Sonntag, 23. Dezember 2012

Warten auf Guille

I hate structure. I’m completely anti-structural in terms of believing in institutions. I hate them. I hate any institutionalised social, religious, or economic holding.

Als Riesenfan von Guillermo del Toros Filmen wie El espinazo del diablo (The Devil’s Backbone), Hellboy und El laberinto del fauno (Pans Labyrinth) hätte ich mich für eine Hobbit-Adaption des Mexikaners sehr begeistern können. Da del Toro aber bei The Hobbit: An Unexpected Journey nun schon seit geraumer Zeit nicht mehr an Bord ist, allenfalls noch am Drehbuch beteiligt, und das Projekt auch sonst eher abenteuerliche Wege geht, ist es an der Zeit, den Blick darauf zu lenken, was del Toro sonst noch so treibt. Der Kinostart von del Toros letztem eigenen Film, Hellboy II, liegt schon vier Jahre zurück. Der nächste, Pacific Rim, wird im Sommer 2013 anlaufen.

Über die Wartezeit hinweg geholfen hat mir vor allem Don’t Be Afraid of the Dark aus dem Jahre 2011.* Bei diesem Film hat zwar nicht del Toro selbst, sondern der Comic-Illustrator Troy Nixey Regie geführt, aber der Meister verfasste das Drehbuch und produzierte. Auch sonst trägt Don’t Be Afraid del Toros Handschrift, sei es in seiner Atmosphäre, die gelegentlich an El laberinto del fauno erinnert, sei es in der Aufnahme von Ideen, die man bereits aus anderen Werken del Toros kennt. So ernsthaft und bewegend wie El laberinto ist Don’t Be Afraid zwar nicht, aber eine schöne Hommage an die Schauerliteratur des frühen 20. Jahrhunderts (Blackwood, Machen und Lovecraft), die wieder einmal del Toros intelligente und detailverliebte Nerdigkeit aufblitzen lässt, ist der Film auf jeden Fall.

Und ich habe mir den Spaß gemacht, als Weihnachtsgeschenk für alle del Toro bewundernden Hermanstadt-Leser_innen einmal eine möglichst umfassende Aufstellung der angekündigten, halbfertigen und links liegengelassenen Projekte des Meisters anzufertigen.

I.

Zunächst das Ding, das einigermaßen in trockenen Tüchern ist:
  • Pacific Rim ist als Hommage an japanische Monsterfilme zu verstehen. Dementsprechend geht es um städteverwüstende Riesenviecher, die mit Menschen in gigantischen mechanischen Kampfanzügen im Clinch liegen. Del Toro zufolge soll der Film vor allem eins sein: groß. Zu erwarten ist möglicherweise ein actionlastiger Streifen im Stil von Peter Jacksons King Kong, also eine geliebte filmische Kindheitserinnerung, die der Regisseur mit Hilfe aktueller CGI-Technik neu erstehen lässt. Da Jacksons Film allerdings nicht viel mehr als Reminiszenz ist, während man von del Toro ungleich vielschichtigere Filme gewohnt ist, fragt sich natürlich, ob noch mehr in Pacific Rim stecken wird, oder ob der Regisseur sich einfach nur austoben will (etwa so, wie er es mit Blade II getan hat). Zu letzterer Vermutung würde passen, dass del Toros Augenmerk stark auf dem Design des Films liegt, das von dem Goya-Gemälde El coloso** inspiriert sein soll. Del Toro betont, dass das inflationäre Motion-Capture-Verfahren nicht zur Anwendung kommen wird. Die Monster sollen sich offenbar gerade nicht wie Menschen bewegen.
    Das Drehbuch stammt von Travis Beacham (Clash of the Titans), für die Effekte wurde das Team von Industrial Light & Magic an Bord geholt, das auch für Pirates of the Caribbean verantwortlich zeichnet. Der Soundtrack wird von Ramin Djawadi (Game of Thrones) beigesteuert. Ursprünglich war Tom Cruise für eine Rolle in Pacific Rim vorgesehen, wurde aber durch Idris Elba ersetzt. Da die ursprünglich für Cruise vorgesehene Figur im Film eine klassische Anfeuerungsrede hält, ist das wohl als Glücksfall zu betrachten. Es gibt Rollen, in denen man den Möchtegern-Goebbels der Scientology-Kirche einfach nicht sehen will.
    Del Toro wollte den Film ursprünglich nur produzieren, nicht Regie führen. Diese Information lässt Raum für die Vermutung, dass del Toro sich vor allem deshalb entschieden hat, auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen, weil es seine beiden Großprojekte der letzten Jahre, The Hobbit und At the Mountains of Madness, sich als Sackgassen erwiesen haben. Dazu passt del Toros Äußerung, Pacific Rim sei ihm wie ein »großes, dickes, obszönes Weihnachtsgeschenk« in den Schoß gefallen, zu einem Zeitpunkt, als er es dringend brauchte.
    Gab es anfänglich Gerüchte, del Toros Projekt sei ein Reboot der japanischen Godzilla-Reihe,*** ist mittlerweile klar, dass Pacific Rim weder ein Remake noch ein Reboot irgendwelcher bisheriger Riesenmonsterfilme ist, sondern ein eigenständiges Werk. Das ist zu begrüßen, hat doch Roland Emmerich mit seinem 1998er Godzilla eindrücklich demonstriert, dass solche Remakes nicht unbedingt eine gute Idee sind. Dennoch wäre ich nicht böse, wenn del Toro sich vielleicht ein klein wenig vom ersten Godzilla aus dem Jahre 1954† beeinflussen ließe, der eine beeindruckend-düstere Atmosphäre aufweist und mit den Gummianzug-Schlachten späterer Riesenmonsterfilme wenig gemein hat.

