Dienstag, 29. Mai 2012

Edmund Wilson über Cabell und Tolkien

Der wohl bekannteste Verächter des Lord of the Rings ist der US-amerikanische Literaturkritiker Edmund Wilson (1895–1972). Man könnte vielleicht sogar behaupten, dass Wilson, der zu seinen Lebzeiten einer der bedeutendsten Kritiker und Feuilletonisten der englischsprachigen Welt war, außerhalb literaturgeschichtlich interessierter Kreise überhaupt nur noch aufgrund seines Tolkien-Verrisses bekannt ist. Wilson ist der Erfinder einer bis heute gepflegten Unsitte (siehe Richard Morgan), nämlich der, den Lord of the Rings zu missbilligen, indem man ihn als Kinderbuch bezeichnet. Sein häufig zitierter Ausdruck lautete bekanntlich »juvenile trash«.

Wilson hatte übrigens mehr oder weniger die gesamte Fantasy gefressen. Lovecrafts Geschichten bezeichnete er als »hackwork« (Geschmiere, Nullachtfuffzehnarbeit); ihrem Autor bescheinigte er einen »lack of sound literary taste«. Auch Arthur Machen und Lord Dunsany kamen schlecht bei ihm weg. Dennoch kann man nicht sagen, dass Wilson es speziell auf die Fantasy abgesehen hatte: Er bekämpfte jegliche Literatur, die nicht seinen Auffassungen von Realismus entsprach, und legte sich im Zweifelsfall auch mit Größen wie Vladimir Nabokov und Anaïs Nin an. In der Auseinandersetzung mit letzterer erwies er sich zudem als maskulinistisches Großmaul, indem er ihr allen Ernstes anbot, er werde ihr beibringen, wie man schreibt.

Nun war ich bislang der (u.a. von Lin Carter – oder war es L. Sprague de Camp? – verbreiteten) Legende aufgesessen, Wilson habe unter den klassischen Autor_innen der modernen Fantasy eine Ausnahme gelten lassen, die nicht kindisch und talentfrei auftrete, sondern echte satirische Qualitäten aufweise: James Branch Cabell. Ein Blogpost von John Rateliff zeigt nun, dass es mit Wilsons Bewunderung für Cabell nicht weit her war. Obwohl Wilson Cabell später ausdrücklich lobte, bezeichnete er 1926 ihn und Dunsany als »provincial fops«, also als provinzielle Fatzkes. Und auch das Lob selbst fiel eher zurückhaltend aus, so dass Cabell in Wilsons Urteil eigentlich nur im direkten Vergleich mit dem verhassten Tolkien gut dasteht – sonst aber nicht.

All denjenigen Autor_innen, die Fantasy schreiben, aber sich gegen die Tolkien-Tradition positionieren, um dem allgemeinen Verdikt zu entgehen, sollten bedenken, dass ein solches Vorgehen nicht unbedingt erfolgversprechend sein muss: Im Zweifel werdet ihr dann doch wieder in einen Topf geworfen.

Kommentare:

jakob hat gesagt…

Das lustige an der Richard-Morgan Polemik ist ja meiner Meinung, dass er da im Prinzip das Realismus-Dogma der klassischen Hochliteratur vertritt - ein gutes Buch ist eines, aus dem man etwas "lernen" kann, weil es die Welt getreulich wiedergibt, alles andere sind Kindereien. Edmund Wilson scheint das ja durchaus ähnlich zu sehen.
Dass Morgan, der ja auch ein durchaus eigenwilliger "Schundautor" ist, nicht auf die Idee kommt, Tolkien nicht durch die Realismus-Brille zu lesen, sondern seine Begriffe von Gut und Böse für gegeben zu akzeptieren und dann festzustellen, was Tolkien vielleicht auf der Grundlage interessantes zu vermitteln hat, ist schon ein schwaches Bild. Nur, weil es im LotR Gut und Böse gibt, heißt es ja nicht, dass die Frage, was das Gute und das Böse auszeichnet, da nicht interessant thematisiert sein können. "Die Befreiung des Auenlands" hat als Mini-Roman jedenfalls einiges über die Faschismus-Anfälligkeit der spießigen, betulichen Hobbitgesellschaft zu sagen. Dass das dann mit einem archaischen Heroismus kontrastiert wird (die als Helden heimgekehrten Hobbits retten den Tag), ist ja eigentlich eher tragisch - Tolkien hat ja anscheinend auch begriffen, dass dieser Heroismus eigentlich ein frommer Traum ist, der dann auch zusammen mit dem magischen Zeitalter verblasst.
Nur mal so aus der Hüfte geschossen, wie man Tolkien gegen Morgan und Wilson verteidigen kann, wenn man eben nur erst einmal akzeptiert, dass LotR eben tatsächlich Fantasy ist, d.h. Vorgaben verwenden, die nicht (auch nicht gemäß eines metaphorischen Ersetzungsspiels) der Wirklichkeit entsprechen.

