Mittwoch, 13. Juni 2012

Sketch for a Marxist Interpretation of Fantasy

Über Sacnoth’s Scriptorium (John Rateliffs Blog) bin ich auf einen Artikel von Edward Upward gestoßen, der mit »Sketch for a Marxist Interpretation of Literature« überschrieben und 1937 erschienen ist. Upward gehörte als Schriftsteller und politischer Aktivist dem Kreis um W.H. Auden, Christopher Isherwood, Stephen Spender und Cecil Day-Lewis an. In Rateliffs Blogpost findet er Erwähnung, weil er in seinem 1937er Artikel die Ansicht vertritt, es sei unmöglich, in dieser Zeit Fantasy zu schreiben und damit etwas über die Realität zu sagen. Das entbehrt nicht der Ironie, denn im gleichen Jahr wurde Tolkiens Hobbit veröffentlicht und der Grundstein für das spätere Erscheinen des Lord of the Rings gelegt – das Werk, das für die moderne Fantasy definitorische Wirkung hatte und konsequent als Allegorie auf entweder den 2. Weltkrieg oder den Kalten Krieg missverstanden wurde. Ironisch ist auch, dass Upward eng befreundet war mit Auden, einem der prominentesten Bewunderer des Lord of the Rings, und mit Isherwood, der durch eine positive Rezension dazu beitrug, den Martian Chronicles des kürzlich verstorbenen Ray Bradbury zu ihrem Ruhm zu verhelfen.

Rateliffs Blogpost verzeichnet Upward als Vertreter eines totalitären Literaturprogramms, weil er in seinem Essay für seine Gegenwart die Position vertritt, nur marxistische Literatur könne gute Literatur sein. Dies kann Upward zufolge selbstverständlich nicht für die Literatur vor dem Aufkommen des Marxismus gelten, vielmehr stellt er sich die Frage, was gute Literatur überhaupt ausmacht und welche spezifische Gestalt sie in der Gegenwart (d.h. Upwards Gegenwart in der Zwischenkriegszeit) annehmen kann. Darauf weist auch Rateliff hin; sein Blogpost wird Upward dennoch nicht gerecht.

Von einer totalitären, auf Kommando produzierten Literatur distanziert Upward sich ausdrücklich: »[The Marxist] does not, as anti-Marxists sometimes assert, claim that no idea can be true unless it is to be found in the works of Marx and Engels or in the decisions of the Communist International.« Er zieht auch keine abstrusen Schlussfolgerungen aus seiner Position, wie etwa die, dass eine marxistisch gesinnte Autorin gute Literatur quasi als Selbstläufer hervorbringen müsse. Vielmehr werde eine solche Ansicht »rejected at once by any practising writer who took his work seriously, who wanted to write ›better‹ books in the future than he had written in the past; it would be rejected also by any Marxist who approached literature from genuine interest and not from a mere sense of political duty. [...] The quality of his writing will depend upon his individual talent, his ability to observe the complex detail of the real world.«

Was aber zeichnet gute Literatur in Upwards Augen aus? Sie muss realistisch sein, was für Upward bedeutet, dass sie sich mit den gesellschaftlichen Bedingungen befassen muss, in denen sie produziert wird. Das heißt aber nicht, dass sie im mimetischen Sinne realistisch sein muss:
This does not mean that [the Marxist] prefers a photographic naturalism to all other styles of writing: on the contrary, he recognises that only in exceptional historical circumstances can naturalistic writing give a true picture of life—since only in exceptional circumstances, in revolutions and in major wars, do fundamental realities come to the surface of life.
Im guten Sinne realistisch ist Literatur für Upward dann, wenn sie die Gegenwart nicht nur beschreibt, sondern auch das in ihr angelegte Potential für eine bessere Zukunft zum Vorschein bringt. Das ist interessant, denn man könnte sagen, dass Literatur für Upward wirklich realistisch nur dann ist, wenn sie visionär ist. Ein Roman, der die bourgeoise Gesellschaft der Zwischenkriegszeit beschreibt und ihre Dekadenz anprangert, ist nicht notwendigerweise realistisch in Upwards Sinn, wenn er z.B. nichts über die Möglichkeit einer Revolution gegen diese gleichgültige und unbarmherzige Gesellschaft aussagt. Auch in der Literaturgeschichte hätten diejenigen Werke, die nicht nur ihre Gegenwart beschreiben, sondern auch auf zukünftige Entwicklungen hinausgreifen, stets die größte Langzeitwirkung entfaltet.

