Freitag, 14. Juni 2013

Fresse, Theo

Das US-Fandom hat jetzt seinen eigenen John Asht. Oder, je nachdem, seinen eigenen Akif Pirinçci. Wie es dazu kam: N.K. Jemisin hat kürzlich auf dem Continuum (der Continuum?), einer australischen Con, zu der sie als Ehrengast geladen war, eine Rede gehalten. Darin sprach sie, neben anderen Dingen, die Kandidatur Theo Beales in den Präsidentschaftswahlen der SFWA (der Vereinigung von SF- und Fantasy-Autor_innen in in den USA) an, und bezeichnete Beale als »misogynist, racist, anti-Semite, and a few other flavors of asshole«. Das ist eine ziemlich akkurate Beschreibung, wie sich durch einen kurzen Blick in Beales Blogs bestätigen lässt. Beale zeigte sich jedoch überaus empört – wie Rechte es immer tun, wenn man sie und ihre Ansichten als rechts einordnet – und verfasste eine rassistische Invektive gegen Jemisin, die er anschließend über einen Twitter-Account der SFWA verschickte. Screenshots von Beales Gekeife bringt Amal El-Mohtar auf ihrem Blog (»posted with warnings for truly vicious racism and misogyny«). 

Wer Beale und den faschistischen Dreck, den er am laufenden Band von sich gibt, nur einigermaßen kennt, wird davon nicht überrascht sein. Beale tritt auch unter dem Pseudonym Vox Day auf (ich vermute, er will das wie einen Scherz aussehen lassen, meint es im Grunde aber ernst). Er beschreibt seine politischen und religiösen Ansichten als libertär und evangelikal. Seine fixe Idee scheint zu sein, dass Intelligenz an »Rasse« gekoppelt ist, dass also verschiedene »Rassen« existierten, die mit unterschiedlichen Intelligenzgraden ausgestattet seien. Das ist bemerkenswert, denn Rassismus kommt heutzutage häufig in einem kulturalistischen Gewand daher, als Rassismus ohne »Rassen«. Es schwadroniert sich schließlich hervorragend über unterschiedliche Kulturen, die nicht zueinander passen, über Konflikte zwischen »westlichen« Werten und solchen, die angeblich Deutschlands Abschaffung befördern. Ganz anders Beale. Sein Rassismus liest sich so, als sei er einem 150 Jahre alten Pamphlet zur Beförderung des kolonialen Gedankens entsprungen. Man sollte halt nicht vergessen: Nicht jeder intellektuelle Fascho macht heute einen auf modern und offene Gesellschaft. Es gibt auch noch welche von der alten, stinkenden Sorte, die sich kein freiheitliches Parfüm über den ewiggestrigen Schweiß kippen.

Wie Asht sieht Beale sich als einsamen Kämpfer gegen eine allmächtige Mafia. Wo Asht eine »Rezi-Mafia« am Werk sieht, fühlt Beale sich herausgefordert, die SFWA aus dem Würgegriff der liberalen Intelligenzija zu befreien. Gegen John Scalzi, SFWA-Präsident von 2010 bis 2013, führt er seit längerer Zeit einen immer fanatischere Züge annehmenden Kleinkrieg, bei dem kaum noch zu erkennen ist (oder nie zu erkennen war?), was Beale Scalzi eigentlich vorwirft. Scalzi hat sich deshalb vor einigen Monaten entschieden, immer dann, wenn Beale in herabsetzender Absicht seinen Namen erwähnt, fünf Dollar an Organisationen zu spenden, die sich gegen Homophobie oder Rassismus engagieren, und wendet diese Praxis auch auf die gegenwärtige Situation an, wie seinem Blog zu entnehmen ist.

Mit Asht hat Beale auch gemein, dass er ein Autor ist, dessen Bücher nicht gelesen werden – eher Internetphänomen als Schriftsteller ist. Beales Bekanntheit rührt vor allem aus seiner Tätigkeit für die ultrarechte Newssite WND.com, seiner Beteiligung am Blog des SFF-Magazins Black Gate, seinen Dauerfehden mit Scalzi und anderen, seiner generellen Großmäuligkeit und seiner Beliebtheit in evangelikalen Kreisen. Für letztere hat er das Sachbuch The Irrational Atheist verfasst, mit dem er beansprucht, eine fundierte Kritik der »neuen Atheist_innen« (Richard Dawkins, Christopher Hitchens und andere) geleistet zu haben. Nirgendwo wird deutlicher als hier, wie sehr Beale seine eigene Bedeutung überschätzt. Denn während ich etwa die Ausführungen Dawkins’ höchstens zum Seufzen finde (und mich frage, ob der Typ eigentlich schon mal was von Kant, Feuerbach oder Freud gehört hat), ist bei Beale nach wenigen Seiten klar, dass er schlichtweg nicht in der Lage ist, ein kohärentes Argument zu formulieren. Die religiöse Rechte, die das Buch abfeiert (ob sie es tatsächlich auch liest, weiß ich nicht), stört das nicht. Beale ist dumm wie ein Backstein, aber nicht so dumm, um nicht erkannt zu haben, dass er immer noch die Möglichkeit hat, andere Dummköpfe zu beeindrucken.