JL hat gesagt…

Ich glaube, die Reihenfolge ist hier schon wichtig: Zwar verreißt Wilson Cabell zunächst, aber 1956 und gleich noch mal 1958 (Cabells Todesjahr) lobt er ihn ausdrücklich, fast apologetisch, beschäftigt sich ausführlich mit seinen wichtigsten und auch einigen kleineren Texten und versucht vor allem, ihn in seiner Rolle als Südstaatenautor zu verorten. Doch selbst für die Fantasy (die als Begrifflichkeit zumindest in den 20ern noch kaum ein Thema war, Cabell selbst sprach meist einfach von "romances") findet er nachsichtige Worte: "It [Cabells Werk] is a unique artistic achievement, and one which it was possible to arrieve at only by breaking through into a non-realistically conditioned world." Beide Essays finden sich in "The Bit Between My Teeth", in das einem die Vorschau bei Amazon.com dankenswert tiefe Einblicke gewährt.

Insgesamt bin ich geneigt, John Rateliff recht zu geben: Es klingt ein wenig danach, als habe Wilson Cabell angreifen müssen, als er "populär" war, und rehabilitieren, sobald er so gut wie vergessen war (zu einem Zeitpunkt, als seine Einsicht auch nichts mehr daran änderte, auch wenn es fast danach klingt, als hätte er damals noch damit gerechnet). Kritiker brauchen Gegenwind, um sich zu profilieren, und den hat er -- zu recht -- von den Fantasyliebhabern gekriegt.

Ob sich tatsächlich Autoren gegen Tolkien positionieren, um sich bei Kritikern anzubiedern, sei dahingestellt. Wenn ja, soll ihnen kein Erfolg vergönnt sein. Die beste Verteidigung Tolkiens hat er dabei nach wie vor selbst geschrieben: In "On Fairy-Stories" hat er meines Erachtens alles zum Thema gesagt, was es zu sagen gibt.

Und zu guter Letzt (und um jeglicher vagen Kritik prominenten "Schunds" zu begegnen) gilt auch immer noch Sturgeon's Law: "Ninety percent of everything is crap."

Anubis hat gesagt…

@Jakob:

Ich muss zugeben, dass ich die im Zuge der Grimdark-Welle erhobene Realismusforderung immer noch nicht ganz durchschaue, denn die eigentlich interessante Frage ist bei jeglichem Realismus m.E. ja immer, worin genau die getreuliche Wiedergabe der Welt denn bestehen soll. Ich fürchte aber, dass der Grimdark-Realismus mittlerweile vor allem mit gewissen medialen Repräsentationsformen von Krieg zu tun hat: Gewaltdarstellung gilt als realistisch, wenn sie so ist, wie man sie aus der Kriegsberichterstattung des Fernsehens kennt. Im Skalpell-und-Katzenklaue-Blog hieß es mal in Bezug auf Daniel Polanskys Low Town, darin finde sich vor allem »die Sicht des gebildeten Spießers auf den ›Pöbel‹ – begleitet von einer Mischung aus Verachtung, Faszination und Angst«. Ich finde, diese Aussage lässt sich auf viele Grimdark-Veröffentlichungen ausdehnen. Dass die große weite Welt da draußen gewalttätig, verkommen und gemein ist und man ihr nur beikommt, wenn man sich selber noch viel gemeiner verhält, ist ja weder eine besonders neue noch eine irgendwie subversive Aussage (auch nicht in der Fantasy, wie ich finde), sondern eine, die der Angst des Privilegierten entspringt, der sich und sein provinzielles Dasein bedroht sieht.

Insofern hat es in meinen Augen etwas unfreiwillig Komisches, wenn Morgan ausgerechnet zwei so hochgradig stilisierte literarische Figuren wie Schagrat und Gorbag als Beispiel für »Realismus« heranzieht. Das mit »Die Befreiung des Auenlandes« zu kontrastieren, halte ich für eine gute Idee, denn ich finde auch, dass dieser Text, was die Anfälligkeit einer bestimmten Mentalität für Diktatur und Schlägertruppfaschismus angeht, ziemlich wirklichkeitsnah ist. Ich stelle mir gerade die ganz unkritischen Grimdark-Fans als kleine Auenländer vor, die davon träumen, sich als Büttel in Scharrers Horden einzureihen und Krieg zu spielen ...