Die polemische Auseinandersetzung mit der Fantasy, die Rateliff dazu veranlasste, Upwards Essay einen Blogpost zu widmen, stellt im Text einen Nebenschauplatz dar. Upward grenzt sich in erster Linie von den großen Autor_innen der klassischen Moderne ab, insbesondere von Joyce, Proust und Lawrence. Upward gesteht ihnen zu, dass sie versucht hätten, etwas über die Wahrheit des Lebens auszusagen, aber es sei ihnen letztlich nicht gelungen, auch wenn Lawrence in seinen Ahnungen am weitesten vorgedrungen sei. Die großen Modernen machen sich in Upwards Augen kleinbürgerlich oder aristokratisch-dekadent aus; für die Realitäten des Lebens um sie herum seien sie entweder blind (wie Joyce und Proust) oder schreckten vor ihnen zurück (wie Lawrence). In den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ihrer Zeit hätten sie letztlich einen rückwärtsgewandten Standpunkt eingenommen und seien gescheitert. Upward betont abermals, dass dies nicht an ihrem mangelndem Willen gelegen habe, die Wahrheit zu sagen, denn sonst hätten sie »thrillers and amusing fantasies« geschrieben.

Die Tendenz einer solchen Aussage ist klar. Rateliff hat recht, insofern einige der Aussagen, die Upward über Fantasy macht, zu den schwächsten und unreflektiertesten des Artikels zählen. Upward meint, Fantasy bedeute in der Gegenwart und »in practice a retreat from the real world into the world of imagination«. Er meint, der Zweck von Fantasy könne ausschließlich darin liegen, falschen Trost zu gewähren in »a world which is daily drifting towards a war of unprecedented destructiveness«. Solche Aussagen vertritt er mit Vehemenz und verwickelt sich damit in unnötige Widersprüche. Vor allem aber wird in ihnen die Tragik sichtbar, mit der Upward konfrontiert war, die in Rateliffs Blogpost aber fast völlig ignoriert wird.

Upward sah einen kommenden Weltkrieg voraus, zerstörerischer als der erste, wie er 1939 von Nazideutschland entfacht wurde (und, könnte man hinzufügen, vom faschistischen Italien in seiner Invasion Äthiopiens 1935/36 bereits geprobt worden war). Wie sollte man in einer solchen Situation weiterhin als Schriftsteller_in leben und wirken? Upward spricht die Gefahr an, dass ein neuer Krieg und der Aufstieg des Faschismus die Literatur zum Verstummen bringen könnten. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass Literatur eine wichtige, entscheidende Rolle im Leben der Menschen zukommt, und dass gute Literatur etwas ist, wofür gekämpft werden muss. Man kann sich beim Lesen von Upwards Essay gut vorstellen, dass die Situation im Jahr 1937 einen Autor, der sich fragt, was er zur Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse beitragen kann, ziemlich aussichtslos vorgekommen sein mag.

Upwards Antwort ist eindeutig: Um der Verantwortung, die die Situation ihnen auferlegt, gerecht werden zu können, müssen Schriftsteller sich ohne Einschränkungen der Arbeiterinnenbewegung anschließen bzw. am Marxismus orientieren: »A writer to-day who wishes to produce the best work that he is capable of producing, must first of all become a socialist in his practical life, must go over to the progressive side of the class conflict.« Diese Antwort ist (wie ich nicht etwa aus borniert-antikommunistischer, sondern aus einer kritisch-marxistischen Perspektive sagen möchte) in gewissem Sinne Teil des Problems und nicht ihre Lösung. Denn Upward steht voll und ganz im Arbeitsfetischismus der sozialistischen Bewegung seiner Zeit. Die zum Sozialismus übergelaufene Schriftstellerin, so macht er klar, muss »extra work« verrichten, sie muss zusätzlich arbeiten. Sie ist nicht nur verpflichtet, gute, wahrhaft realistische Literatur zu erschaffen, sondern muss auch noch vollen Einsatz für die Sache der Bewegung zeigen (»to sacrifice life itself in the cause of the workers«). Sie muss sich bewusst sein, dass nur die Entscheidung für den Sozialismus es ihr ermöglicht, gute Literatur zu schreiben, aber gleichzeitig kann es passieren, dass diese Entscheidung sie bis zur Aufopferung vereinnahmt, so dass sie vielleicht gar nicht mehr dazu kommen mag, überhaupt zu schreiben. Das in Upwards Frage, wie man angesichts von Faschismus und Krieg schreiben kann, enthaltene Dilemma wird durch seine Antwort im Grunde nur auf die Spitze getrieben: Schreiben kann man nur, indem man Sozialist_in wird, aber indem man Sozialist_in wird, muss man das Schreiben möglicherweise aufgeben. Hier wird deutlich, warum der undogmatische Marxismus der Arbeiter_innenbewegung vorwerfen konnte, sie verherrliche die Leistung, die Aufopferung und die Plackerei, statt zu versuchen, sie wirklich und wirksam zu überwinden.

