierte Wirkungsgeschichte geprägte Sicht. Vor diesem Hintergrund vermag es kaum zu überraschen, dass unter den posthum veröffentlichten Werken Tolkiens, vom Silmarillion bis zu den Children of Húrin, vor allem diejenigen Beachtung erfahren, die zum Legendarium gehören. Daran ist nichts auszusetzen, und es ist in gewissem Sinne sogar unvermeidlich. Der Vielfalt von Tolkiens zu Lebzeiten erschienenem Werk wird man damit aber nicht gerecht. Will man Tolkien, den Schrifsteller, wirklich kennenlernen, dann muss man zurückkehren zu Niggles Sorgen und zum Kleinen Königreich, zu Prentice Alf und der grünen Sonne von Faërie.

    * Tolkiens zentrales Problem als Schriftsteller war, dass er angefangene Manuskripte oft liegen ließ, sich mit anderen Schreibprojekten ablenkte oder umfangreiche Revisionen an bereits geschriebenem Material vornahm.
    ** John Buchan (1875–1940) ist vor allem als Erfinder des Spionageromans bekannt. Sein von Alfred Hitchcock verfilmter Roman The Thirty-Nine Steps (1915) gilt als der erste Agententhriller. Buchan schrieb jedoch auch eine Reihe von Fantasygeschichten, die posthum in dem Band The Far Islands and Other Tales of Fantasy (1984) veröffentlicht wurden. 
    *** Yolen weist ganz zu recht darauf hin, dass Langs berühmte Märchensammlungen, die Colored Fairy Books, unter der (häufig unerwähnt bleibenden) Mitarbeit seiner Frau Leonora Blanche Alleyne Lang entstanden. Und nicht nur Jane Yolen, auch Terri Windling (oder Angela Carter vor ihrem Tod) wüsste sicherlich Hervorragendes zu sagen, ließe man sie eine Andrew Lang Lecture halten. 
    † Im Sommer 1965 erschien in den USA eine Taschenbuchausgabe des Lord of the Rings bei Ace Books, die nicht autorisiert war. Tolkien erhielt keine Tantiemen aus den Verkäufen. Später im gleichen Jahr erschien eine autorisierte Taschenbuchausgabe bei Ballantine Books, dem gleichen Verlag, der auch den Tolkien Reader herausgab. Die autorisierte Ausgabe hatte allerdings den Nachteil, dass sie teurer war. Tolkien verlegte sich darauf, in Antworten auf US-amerikanische Fanpost stets darauf hinzuweisen, dass die Ace-Ausgabe einen Betrug am Autor darstellte. Dieses Vorgehen erwies sich als voller Erfolg, denn die US-Fans schafften es, die Öffentlichkeit zu mobilisieren und Druck auf den Buchhandel auszuüben, und bald überstiegen die Verkäufe der autorisierten Ausgabe die der Ace-Ausgabe um das zehnfache.
    †† Es gab allerdings eine von der BBC gesendete Hörspielfassung, die Tolkien überhaupt nicht gefiel.
    ††† »Errantry« erschien zuerst 1933 im Oxford Magazine und wurde später in die Adventures of Tom Bombadil aufgenommen.
    ‡ Drei Jahrzehnte früher hatte der einflussreiche Herausgeber John W. Campbell mit dem Magazin Unknown bereits einen Versuch unternommen, Fantasy als populäres Genre zu etablieren. Campbell bevorzugte Geschichten mit magischen/übernatürlichen Geschehnissen, die sich im Hier und Jetzt abspielen und im Idealfall eine ›rationale‹ Erklärung für die übernatürlichen Ereignisse bieten (indem z.B. Vampirismus als Wirkung eines Krankheitserregers ausgegeben wird). Ray Bradbury, Fritz Leiber und Richard Matheson waren von dieser Fantasy-Tradition geprägte Schriftsteller. Am wirkmächtigsten dürften Campbells Ideen aber in der Fernsehserie The Twilight Zone verwirklicht worden sein. Aufgrund von Carters Neuansatz verschwand die von Campbell begründete Tradition ab der zweiten Hälfte der sechziger Jahre in der Versenkung, nur um in den Achtzigern unter dem Namen Urban Fantasy wieder aufzutauchen.

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    Foto-Disclaimer

    Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.