@JL:

Nachdem ich meinen Post geschrieben habe, ist bei John Rateliff ja noch einmal eine Diskussion entstanden, die weiteres Licht auf Wilsons Position zu Cabell geworfen hat. Da ich gerade leider nicht die Energie habe, meinen Text diesbezüglich zu korrigieren, habe ich um so mehr für deine Richtigstellung zu danken. An dieser Stelle kann ich dann auch gleich noch auf Rateliffs zweiten Post zum Thema hinweisen.

Zu der Frage, ob Tolkien-Antipathie wirklich als Anbiederung bei Kritikerinnen und Lesern zu verstehen ist: Ich würde sagen, bei Morgan ist das unmissverständlich so, da sein Text – so plump, so deutlich – mit den Worten »I only wonder why on earth anyone (adult) would want to read something like [Tolkien]. And I’ve written a fantasy novel for all those adults who wouldn’t. Hope you like it.« endet. Polansky dagegen grenzt sich in seinem »Slums of the Shire« zwar von Tolkien (oder eher von tolkienesker Fantasy) ab, versucht aber wenigstens, die Qualitäten seines eigenen Buches herauszustellen. Gründe genug für mich, Morgan zu boykottieren und Polansky zumindest mal eine Chance zu geben.

JL hat gesagt…

Morgan ist wirklich unerträglich arrogant -- das war mir so nicht bewusst. Und danke für den Hinweis auf Rateliffs Blog, der wirklich sehr lesenswert ist.

Anubis hat gesagt…

Rateliffs fachspezifische Posts sind in der Tat oft lesenswert. Häufig bloggt er halt auch darüber, wie eine seiner Katzen vom Balkon gehüpft ist (wo das doch viel zu tief für sie ist), wie ihm ein seltsam aussehender Gefahrguttransporter auf der Landstraße entgegenkam, oder wie er mal versehentlich einen Topf unbeaufsichtigt auf dem Herd hat stehen lassen. ;-)

Raskolnik hat gesagt…

Hallo Anubis!

Erst einmal vielen Dank für Deine Verlinkung auf meinen Blog. Doch in Bezug auf Edmund Wilson bin ich völlig anderer Meinung als Du. Insbesondere halte ich es für völlig verfehlt, ihn in die Nähe unserer allseits geliebten Grimdark-Autoren zu rücken. Ich habe dazu etwas auf meinem Blog geschrieben.
http://katzenklaue.blogspot.de/2012/05/advocatus-diaboli.html
Nichts für ungut.

Raskolnik

Jakob hat gesagt…

@Raskolknik:
Ich habe die Verbindung Grimdark-Wilson eigentlich eher umgekehrt gesehen: Ich habe einfach mal unterstellt, dass Wilson von guter Literatur erwartet, dass sie die Wirklichkeit realistisch abbilde, und fand es lustig, dass ein SF-Fantasy-Autor wie Morgan wohl eher unbewusst mit der gleichen Forderung antritt - obwohl er selbst in dem Genre schreibt, das man mit eben dem Argument schon oft genug abgekanzelt hat.
Du legst ja ohnehin dar, dass Wilson scheinbar gar kein so strikter Realismus-Forderer war, deshalb erledigt sich der Vergleich vielleicht auch vom anderen Ende. Scheint jedenfalls eine interessante Persönlichkeit gewesen zu sein.
Man sollte Morgan aber nun auch wieder nicht als jemanden abtun, der nur seine "verrottete Sicht" auf die Wirklichkeit hinter dem Realismusbegriff versteckt. "Woken Furies" und "Black Man" sind reißerische, aber durchaus gute und vielschichtige Romane mit Figuren, die sich nicht nur abgeklärt, knallhart und rücksichtslos durch eine schlechte Welt metzeln, die es nicht anders verdient hat (obwohl diese Bücher entsprechende Anteile haben). "Black Man" ist mit seinem Biologismus-Thema noch dazu auch eine spannende Reflektion auf den literarischen Naturalismus (Frank Norris und so), der ja auch oft einen sehr grimmigen Blick auf die menschliche Natur hatte. Morgan dagegen bringt doch auch immer ein paar Widersprüche rein und stellt Weltsicht und Ethik der Hauptfiguren in Frage. Was er macht, macht er auf hohem Niveau. Schäbig an seinem Artikel ist nur, dass er eben anders als Wilson keine eigenständige Kritik an Tolkien formuliert, sondern stattdessen einfach bemängelt, dass Tolkien etwas anderes macht als er selbst und dann behauptet, dieses andere wäre aufgrund der Art seines Wirklichkeitsbezugs prinzipiell minderwertig.