Diese Haltung Upwards steht in engem Zusammenhang zu seinem Verdikt über die Fantasy: Er bemerkt, dass der Rückzug aus der Realität, den er als Möglichkeitsbedingung der Fantasy ansieht, »may have been practicable and desirable in a more leisured and less profoundly disturbed age than our own«. Die besten Mythen und Märchen seien in früheren Zeiten entstanden, als »the majority of men, though they had no hope of bettering their material conditions, were not so harassed by life that passive contemplation was impracticable for them«. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Freude daran, sich von der gegenwärtigen Realität zu distanzieren und sich eine andere Wirklichkeit zu erträumen, dieser in meinen Augen höchst wünschenswerten und lustvollen Tätigkeit gesteht Upward nur dann ihr Recht zu, wenn ihr in einer »more leisured and less profoundly disturbed« Gesellschaft nachgegangen wird, in einer Gesellschaft, in der die Menschen vom Leben nicht so gebeutelt werden wie heutzutage.

Upward gelangt nicht zu dem Punkt, an dem er bewusst eine Verbindung herstellen könnte zwischen einer solchen Gesellschaft, in der das Träumen ungehindert möglich ist, und den auch von ihm herbeigesehnten klassenlosen Zustand, in dem es Unterdrückung und Ausbeutung nicht mehr gibt, und in dem Schriftsteller_innen einfach nach Lust und Laune schreiben können. An einer einzigen Stelle scheint es fast so weit zu sein:
If we accept Sir James Frazer’s view that there have been three main and successive phases in the thought of man—the phases of magic, religion and science—and that science, unlike religion, agrees with magic in proclaiming man’s power over nature, we may suppose that future writers will no longer regard Tragedy—the contemplation of the defeat of man—as the most effective and most serious literary form. It is possible that the ‘fairy’ story—celebrating the triumph of man over dangers and difficulties—will reappear on a higher, a scientific level.
Hier hat Upward plötzlich ganz anderes über Fantasy (im weitesten Sinne) zu sagen: Das Märchen wird von ihm als literarische Gattung gepriesen, die den Triumph des Menschen über Gefahren und Hindernisse feiert. Fast nähert er sich dem wundervollen, Chesterton zugeschriebenem Diktum »Fairy tales are more than true—not because they tell us dragons exist, but because they tell us dragons can be beaten.« an. Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man die Beliebtheit und den Erfolg, den spekulativ-phantastische Literatur im finsteren 20. Jahrhundert hatte, zumindest in Teilen diesem utopischen Impuls des Märchens zuschreibt. Und was sind die besten Science-Fiction-Erzählungen anderes als wissenschaftlich und gesellschaftstheoretisch unterfütterte Märchen? Leider sagt Upward nur wenig mehr darüber, wie genau er sich die visionär-realistische Literatur, die er einfordert, denn vorstellt. Lediglich in den letzten drei Absätzen seines Essays geht er darauf ein. Seine abschließenden Sätze machen das Dilemma, in dem er selbst steht, noch einmal in besonderer Weise deutlich:
Decaying capitalism is the enemy of all culture, of all good-living, and if we are to do our best in the fight against capitalism and for the establishment of a new world order, we need to understand and to feel the grandeur of our task. This understanding and this feeling the imaginative writer can give us.
Phantasievolle Schriftsteller_innen sollen also, im Namen des Kampfes für das gute Leben, Verständnis wecken für die Größe dieses Kampfes. Upward kommt der Idee sehr nahe, dass Fantasy und Science Fiction, also die spezifisch modernen Ausprägungen des märchenhaften Erzählens (»celebrating the triumph of man over dangers and difficulties«), sich für diese Aufgabe in besonderem Maße eignen könnten. Und doch will er den Schriftsteller_innen diese Form des Erzählens versagen, befangen in dem naheliegenden, rechtschaffenen Irrtum, sie sei nur in besseren Zeiten möglich.