II.

Nun zu den Projekten, die wohl das stärkste Medienecho hervorgerufen haben: Universal Pictures versucht seit einigen Jahren, auf alle möglichen und unmöglichen Arten und Weisen seine klassischen Horrorfilme aus den dreißiger Jahren neu aufzulegen.†† Del Toro sollte bei vier Universal-Filmen Regie führen, die teils mit diesem Vorhaben zusammenhängen: Ein neuer Frankenstein-Film, Neuverfilmungen von Dr. Jekyll and Mr. Hyde und Slaughterhouse-Five sowie eine Verfilmung von Dan Simmons’ Roman Drood. Mittlerweile sieht es eher so aus, als wolle del Toro nur bei dem Frankenstein-Film Regie führen und sich an den anderen Projekten, so sie denn zustande kommen, eher als Produzent beteiligen.
  • Von Universal leider gestoppt wurde eine Verfilmung von At the Mountains of Madness. Del Toro schrieb gemeinsam mit Matthew Robbins (der bereits bei Mimic und Don’t Be Afraid of the Dark sein Co-Autor war) ein Drehbuch zu Lovecrafts Novelle, das er zunächst Warner Bros. anbot, die das Projekt mangels einer Liebesgeschichte und eines Happy Ends aber nicht finanzieren wollten. Del Toro wandte sich daraufhin an Universal Pictures, die das Projekt zu seinem ersten großen Film seit Hellboy II hätten machen können, wären sie nur bereit gewesen, ihm grünes Licht zu geben. Da del Toro am 30. April schrieb, At the Mountains of Madness sei für längere Zeit auf Eis gelegt, um Ridley Scotts Prometheus keine Konkurrenz zu machen, ist es möglich, dass das Drehbuch nach dem Veto von Universal Pictures auch noch 20th Century Fox angeboten wurde und dort ebenfalls scheiterte. Wäre der Film zustande gekommen, hätte James Cameron als Produzent fungiert und Tom Cruise möglicherweise die Hauptrolle übernommen. S.T. Joshi, der führende Lovecraft-Experte, war als Berater angefragt. Da del Toro das Projekt auch ein persönliches Anliegen ist, bleibt zu hoffen, dass er irgendwann einflussreich (oder auch einfach nur reich) genug sein wird, um den Film doch noch zu realisieren. Momentan sieht es aber eher düster aus.
  • Ebenfalls ein persönliches Anliegen scheint dem Regisseur der geplante Frankenstein-Film zu sein. Del Toro ist ein großer Fan von Boris Karloff und bezeichnet Bride of Frankenstein (1935) als seinen Lieblingsfilm. Als Hauptdarsteller ist Doug Jones eingeplant. Der Film lehnt sich möglicherweise an Frank Darabonts Drehbuch an, auf dem bereits Kenneth Branaghs 1994er Verfilmung beruht – jedenfalls hat del Toro Darabonts Werk seine Bewunderung ausgesprochen. Eine neue Frankenstein-Version, die direkt mit Branaghs vielkritisiertem Film vergleichbar wäre, hätte natürlich ihren Reiz. Andererseits hat del Toro verschiedene Andeutungen gemacht, die auf eine eigenständigere Interpretation hoffen lassen. So sagte er, Mary Shelleys Roman weise Aspekte auf, die in keiner der bisherigen Verfilmungen zum Tragen gekommen seien. Möglicherweise meint er damit das Motiv des von seinem Schöpfer verlassenen Geschöpfes:
    To me, Frankenstein represents the essential human question: ‘Why did my creator throw me here, unprotected, unguided, unaided and lost?’
    Außerdem sagte del Toro, dass er für seinen Film gern Elemente aus Frankenstein und Bride of Frankenstein kombinieren würde, und nennt die Illustrationen von Bernie Wrightson als Inspirationsquelle. In der Tat wünscht er sich, Wrightson als Creature Designer gewinnen zu können. Leider besteht die Gefahr, dass auch dieses Projekt aufs Abstellgleis gerät, da Neil Burger gerade für Universal Pictures und Image Entertainment an einem Remake von Bride of Frankenstein arbeitet. Auch hier könnte also del Toros Film aufgrund von Konkurrenzgefahr ins Hintertreffen geraten. Der Regisseur hat bereits verschiedentlich angekündigt, dass sein Frankenstein-Film in jedem Fall noch einige Jahre auf sich warten lassen wird.