Anubis hat gesagt…

Hallo Raskolnik,

kein Problem. Deinen Post lese ich mir noch mal in Ruhe durch und antworte gegebenenfalls per Kommentar. Hier nur so viel: Mein Vergleichspunkt zwischen Wilson und Morgan liegt ausschließlich darin, dass beide den Lord of the Rings abwerten wollten, indem sie ihn als Kinderbuch bezeichneten. Das halte ich für ein äußerst verachtenswertes Vorgehen. Ich wollte aber keineswegs Wilson in die weltanschauliche oder ideologische Nähe der Grim-and-Gritty-Welle rücken.

Raskolnik hat gesagt…

Hallo allerseits!

@Jakob:
Was die Vermischung Wilson-Grimdark betrifft, habe ich in diese Diskussion wohl tatsächlich etwas hinein interpretiert, was nicht in ihr vorhanden ist.
Auch mag ich mit Mr.Morgan etwas unfair umgesprungen sein. Außer "The Steel Remains" habe ich keines seiner Bücher gelesen. So wie Du "Black Man" beschreibst,würde mich das auf jedenfall mal interessieren.

Was die "Befreiung des Auenlands" angeht, sehe ich das allerdings etwas ambivalenter. Scharrers Regime besitzt sicher einige Anklänge an den Faschismus, man kann das ganze aber ebensogut als giftige Parodie auf den Sozialismus lesen (die "Verteiler" usw.). Auf jedenfall hat es (wie bei Tolkien nicht anders zu erwarten) einen extrem antimodernen Zug, Sandigmanns Mühle und so. Ich vergleiche den Aufstand der Hobbits gegen die "ruffians"/"Strolche" deshalb recht gerne mit Andreas Hofers Tiroler Bauernaufstand. Eine Mischung aus berechtigter Rebellion und antimoderner Revolte.

@Anubis: Noch einmal Entschuldigung für meine Fehlinterpretation. Ich habe drüben bei mir auch etwas ausführlicher auf Deinen Kommentar geantwortet.

Anubis hat gesagt…

Diese Ambivalenz gibt es in »Die Befreiung des Auenlandes« auf jeden Fall. Tom Shippey hat ja sogar die These aufgestellt, die architektonische Umgestaltung des Auenlandes, die der Text natürlich als Verunstaltung darstellt, sei von den Wohnungsbaumaßnahmen der Labour-Nachkriegsregierung von Clement Attlee (1945–51) inspiriert. Allerdings finde ich, dass der Text als Satire auf Sozialismus bzw. Sozialdemokratie wenig hergibt (außer vielleicht der Erkenntnis, dass Tolkiens politische Ressentiments da stark eingeflossen sind).

Raskolnik hat gesagt…

Gut, 'Satire' war sicher nicht ganz das richtige Wort. Die möglichen Parallelen zur Attlee-Regierung hat Tolkien selbst natürlich vehement bestritten. Und tatsächlich bringen einem solche 1-zu-1-Vergleiche beim "Herr der Ringe" wohl nichts.
Dennoch kann man meiner Meinung nach in der Schilderung der 'ruffians' ebensogut Tolkiens Vorstellung vom Kommunismus wie Züge des Faschismus entdecken. Letztlich hat der 'Professor' Scharrers Regime einfach mit den Zügen all dessen ausgestattet, was er verabscheute: Industrie, staatliche Regulierungen, Puritanismus (die Wirtshäuser werden geschlossen!), der 'Straßenpöbel' an der Macht. Und mit Lotho haben wir dann auch noch den raffgierigen Kapitalisten.