Man würde es sich zu einfach machen, wenn man daraus lediglich den Schluss ziehen würde, Upward sei selber nicht zur Erfüllung seiner Forderung gelangt, auf literarisch-visionäre Weise die in der Gegenwart angelegten Möglichkeiten anderer, besserer Welten zu erkunden, sondern in den engen Begrenzungen geblieben, die seine Zeit ihm auferlegte. Wer könnte ihm das vorwerfen, angesichts von Wirtschaftskrise und sich ausbreitendem Faschismus? Falsch wäre auch eine rein apologetische Haltung des Jubels darüber, dass Fantasy und Science Fiction sich im Laufe des 20. Jahrhunderts als beliebte Literaturform durchgesetzt haben. Der Großteil der spekulativen Literatur kommt ja tatsächlich nicht über den falschen, verlogenen Trost hinaus, den Upward so sehr kritisiert. Aber die Krise und der Faschismus sind heute immer noch da, und der eine erweist sich aufgrund der anderen wieder einmal als besonders rührig. Es ist nicht 1937, aber die Gegenwart könnte sich als eine Zeit erweisen, in der es besonders dringlich ist, durch phantasievolles Erzählen an das zu erinnern, was sein könnte, um sich nicht von dem Schrecken darüber, was ist, lähmen zu lassen. Im besten Falle hätte ein solches Unternehmen wenig mit Weltflucht zu tun, aber viel mit Weltveränderung, wie auch Upward sie im Sinn hatte: »Good writing—like good housing and good wages—is something worth fighting for.«

Kommentare:

sad hat gesagt…

Interessanter Beitrag, ich kannte Upwards Namen bislang nur flüchtig (ich erinnere mich an einige Nachrufe als er gestorben ist) und habe bislang noch nichts von ihm gelesen. Ich finde es ist immer spannend, sich solche alten Debatten um spekulative und fantastische Literatur wieder anzuschauen, vor allem weil sie immer drohen in Vergessenheit zu geraten.

Wenn man Upwards Essay so liest, fühlt man sich allerdings so ein bischen an den bornierten Realismus von Georg Lukács und Alfred Kurella in der Expressionismusdebatte erinnert, die nahezu zeitgleich stattgefunden hat. Zumindest drücken beide die rigide stalinistische Kulturpolitik aus, wie sie in den Kommunistischen Parteien zu dieser Zeit exerziert wurde.

Von Schriftsteller_innen wird kategorisch abverlangt, die Welt so zu interpretieren, wie die KPs das getan haben. Upward schreibt zwar, es gehe ihm vor allem darum, dass Literatur "true to life" sein müsse und die realen Kräfte aufzeigen soll, die das gesellschaftliche Leben bestimmen ("real forces at work beneath the surface of life"), er macht aber auch sofort klar, was damit gemeint ist: Die einseitige und oberflächliche Betrachtungsweise unrealistischer und schlechter Literatur zeige sich hin und wieder darin, dass sie mitunter pessimistisch sei und die sozialistische Bewegung nicht in ausreichend positivem Licht repräsentiere. ("it would be pessimistic, would represent militant socialism as a comparatively insignificant movement having not more than a few thousand adherents") [Seite 5]. Das ist für meine Begriffe im Wesentlichen ein Propagandaprogramm, wie es in den Warschauer Vertragsstaaten dann später auch als "Sozialistischer Realismus" verwirklicht wurde.