  • Auch die Verfilmung von Dan Simmons’ Drood stand kurzzeitig als das nächste große Regieprojekt del Toros zur Debatte. Der Roman handelt von Charles Dickens’ Arbeit an seinem letzten, nicht fertig gestellten Werk The Mystery of Edwin Drood und wird aus der Perspektive von Dickens’ Kollege Wilkie Collins erzählt, der als unzuverlässiger Erzähler auftritt. Mittlerweile scheint jedoch festzustehen, dass del Toro bei einer Verfilmung produzieren, aber nicht Regie führen würde. Ähnliches gilt für die geplante Neuverfilmung von Kurt Vonneguts SF-Roman Slaughterhouse-Five. Del Toro hat angekündigt, sich bei der Arbeit an letzterem Film eher an der literarischen Vorlage als an der 1970er Verfilmung orientieren zu wollen.
  • Ausführlicher äußerte del Toro sich zur geplanten Neuverfilmung von Robert Louis Stevensons Dr. Jekyll and Mr. Hyde. Der Film, so er unter del Toros Ägide realisiert wird, werde keine modernisierte Fassung sein, sondern im viktorianischen Zeitalter spielen. Besonders interessiert scheint der Regisseur am Motiv der Sucht zu sein, das er gegenüber dem üblicherweise mit dem Stoff assoziierten Motiv des unterdrückten Begehrens gern stärker akzentuieren würde.
  • Zeitweilig war del Toro mit einem weiteren Projekt für Universal beschäftigt: einem neuen Film über den Vampirjäger Van Helsing aus Bram Stokers Dracula. Über den gab es bereits 2004 einen grauenhaft schlechten Film von Stephen Sommers. Del Toros Version, so wurde betont, sollte zwar ebenfalls ein actionlastiger Horrorfilm werden, aber weder ein Sequel noch ein Remake sein. Sicherlich lehnt man sich mit der Annahme, dass die einzige Erfolgsaussicht für einen solchen Film darin besteht, sich möglichst glaubwürdig von Sommers’ Machwerk zu distanzieren, nicht allzuweit aus dem Fenster. Zwar wollte die Gerüchteküche auch in diesem Film das nächste große Regieprojekt del Toros sehen, aber der Meister scheint sich mittlerweile aus der Sache zurückgezogen zu haben. Weg vom Fenster ist das Projekt allerdings noch nicht, denn Tom Cruise hält sich die Option offen, das Ding zu produzieren und möglicherweise die Hauptrolle zu übernehmen. Wie dem auch sei – wenn der Film irgendwann mal fertig ist, wird man wahrscheinlich erleichtert sein, dass del Toro nicht mehr daran beteiligt war.
  • Kein Studioprojekt, sondern eine persönliche Initiative ist Crimson Peak, ein Drehbuch, das del Toro und Robbins Universal vor etwa vier Jahren vorlegten. Unklar, ob bei Universal überhaupt jemand über die Realisierung dieses Films, von den beiden Autoren als »gothic romance« bezeichnet, nachgedacht hat.  
Durchgängig erkennbar ist, dass del Toro an diesen Filmen weniger stark beteiligt sein wird, als einstmals angekündigt. Vermutlich wollte er sich anfänglich den Universal-Projekten auf intensive Weise widmen, wurde dann durch die Arbeit an den Hobbit-Filmen abgelenkt und orientiert sich nun neu, nachdem die Hobbit-Regie geplatzt ist und Universal mit den beiden Projekten, die del Toro am stärksten am Herzen zu liegen scheinen (At the Mountains of Madness und Frankenstein), einen eher abschätzigen Umgang an den Tag gelegt hat. Das erste Ergebnis dieser Neuorientierung dürfte Pacific Rim sein.