Auf seinem Blog präsentiert Beale eine kurze Liste von »standout SF authors«. Ein wahres Panoptikum von Gestalten, die aus einer Parallelwelt bizarrer Ideologien entsprungen zu sein scheinen: Orson Scott Card, der seit Jahren für seine homophoben Ausfälle bekannt ist (hier nur ein Beispiel). John C. Wright, der Sprachvirtuose, der sich als »practicing philosopher« ausgibt und das als Rechtfertigung sieht, solche Sätze zu schreiben: »It behooves us to begin by identifying those axioms tacitly assumed by everyone, even by those who claim to refute them.« It behooves you, na klar ... Could you please shut up? Tom Kratman, der sich als politischer Flüchtling bezeichnet, weil sein Heimatstaat Massachussetts kommunistisch unterwandert worden sei. Der die US Army verlassen haben will, weil er nicht politisch korrekt genug für sie sei. Der in seinem mit John Ringo verfassten Roman Watch on the Rhine über die Wiederauferstehung der Waffen-SS deliriert. Und viele, blödsinnige, paranoid-rechtsradikale Sachen mehr von sich gibt.

Doch so sehr Beales Autorenriege wie eine unfreiwillige Parodie der Tea-Party-Bewegung (die ihrerseits schon so etwas wie eine unfreiwillige Parodie ist) wirken mag, es bleibt festzustellen: Isoliert sind diese Figuren im US-Fandom nicht. Card und Wright galten zumindest früher mal als reputable Autoren. Von Beale würde das wohl niemand behaupten, der einigermaßen bei Trost ist, aber seine Mitwirkung bei Black Gate und andere Fandom-Aktivitäten zeigen zur Genüge, dass es Menschen gibt, die bereit sind, sich mit ihm abzugeben. Als SFWA-Präsidentschaftskandidat erhielt er immerhin 10 % der Stimmen. Insofern ist Beale vielleicht doch mehr Pirinçci als Asht, denn statt wie letzterer einfach unbeirrt weiterzumachen, wird ihm wohl gedämmert sein, dass er es als Autor nicht mehr weit bringen wird. Akif Pirinçci mag sich als Schriftsteller auf einem höheren Niveau bewegt haben, aber auch seine Karriere stagniert seit Jahren. Wenn man mit dem entsprechenden Charakter ausgestattet ist, mag es in so einer Situation aussichtsreich erscheinen, seinen Schwerpunkt vom Bücherschreiben aufs Hetzen zu verlagern.

Kommentare:

Raskolnik hat gesagt…

Hallo, Anubis!
Um genau zu sein, scheint Black Gate den guten Theo inzwischen doch endlich rausgeworfen zu haben. Jedenfalls befindet sich sein Name nicht mehr unter den offiziellen Bloggern. (http://www.blackgate.com/black-gate-staff/)
Viele Grüße!

Anubis hat gesagt…

Ja, gestern bin ich am späten Abend noch auf einige Kommentare gestoßen, die das bestätigt haben. Ironischerweise scheint es sein Post über »Korruption in der SFWA« gewesen zu sein, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Nachdem man Beale dort aufgenommen hat, um ihm eine Plattform zu seiner »öffentlichen Rehabilitierung« zu geben – unter der Bedingung, dass er seinen Vox-Day-Bullshit dort heraushält –, ist dieser Fascho-mit-Kuschelkurs-begegnen-Versuch ganz eindeutig gescheitert, würde ich sagen.

Raskolnik hat gesagt…

Jedenfalls war der erste Teil von Theos "Enthülllungen" über die feministische Verschwörung im Herzen der SFWA das Letzte, was man von ihm auf Black Gate zu lesen bekommen hat.
War die Mitarbeit der "Stimme Gottes" tatsächlich als eine Art Reha-Maßnahme gedacht!?! Wenn ja, dann war man bei BG für meinen Geschmack viel zu geduldig. So schlimm wie auf seinem eigenen Blog hat sich Theo dort zwar nie aufgeführt, aber es gab schon vor dem "Korruptions"-Post genug Provokationen, die Grund genug gewesen wären, um ihn mit einem gepfefferten Arschtritt in den Äther zu befördern.