Eigentlich, denke ich, sollte eine kritische marxistische Auseinandersetzung mit Literatur und Kunst aber vor allem danach fragen, wie sich die gesellschaftlichen Widersprüche überhaupt zu Kunst, Literatur und Ästhetik verhalten. Wie sie sich in diese einschreiben und durch sie vermittelt werden, auch ohne dass sich die Künstler_in oder Autor_in dessen bewusst wird. Es kann dabei weniger darum gehen im Werksinhalt positive politische Programme finden zu wollen, als in der Form der Kunst die lebendigen Antagonismen der jeweiligen Epoche zu entdecken.

Leider habe ich, wie gesagt, bislang nichts von Upward gelesen. Es wäre nach diesem Essay mal spannend sich seine Geschichten anzuschauen.

Anubis hat gesagt…

Es scheint ja überhaupt ein Denkfehler Upwards zu sein, aus den Positionen von Autor_innen auf die Aussagekraft ihrer Werke zu schließen. Lawrence, Joyce und Proust unterstellt er Ignoranz bzw. bösen Willen und meint, deshalb mangele es ihren Werken an Substanz. Und wenn er umgekehrt so sehr darauf beharrt, gute Literatur könne nur aus einer Hinwendung zur Arbeiter_innenbewegung entstehen, spricht auch dies einer individuellen politischen Entscheidung höchste Bedeutung zu. Letztlich eine sehr wenig materialistische Auffassung.

Bemerkenswerterweise hat der Essay bei mir überhaupt kein Verlangen ausgelöst, Upwards Erzähltexte zu lesen. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass ich in seinem »Sketch« in literaturtheoretischer Hinsicht das am interessantesten fand, was er nur andeutet und sich und anderen eigentlich versagen will.

sad hat gesagt…

Ich weiß was du meinst, aber es würde mich schon interessieren, ob er in den Geschichten genau das konsequent umsetzt, was er in dem Essay vorgetragen hat oder ob er nicht vielleicht doch selbst darüber hinausgeht.

Was das verhältnis der individuellen Positionierung der Autor_in zur Aussagekraft ihrer Werke in Upwards Ausatz angeht, stimme ich dir völlig zu. Interessant ist auch, dass genau diese Haltung eigentlich von marxistischen Intellektuellen immer konsequent verneint wurde. Selbst jemand wie Georg Lukács beharrte ja darauf, dass gerade auch eine bürgerliche Autor_in das gesellschaftliche Rohmaterial in ihrer Literatur auf unbewusste Weise materialistisch aufarbeiten kann. Das war für ihn selbstverständlich nur in einem ganz bestimmten Modus möglich, abseits dem alles dazu verdammt war direkt in den Faschismus zu münden, aber dennoch fällt Upwards hier noch hinter Lukács' Position zurück.

Man sollte aber vielleicht noch darauf hinweisen, dass nicht alle marxistischen Literaturkritiker_innen zu dieser Zeit verbohrte Realist_innen waren. Undogmatische linke Intellektuelle wie Walter Benjamin, Bertolt Brecht oder Ernst Bloch hatten in den 20er und 30er Jahren schon sehr viel fortschrittlichere Positionen zu diesem Thema.

Im Übrigen ist da auf Englisch auch ein schöner Sammelband mit einleitenden Texten von Fredric Jameson erschienen:
http://fckvrso.wordpress.com/2011/02/23/theodor-adorno-et-al-aesthetics-and-politics/

Anubis hat gesagt…

»Man sollte aber vielleicht noch darauf hinweisen, dass nicht alle marxistischen Literaturkritiker_innen zu dieser Zeit verbohrte Realist_innen waren. Undogmatische linke Intellektuelle wie Walter Benjamin, Bertolt Brecht oder Ernst Bloch hatten in den 20er und 30er Jahren schon sehr viel fortschrittlichere Positionen zu diesem Thema.«

Auf jeden Fall. Fortschrittlichere Positionen auch spezifisch zu Fantasy im weitesten Sinne, vergleiche Blochs Gedanken zum Märchen. Und Benjamin hat sich meines Wissens in einem Vortrag über E.T.A. Hoffmann und Oskar Panizza über phantastisches Erzählen geäußert. Habe ich noch nicht gelesen, aber ich spiele mit dem Gedanken, das bald nachzuholen und einen dem hier vergleichbaren Post darüber zu schreiben. Falls der Text das hergibt.