III.

Daneben hat del Toro sich mittlerweile als Produzent bzw. Executive Producer etabliert, der gemeinsam mit eher unbekannten Regisseur_innen Filme realisiert, die im weitesten Sinne dem Horror- und Fantasybereich angehören und manchmal auf Drehbüchern beruhen, die der Meister selbst verfasst hat. Der bereits erwähnte Don’t Be Afraid of the Dark von Troy Nixey fällt in diese Kategorie, aber auch der spanische Horrorfilm El orfanato (Das Waisenhaus, 2007) von J.A. Bayona, Vincenzo Natalis Splice (2009) und der spanische Psychothriller Los ojos de Julia (Julia’s Eyes, 2010) von Guillem Morales. Außerdem baut del Toro, der offenbar nie auf genug Hochzeiten gleichzeitig tanzen kann, sich ein Standbein als Executive Producer bei DreamWorks Animation auf. Damit nicht genug, sind auch Filme für den DreamWorks-Konkurrenten Disney im Gespräch. Folgende Projekte sind in diesem Zusammenhang zu nennen:
  • Ursprünglich ebenfalls für Ende 2012 angekündigt, mittlerweile aber auf Januar nächsten Jahres verschoben ist der Horrorfilm Mama von Andy Muschietti, der auf dem ebenfalls von Muschietti realisierten spanischen Kurzfilm Mamá aufbaut. Del Toro ist Executive Producer, u.a. wird Nikolaj Coster-Waldau (Game of Thrones) mitspielen.
  • Gegenwärtig auf den Filmfestivals zu sehen ist Jovanka Vuckovics Kurzfilm The Captured Bird, an dessen Entstehung del Toro als Executive Producer beteiligt war.
  • Midnight Delivery beruht auf einer Idee von del Toro: Ein Vater wird zum Drogenkurier, um seinem kranken Sohn zu helfen. Das Drehbuch schreibt (wie auch bei Mama) Neil Cross, Regie führen soll Brian Kirk, der für einige Episoden von Game of Thrones und Boardwalk Empire verantwortlich zeichnet.
  • Eine weitere Idee del Toros ist Trollhunters, der von DreamWorks Animation realisiert werden soll. Del Toro reichte die Geschichte 2010 sogar als Jugendbuch beim US-Verlag Hyperion Books ein.††† In eigenen Worten:
    It essentially combines fairy tales with modern times and is about how difficult it is to be kid. Normally, kids are idealized in animated films. But the growing pains, married with the notion that there is a world right next to us that is completely plagued by creatures of ancient lore, it’s thematically fitting with the rest of my stuff.
    Del Toro ist als Executive Producer und möglicherweise auch als Co-Regisseur (gemeinsam mit Rodrigo Blaas) im Gespräch. Es wäre sein Regiedebüt für DreamWorks. Das Drehbuch schreibt er jedenfalls, und zwar in Zusammenarbeit mit Tom Wheeler, der zuvor bei Puss in Boots Autor war.
  • Der spanische Kurzfilm Alma (2009) von Rodrigo Blaas dient DreamWorks als Grundlage für einen abendfüllenden Film. Auch hier ist del Toro Executive Producer, Cornelia Funke soll die Story entwickelt haben und Megan Holley das Drehbuch schreiben. Blaas soll auch bei der Langversion Regie führen.