Jakob hat gesagt…

Gut, die Behauptung, dass es im Befreiung-des-Auenlands-Kapitel in einem politischen Sinne um eine Kritik des Faschismus geht (anstatt um eine recht beliebige Kritik an allem, was Tolkien eben politisch "unsympathisch" war), ginge sicher zu weit.
Was ich aber nach wie vor interessant finde an diesem "mittleren Ende" des LotR ist, dass die Überreste des großen, mythischen Bösen, sobald sie auf die im Prinzip moderne (wenn auch idealisierte, Gentry-Moderne) Hobbitgesellschaft treffen, mit ihr eine Symbiose eingehen und das kleine, menschliche und eben auch politische Böse erzeugen. Ich denke, da steckt durchaus eine Selbstreflektion Tolkiens darüber drin, dass die Gewalten, die im Mythos beschworen werden, eine ganz andere Gestalt annehmen, wenn man sie auf unsere Wirklichkeit (verkörpert durch das Auenland) überträgt.
Das ist wie gesagt ein bisschen aus der Hüfte geschossen. Ich habe einfach den Eindruck, dass Tolkien sehr wohl darauf reflektiert hat, inwiedern seine Werke Märchen bzw. Pseudomythologie sind und dass sich das auch in den Büchern wiederfindet und sie komplex und interessant macht. Ist mir gerade auch bei der Lektüre der "Kinder Hurins" aufgefallen, einer Tragödie, bei der die "Guten" zu Grausamkeiten und Dummheiten fähig sind, die einem im Herrn der Ringe nie unterkommen würden - da orientiert sich Tokien klar an der gewalttätigen Überlebensgröße von Sagenhelden, die aus einem modernen Blickwinkel nur wenig sympathische Züge haben. In dem Buch haben das "Gute" und das "Böse" durchaus andere Qualitäten als im LotR, und das lässt vermuten, dass hinter dem Mittelerde-Kosmos nicht nur eine dumpfe, manichäische Botschaft steckt, sondern dass da durchaus eine ernsthafte Auseinandersetzung mit solchen moralischen Kategorien stattfindet.

Anubis hat gesagt…

@Raskolnik:

»Die möglichen Parallelen zur Attlee-Regierung hat Tolkien selbst natürlich vehement bestritten.«

Was auch sein Recht war, denke ich, da er ja keinen allegorischen Schlüsselroman schreiben wollte. Eine direkte Kritik an der britischen Nachkriegssozialdemokratie soll »Die Befreiung des Auenlandes« sicherlich nicht sein, und in diese Richtung Vergleiche anzustellen bringt es in der Tat nicht. Eine andere Sache ist es aber, wenn man nach Tolkiens möglichen Einflüssen fragt. Da ist es legitim, den Text mit dem historischen Kontext zu vergleichen.

Ansonsten glaube ich durchaus, dass du recht hast, aber mit der Einschränkung, dass der Text durchaus mehr aussagen kann als nur die Ressentiments seines Autors. Da stimme ich wiederum Jakob zu.

Es kann übrigens gut sein, dass ich in dieser Sache ein wenig voreingenommen bin, weil ich eins der Ressentiments, die du aufgezählt hast, wohl auch vertrete: das gegen den Puritanismus.

@Jakob:

Die Auseinandersetzung mit dem mythischen Heldenkonzept findet insbesondere in einem von Tolkiens obskureren, wenn auch bereits zu Lebzeiten erschienem Werken statt (ich hab’s nicht gelesen): »The Homecoming of Beorhtnoth Beorhthelm’s Son«.

Ich halte es aber für plausibel (wiederum eine These Shippeys), dass die Hobbits so etwas wie einen Antwortversuch Tolkiens auf den zweifelhaft gewordenen mythischen Heroismus darstellen. Das Heldentum der Hobbits zeigt sich ja nicht darin, dass sie Scharrer in einem eigensinnig-heroischen Akt im Zweikampf konfrontieren, sondern (auf wiederum durchaus »moderne« Art und Weise) einen Aufstand organisieren. Gesagt wird damit, dass »Heldentum« letztlich nicht in Akten individueller Kampf- und Opferbereitschaft besteht, sondern im Appell an kollektiven Mut.

Solche Episoden gibt es in Tolkiens Werk mehrfach, etwa wenn Bard im Hobbit die Verteidigung gegen den Drachen organisiert, oder wenn Merry und Pippin die Ents zu ihrem Zug gegen Saruman aufstacheln. Allerdings ist es genau dieses Element, welches mir in »Die Befreiung des Auenlandes« am zweifelhaftesten dargestellt erscheint: Was bei den Ents noch plausibel begründet wird (mit ihrer »langsamen« Ontologie), geht im Auenland dann allzu glatt und unvermittelt, wenn das Shire-folk, das bis dahin kaum etwas gegen Scharrer unternehmen wollte, plötzlich nur ein wenig Aufstacheln und tatkräftige Anführer braucht, um das Regime abzuschütteln.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.