Danke auch für den Literaturtipp.

Raskolnik hat gesagt…

Ich finde es ja schon etwas bizarr, wenn ein Autor, der sich selbst als Sozialist versteht, 1936/37 von den Schriftstellern verlangt, sie sollten die Wirklichkeit in ihrer ganzen Komplexität wahrheitsgetreu darstellen, und selbst die Sowjetunion offenbar für das Bollwerk des Fortschritts hält. Das waren schließlich genau die Jahre des Großen Terrors, als Stalin eine ganze Generation von Revolutionären und linken Intellektuellen (darunter nicht wenige begnadete Künstler wie Pilnjak, Babel und Meyerhold) ausradieren ließ. Aber so waren sie halt, diese Intellektuellen, die glaubten, sie würden der Menschheit dienen, indem sie sich den stalinistischen KPs anbiederten. Ich kann verstehen, warum Orwell für diese Kreise nichts als Verachtung übrig hatte, auch wenn man Leuten wie Upward (oder Auden und Spender) wohl zugestehen sollte, dass ihre Motive nicht die schlechtesten waren.
Und da der Name hier bereits mehrfach gefallen ist: Ernst Bloch war leider auch einer dieser Arschkriecher des Kremlherrn.

Alles in allem sehe ich Upwards Aufsatz ähnlich wie Sad: Der Verfasser vertritt mehr oder weniger die 'reine Lehre' des sog. Sozialistischen Realismus, die 1934 auf dem 1. Allunionskongress der Sowjetschriftsteller zur allgemeinen Richtlinie erklärt worden war, nachdem die Stalinisten in den vorangegangenen fünf Jahren die sowjetische Literaturwelt bereits weitgehend gleichgeschaltet hatten. Interessant ist vielleicht, dass eine der einflussreichsten Reden auf diesem Kongress (die von Karl Radek) eine 'Kritik' an James Joyce enthielt, die der von Upward sehr ähnlich war.

Die Vorstellung, in der Gegenwart könnten nur 'marxistische' Bücher gute Bücher sein, hätten wohl alle echten Marxisten, die sich mit Kunst beschäftigten, wie Trotzki, Alexander Woronski, Plechanow oder Rosa Luxemburg (und auch Anatoli Lunatscharski in seinen besseren Tagen) für lächerlich gehalten. Im Falle von Upward läuft diese Forderung darauf hinaus, dass der Künstler oder die Künstlerin sich der Parteilinie unterzuordnen hat. Das wird besonders deutlich, wenn er die Identifikation des Schriftstellers mit der revolutionären Bewegung ganz einfach mit dem Eintritt in die Partei und der Unterordnung unter ihre Disziplin gleichsetzt. Die typische stalinistische Servilität.

Dass soll nicht heißen, dass Upwards Aufsatz nicht trotzdem einige Ideen enthalten würde, die ich für nicht ganz so falsch halte. Im Moment fehlt mir jedoch leider die Muße, meine Gedanken da richtig auszuformulieren.

PS: Was die Märchen angeht,so glaubte William Morris, dass sie in der künftigen klassenlosen Gesellschaft zu hohem Ansehen gelangen würden (vgl. seine "News From Nowhere").

Anubis hat gesagt…

Hmm, »bizarr« würde ich das nicht gerade nennen, schließlich war Upwards Einstellung in den 30ern alles andere als ungewöhnlich. Bizarr finde ich da eher noch die literarischen Ergebnisse, die die Hörigkeit gegenüber dem Stalinismus bisweilen zeitigte. (Pablo Neruda: »Stalin ist der Mittag. Die Reife des Menschen und der Völker.«)

Es stimmt natürlich, dass Upward sich schon in seinen Formulierungen an die Doktrin des Sozialistischen Realismus (»wahrheitsgetreue, historisch konkrete Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung«) anlehnt. Eine direkte Aufforderung an Schriftsteller_innen, der KP beizutreten, findet sich im »Sketch« zwar nicht, aber ich denke, es wird hinreichend deutlich, dass sein »going over to socialism« gleichbedeutend ist mit einer Hinwendung zur Sowjetunion bzw. den offiziellen KPs. Dennoch finde ich es immerhin bemerkenswert, dass sein Essay mehr von der Sorge über Faschismus und Kriegsgefahr geprägt ist als von Lobreden auf den Stalinismus.*