  • Produzieren will del Toro auch ein Hollywood-Remake von Das Waisenhaus. Als Regisseur war ursprünglich Larry Fessenden vorgesehen, der sich aber mit den Casting-Entscheidungen nicht anfreunden konnte. Nun soll Mark Pellington (The Mothman Prophecies) die Regie übernehmen. Del Toro zufolge ist das Remake eine Gelegenheit, Sergio G. Sánchez’ Drehbuch, das für den spanischen Film stark abgeändert werden musste, der ursprünglichen Intention entsprechend zu verfilmen. Allerdings muss ich sagen: Fessenden, der zuletzt die spritzige Horrorkomödie I Sell the Dead produzierte, wäre mir als Regisseur weitaus lieber als Pellington mit seiner Eso-Klamotte.
  • Der Regisseur des Original-Waisenhaus, J.A. Bayona, soll auch bei einer Verfilmung von David Moodys Hater die Regie übernehmen. Moodys Roman wurde in deutscher Übersetzung bei Goldmann veröffentlicht, unter dem Titel Im Wahn. Als Produzenten sind del Toro und Mark Johnson (The Chronicles of Narnia) gelistet, als Autor ist Glen Mazzara (The Walking Dead) vorgesehen.
  • Kein Remake des gleichnamigen Zombiefilms ist das bis vor kurzem unter dem Titel Day of the Dead bekannte Projekt, das del Toro für das mexikanische Studio Reel FX produzieren soll. Der Titel nimmt vielmehr Bezug auf den berühmten mexikanischen Feiertag, den Día de Muertos oder Totentag. Vor diesem Hintergrund will del Toro eine Romeo-und-Julia-Geschichte ansiedeln. Um dem Projekt einen etwas eigenständigeren, mit mehr Wiedererkennungswert ausgestatteten Titel zu geben, wurde es kürzlich in Book of Life umbenannt. Der CG-Animationsfilm soll 2014 herauskommen. Die Regie übernimmt Jorge R. Gutierrez, der Schöpfer der Nickelodeon-Serie El Tigre.
  • Abgesagt zu sein scheint der Horrorfilm Born, den del Toro gemeinsam mit Clive Barker produzieren wollte. Barkers zugrundeliegende Story handelt von einem Knetfigurenkünstler, der gemeinsam mit seiner Frau im ländlichen England lebt, wo seine Knetfiguren zu unheimlichem Leben erwachen. Regie führen sollte Dan Simpson (der Name sagt mir leider nichts), für die Hauptrollen waren Jennifer Connelly und Paul Bettany im Gespräch. Schade, das hätte interessant werden können.
  • Gecancelt ist auch die Verfilmung von Neil Gaimans Death: The High Cost of Living, bei der Gaiman selbst Regie führen und del Toro als Executive Producer fungieren wollte. Sollte als Film Death and Me heißen. Ursprünglich stand New Line Cinema dahinter, doch zwischenzeitlich ruhte die Arbeit daran. Dann wieder zeigten sich andere Studios interessiert – oder auch nicht. Das übliche Drama eben. 2010 gab Gaiman das Projekt auf. 