Anubis hat gesagt…

Als Beale bei Black Gate anfing, sagte John O’Neill, er habe nicht gewusst, dass Beale mit Vox Day identisch ist. Und weiter: »[M]y first inclination is that if he can in fact keep his Vox persona clear of the BG blog, I’ll have no reason to dis-invite him from the blog. I genuinely hope I still feel that way after reading his Vox posts. If the BG blog is the place where Theo wants to begin his public rehabilitation, then I’d be glad to let him.«

Habe ich auch erst gestern hier gefunden. Kann man sich jetzt fragen, ob das naiv oder eine lahme Ausrede ist. Politisch ist es auf jeden Fall fatal, wie sich gezeigt hat.

Raskolnik hat gesagt…

Vielen Dank für den Link, auch wenn John O'Neills Aussagen die ganze Angelegenheit für mich nur noch mysteriöser machen. Wenn das tatsächlich nur Naivität gewesen ist, dann frage ich mich, warum es so lange gedauert hat, bis man Theo endlich vor die Tür gesetzt hat.
Gerade in den Gefilden des "Sword & Sorcery" - Fandoms scheinen sich ja leider einige wenig erfreuliche Gestalten herumzutreiben (wie z.B. der ehemalige Herausgeber des "Cimmerian" Leo Grin). Da könnte ich mir dann schon vorstellen, dass Beale bei "Black Gate" zumindest ein paar Sympathisanten hatte.

Anubis hat gesagt…

Den ersten Platz auf der Liste der rechtsradikalen Spinner im Sword-and-Sorcery- und Pulp-Fantasy-Fandom belegt für mich ja R.E. Prindle, der in seinen zahlreichen Beiträgen im ERBzine allen Ernstes behauptet, dass arische Genie Burroughs habe in seinen Romanen die »jüdische Wissenschaft« Marx’, Einsteins und Freuds widerlegt ...

Raskolnik hat gesagt…

Ach Mensch,du bist gemein! Jetzt weiß ich nicht, ob ich mich auf die Suche nach den Ergüssen dieses traurigen Vertreters unserer Spezies machen oder meine Zeit doch lieber für sinnvollere Dineg verwenden soll!
Den guten Darwin hat Pulp-Meister Burroughs nicht zufällig auch noch widerlegt? Sonst würde das ja ganz wie die klassische Bösewichter-Gallerie der christlichen Fundamentalisten klingen. (Okay, die Nazis hatten schon mal 'ne ähnliche Liste aufgestellt.)

Anubis hat gesagt…

Puh, überleg’s dir gut, ob du dir das antun willst.

Prindle redet gerne und viel von Evolution, behauptet z.B., die Menschheit habe die Phase des religiösen Bewusstseins hinter sich gelassen und habe sich zur Stufe »wissenschaftlichen Bewusstsein« weiterentwickelt. Außerdem ist ihm sehr wichtig, dass Ferdinand und Isabella »in the evolutionary sense« völlig richtig gehandelt hätten, als sie die maurische und jüdische Bevölkerung von der iberischen Halbinsel vertrieben, denn »an invasion of a competing species« (!) könne man nur mit ihrer Vertreibung oder Vernichtung begegnen. Klingt für mich wie eine eklige Mischung aus Sozialdarwinismus und Rassenhygiene. Manchmal frage ich mich ja echt, was schlimmer ist: Pseudodarwinismus wie der von Prindle oder Antidarwinismus wie der von Beale.

Wenn ich es richtig verstanden habe, dann behauptet Prindle, seine biologistischen, antisemitischen und antikommunistischen Ansichten seien eine von Irrtümern bereinigte Version der Theorien Darwins und Freuds. Allerdings ist sein Geschreibsel unübertrefflich wirr, so dass er an anderer Stelle wieder behaupten kann, Freud sei ein Betrüger gewesen.

Entschuldige, wenn ich das nicht verlinke. Prindles Texte müssten über die Suchfunktion des ERBzine aber leicht zu finden sein.

Raskolnik hat gesagt…

Okay, du hast mich überzeugt, davon lass ich mal lieber die Finger. Und natürlich hast du recht: Faschisten können sich genausogut materialistisch-wissenschaftlich wie religiös-spirituell geben. Und auch mir fällt's da schwer zu entscheiden, welche Variante ich ekliger finde.
Nachdem ich heute bezüglich Beale, N.K. Jemisin und SFWA noch ein bisschen im Netz rumgestöbert habe, habe ich eigentlich nur noch einen Wunsch: Am Tag nach der Revolution den Hebel der Guillotine betätigen zu dürfen.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.