Was Orwell betrifft, glaube ich übrigens, dass er und Upward sich in einer Hinsicht gar nicht so unähnlich sind: Auch Orwell wurde in den 30er und 40er Jahren von der Sorge umgetrieben, dass die großen Schriftsteller der Moderne zu der erstickenden politischen Situation der Zeit nichts mehr zu sagen hätten, bzw. falls doch, dies eher dem Faschismus entgegenkäme. Orwells Antwort auf dieses Problem (konkrete Bekämpfung des Faschismus statt Partei- und Bewegungstaumel) ist es natürlich, die den Unterschied zu Upward ausmacht. Auch setzt er nicht wie dieser Autoren und Werk gleich.

* Wie sich das an anderer Stelle in Upwards Werk verhält, kann ich allerdings nicht sagen.

Raskolnik hat gesagt…

Mir ist schon klar, dass Upwards Einstellung zur herrschenden Kaste der UdSSR von vielen linken Intellektuellen der 30er Jahre geteilt wurde. Nur macht es das nicht besser, und ich finde es nach wie vor bizarr,wenn jemand über den Realismus schwadroniert und zugleich seine Augen vor der brutalen Realität der Moskauer Prozesse verschließt.

Was die 'Sorge über Faschismus und Kriegsgefahr' angeht, so habe ich ja selbst von den vermutlich ehrenwerten Motiven Upwards gesprochen. Aber leider war es nun einmal gerade der Stalinismus, der dem Faschismus in Deutschland und Spanien zum Sieg verhalf. Eine etwas kritischere Einstellung gegenüber dem Kreml wäre 1937 mehr als angebracht gewesen, gerade wenn man den Ausbruch des nächsten Weltkrieges verhindern wollte.

Upward mag keine Loblieder auf Väterchen Stalin singen, aber er glaubt ernsthaft, dass "in Russia [...] writers are better off than anywhere else in the world." Ist eine solche Behauptung 1937 etwa nicht bizarr?

sad hat gesagt…

Jetzt muss ich aber doch noch eine Lanze für Ernst Bloch brechen. Ihn als "Arschkriecher des Kremlherrn" zu bezeichnen, auch wenn es polemisch gemeint ist, schießt, glaube ich, deutlich über das Ziel hinaus.

Es stimmt natürlich, dass Ernst Bloch nie einen wirklichen Bruch mit den traditionellen KPs vollzogen hat, wie z.B. Karl Korsch, und es stimmt auch, dass er neun Jahre in der DDR an der Uni Leipzig tätig gewesen ist, nachdem ihm dort Ende der 40er Jahre ein Lehrstuhl angeboten worden war.

Was man aber bei alledem nicht vergessen sollte ist, dass sich Ernst Bloch keinesfalls der stalinistischen Bürokratie angebiedert hat und auch deren Kulturpolitik scharf kritisierte. Seine Auseinandersetzung mit Georg Lukács in "Das Wort" zur Expressionismusdebatte in den 30er Jahren bezeugen das, denke ich.

Auch was seine Tätigkeit in der DDR angeht, hat er diese aus politischen Gründen nach den Ereignissen von 1956 und 1961 wieder verlassen.

Man sollte ihm glaube ich schon anrechnen, dass er Zeit seines Lebens ein undogmatischer linker Intellektueller war und die kritische marxistische Philosophie auf ganz entscheidende Art und Weise mitgeprägt hat, bis weit in die Kreise der Kritischen Theorie hinein, die einer Anbiederung an den Sowjetmarxismus ja ganz und gar unverdächtig ist.

Anubis hat gesagt…

@Raskolnik:

Diese Aussage hat schon etwas von Irrsinn, ganz klar. Letztlich wirft eine Haltung wie die von Upward eine Frage auf, auf die eine linke Antwort* noch aussteht: Wie kann es sein, dass der Großteil der europäischen Linken sich dem Stalinismus geradezu in den Rachen warf, wo doch die Opfer des Stalinismus nahezu ausschließlich Arbeiter_innen und Kommunist_innen waren?

* Dass die Antikommunist_innen zu blöd sind, diese Frage zu beantworten, haben sie ja zur Genüge bewiesen.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.