IV.

Falls mit Pacific Rim für Warner Bros. alles gut geht, ist es wohl nicht verkehrt, zu hoffen, dass del Toro noch weitere Filme für diese Firma ins Leben rufen wird. Möglich ist natürlich auch, dass es mit Warner Bros. eine ebenso komplizierte Affäre wird wie mit Universal Pictures. Folgende Projekte sind am Horizont aufgetaucht:
  • Eine Interpretation des französischen Volksmärchens »Die Schöne und das Biest«, die von Robin McKinleys Roman Beauty inspiriert ist (ursprünglich sollte es wohl eine Verfilmung des Romans werden). Mit Emma Watson als Hauptdarstellerin und Andrew Davies als Drehbuchautor. Del Toro will den Film gemeinsam mit Denise Di Novi (vormals Tim Burton Productions) produzieren und auch Regie führen. Spekulativer Gedanke meinerseits in diesem Zusammenhang: Ron Perlman, neben Doug Jones und Federico Luppi ein gern gesehener Gast im Hause del Toro, hat schon mal in einer Fernsehserie das Biest gespielt. Amoukar von den Ulam und Hermione, das wäre doch mal ein vielversprechendes Shipping ...
  • Ein geplanter Stop-Motion-Animationsfilm zu Roald Dahls The Witches geht auf die gemeinsame Idee von del Toro und Alfonso Cuarón zurück. Ursprünglich wurde dabei über die Verfilmung einer von Dahls Onkel-Oswald-Geschichten geredet, aber del Toro, der anscheinend zu jeder Gelegenheit ein Drehbuch aus dem Ärmel zaubern kann, verfasste in Rekordzeit eins zu The Witches. Nicht so ganz einig scheinen die beiden sich zu sein, wer produzieren und wer Regie führen darf, aber der letzte Stand ist wohl, dass del Toro Regie führt und Cuarón entweder als Produzent oder als Executive Producer im Boot sitzt. The Witches ist del Toros Lieblingsbuch von Dahl. Eine Verfilmung durch die beiden mexikanischen Genies wäre sicherlich sehr interessant, müsste sich aber neben Nicolas Roegs hochgelobter Realfilm-Adaption aus dem Jahre 1990 behaupten. Gegenwärtig scheint es bei Warner mit diesem Film  auch nicht gerade in großen Schritten voranzugehen. Schade, denn del Toro bezeichnete das Drehbuch als das beste, das er je geschrieben habe. Es orientiert sich stark an der Buchvorlage und wurde von Liccy Dahl, der Witwe des Autors, sehr gelobt.
  • Crimson Peak, das Script, das del Toro und Matthew Robbins zunächst bei Universal einreichten (siehe II.), ist bei Warner offenbar auf größeres Interesse gestoßen. Hieß es zunächst, dass daraus ein von del Toro produzierter Film werden könnte, sind in jüngster Zeit Meldungen aufgetaucht, laut denen Crimson Peak als das auf Pacific Rim folgende Regieprojekt in Frage kommt. Das Script soll noch einmal von Lucinda Coxon überarbeitet werden (immer diese Drehbücher, an denen ein halbes Dutzend Leute rumwerkelt ...), die Dreharbeiten sind für Anfang 2014 angesetzt. Crimson Peak soll ein Film des Spukhaus-Genres werden, als Vorbilder nennt del Toro Klassiker wie Robert Wise’ The Haunting und Stanley Kubricks Shining. Außerdem stellt er sich vor, dass Crimson Peak in der Tradition aufwändiger Horrorproduktionen wie The Omen und The Exorcist stehen und sich damit vom üblichen B-Horror deutlich abgrenzen wird. Man merkt, dass del Toro sich von Pacific Rim verspricht, in Zukunft mit höheren Budgets arbeiten zu können ...
  • Eine weitere Idee nimmt den Faden der okkulten Superhelden, die del Toro im Zusammenhang mit den Hellboy-Filmen so beschäftigten (siehe V.), wieder auf: Heaven Sent soll mit einem Superheldenteam aufwarten, dass diejenigen Figuren des DC-Universums vereint, die einen magischen oder gespenstischen Hintergrund haben. Man kann sich vorstellen, wie viel nerdigen Spaß del Toro mit dieser Sache hätte. Wie wahrscheinlich es ist, dass jemals ein Film zustande kommt, für den Warner sich im Vorfeld die Rechte für ein halbes Dutzend oder mehr Figuren sichern müsste, steht auf einem anderen Blatt.
  • Daneben hat del Toro angekündigt, dass er sich ein Sequel zu Pacific Rim vorstellen könne.

V.

Im Hintergrund spuken außerdem einige Projekte herum, an denen del Toro vor Jahren Interesse äußerte und die seitdem in der development hell vor sich hin vegetieren (oder nie über die Brainstorming-Phase hinauskamen). Dass einer dieser Filme irgendwann einmal das Licht der Welt erblicken wird, ist meiner Einschätzung nach noch unwahrscheinlicher, als dies bei den Universal-Projekten der Fall ist:
  • 2005 war del Toro mit Peter Jackson wegen einer Verfilmung des Videospiels Halo im Gespräch. Neben del Toros fiel auch der Name Neill Blomkamps (District 9) als möglicher Regisseur. Alex Garland wurde als Drehbuchautor eingespannt. Das Projekt, das ursprünglich 2007 ins Kino kommen sollte, liegt gegenwärtig auf Eis. Seit 2009 ist Jackson nicht mehr als Produzent an Bord.
  • Ende 2006 trat del Toro mit der Idee an die Öffentlichkeit, bei einem neuen Tarzan-Film Regie zu führen. Er wollte ein Drehbuch von John Collee (Master and Commander) verfilmen und damit eine vergleichsweise düstere Tarzan-Interpretation erschaffen, in Übereinstimmung mit seinem immer wieder aufgegriffenen Motiv des Kindes, das sich einer grausamen Welt ausgesetzt sieht. Diesen Film hätte ich ja zu gern gesehen. Del Toros Beteiligung an dem Projekt dürfte aber spätestens dann gestorben sein, als er sich der Arbeit an Hellboy II zuwandte. Nach del Toros Abgang sollte Stephen Sommers die Regie übernehmen, der aber eine ganz andere Vorstellung zur Umsetzung des Films hatte – und sich mittlerweile ebenfalls davon abgewandt hat.
  • 2007 war kurz die Rede davon, dass del Toro für United Artists eine Kinofassung der britischen SF-Fernsehserie The Champions schreiben, produzieren und als Regisseur umsetzen werde. Christopher McQuarrie (Valkyrie) war als Co-Produzent und Co-Autor im Gespräch. Die Serie handelt von drei Geheimagent_innen, die nach einem Flugzeugabsturz im Himalaja mit übernatürlichen Kräften ausgestattet sind. Seit 2008 ist von dem Projekt leider nichts mehr zu hören.
  • Das Thema der Heldenfigur mit okkulten Kräften ließ del Toro dennoch nicht los. 2008 berichtete er von einem gemeinsam mit Neil Gaiman entwickelten Idee, einen Film mit dem Magier-Superhelden Dr. Strange zu verwirklichen. Dr. Strange ist eine eher unbekannte Figur aus dem Marvel-Universum, die del Toro interessierte, weil sie sich »in the pulpy occult detective/magician mould and formula« bewegt. Seitdem hat man von einem Marvel-Film unter del Toros und Gaimans Beteiligung allerdings nie wieder etwas gehört.
  • Im Jahr darauf kündigte del Toro geheimnisvoll einen Film an, dessen Schlüssel der Buchstabe D sei und der vielleicht schon vor dem ersten Hobbit-Film fertig werde. Möglicherweise bezog sich das auf den Dr.-Strange-Film, wahrscheinlicher ist aber, dass del Toro einen anderen Film meinte, an dem er seit 2006 arbeitete: Protagonist sollte der DC-Superheld Deadman sein, ein ermordeter Zirkusakrobat, dessen Geist von einer indischen Gottheit die Macht verliehen wurde, in lebende Wesen hineinzufahren. Es war geplant, den Film mit Nikolaj Arcel als Regisseur zu verfilmen, nachdem zunächst die Rede davon war, dass del Toro selbst Regie führen könnte. Ob der Film gecancelt ist, kann ich nicht sagen. Allerdings gibt es seit drei Jahren keine Neuigkeiten dazu.
  • Als weitere Comic-Verfilmung unter del Toros Beteiligung war 2007 eine Adaption von Tom Mannings Graphic Novel Runoff im Gespräch. Die Informationen dazu sind ähnlich spärlich wie im Falle des Dr.-Strange-Films.
  • Wiederum 2008 hieß es eine Zeit lang, dass del Toro an einem Sequel oder Remake des 1981er Films Heavy Metal beteiligt sein sollte. Del Toro hatte Interesse bekundet, bei einer Episode des Films Regie zu führen. Als Regisseure für weitere Episoden waren James Cameron, David Fincher, Mark Osborne, Zack Snyder und Gore Verbinski im Gespräch. Cameron und Fincher waren außerdem als Executive Producer vorgesehen. Allerdings ist das Projekt, nachdem es zwischenzeitlich von Paramount zu Columbia wanderte, seit 2010 in der development hell versackt. 2011 sicherte Robert Rodriguez sich die Rechte an dem Projekt, was wohl bedeutet, dass der Film nicht mehr in der ursprünglich vorgesehenen Form realisiert wird.

VI.

Doch will ich diesen monströsen Post nicht auf einer melancholischen Note enden lassen. Abgesehen von den angekündigten Warner-Bros.-Produktionen (deren Realisierung natürlich in erster Linie vom kommerziellen Erfolg von Pacific Rim abhängen wird) stehen im Hause del Toro noch einige weitere Vorhaben an, von denen ein oder zwei sogar den Eindruck machen, als könnten sie es irgendwann einmal auf die Leinwand schaffen:
  • The Haunted Mansion, ein neuer Film zur gleichnamigen Disney-Attraktion, der ausdrücklich kein Sequel zu der Erstverfilmung mit Eddie Murphy (2003) sein wird. Del Toro plant vielmehr einen eigenständige Adaption, die zwar das Komödienhafte nicht vernachlässigen will, insgesamt aber einen düsteren Ton haben soll. Gegenwärtig überarbeitet er mit Matthew Robbins das Drehbuch, in dem der Hatbox Ghost eine zentrale Rolle spielt. Ein Storyboard existiert ebenfalls schon. Bekannt ist außerdem, dass die Welt außerhalb des Spukhauses keine »regular world« sein, sondern nach einem visuellen Gesamtkonzept gestaltet werden soll. Del Toro, der Übernerd, ist jedenfalls die richtige Person für diesen Film: In seinem Haus hat er ein Ausstellungszimmer, welches ausschließlich Haunted-Mansion-Fanartikel enthält, und er bezeichnet die Attraktion als sein persönliches Heilmittel gegen Grübelei und depressive Verstimmungen. Offen ist die Frage, ob del Toro bei diesem Projekt nicht nur schreiben und produzieren, sondern auch Regie führen wird.
  • Del Toros nächste Regiearbeit nach Pacific Rim wird möglicherweise die Pinocchio-Verfilmung, an der er mit der Jim Henson Company arbeitet. Als Co-Regisseur ist Mark Gustafson vorgesehen, der bei der Dahl-Verfilmung Fantastic Mr. Fox für die Animation zuständig war. Das Drehbuch kommt wiederum von Matthew Robbins. Del Toros Adaption von Carlo Collodis Kinderbuchklassiker soll ein Stop-Motion-Film in 3D werden, der auf den Illustrationen von Gris Grimly beruht. Für den Soundtrack wünscht er sich Nick Cave, für die Rolle des Geppetto Tom Waits und für die des Fuchses Christopher Walken. Sollten sich diese Vorstellungen nur ansatzweise verwirklichen, wird dies ein wunderschöner Film werden! Leider gibt es noch keine Bestätigungen dazu, ob del Toros Casting-Wünsche (und vor allem: Nick Cave!) sich erfüllen werden. Bekannt ist lediglich, dass Daniel Radcliffe sich interessiert gezeigt hat, eine Rolle zu übernehmen. Pinocchio soll im Laufe des nächsten Jahres gedreht werden und 2014 in die Kinos kommen.
  • Nachdem Ron Perlman vor einiger Zeit aus karitativen Gründen erneut ins Hellboy-Kostüm geschlüpft ist, wird hoffentlich mit einem dritten Film über den katzenliebenden Dämon zu rechnen sein. Jedenfalls hat Perlman zugesagt, die Hauptrolle ein weiteres Mal zu übernehmen. Del Toro hatte von Anfang an eine Trilogie geplant. Ein Drehbuch gibt es nach Angaben des Meisters noch nicht.

VII.

Zu guter Letzt gilt es, zwei Projekte zu nennen, die in erster Linie Liebhabereien und lang gehegte Träume del Toros zu sein scheinen. Diese Filme, so sie denn irgendwann Gestalt annehmen, werden wohl am ehesten mit seinen spanischsprachigen Wunderwerken wie Cronos und El laberinto del fauno auf einer Linie liegen. Ich liste sie in einem eigenen Abschnitt auf, weil sie zwar oft ähnlich obskur wie die unter V. genannten Ideen sind, ich aber die Hoffnung hege, dass del Toro sie (eben weil sie so stark persönlicher Natur zu sein scheinen) mit ähnlichem Eifer verfolgt wie die unter IV. und VI. zu findenden Projekte.
  • 2008 stellte del Toro der Öffentlichkeit eine Filmidee vor, die er zumindest eine Zeitlang als seine nächste Regiearbeit nach dem Hobbit ansah: Der Titel lautete Saturn and the End of Days, und es sollte um einen Jungen gehen, der auf dem Weg zum Supermarkt und zurück das Ende der Welt beobachtet. Del Toro stellt sich einen eher »europäisch« gestimmten Film vor, bei dem ihm kein Riesenstudio mit Wünschen nach Happy Ends und Liebesgeschichten reinfunken kann. Die Idee kam ihm, als er seiner Tochter eine Gutenachtgeschichte erzählte, an deren Ende er in Tränen ausbrach. Da del Toro eigenen Aussagen zufolge vor allem bei guten Geschichten weinen muss, ist er von dieser hier wohl sehr überzeugt. »It has many things that are magical and terrible in it. It’s the rapture«, sagt er dazu. Da ich magische und schreckliche Dinge mag und finde, dass del Toro im Aufgreifen religiöser Motive besonders gut ist, kann ich mir vorstellen, dass ich seine Einschätzung dieser Geschichte teile. 
  • 3993 ist ein Film, der gemeinsam mit El espinazo del diablo und El laberinto del fauno eine phantastische Trilogie über den spanischen Bürgerkrieg bilden soll. Das (wiederum spanischsprachige) Drehbuch dazu stammt von Sergio G. Sánchez, der auch El orfanato scriptete. Von ihm stammen auch die spärlichen Informationen über dieses Projekt: 3993 soll auf zwei Zeitebenen (1939 und 1993) spielen und in einem thematischen Zusammenhang mit den forensischen Untersuchungen stehen, durch die im postfranquistischen Spanien die oft in anonymen Gräbern beerdigten Bürgerkriegsopfer identifiziert werden. Ich hoffe sehr, diesen Film irgendwann sehen zu dürfen.
Was können wir aus all dem nun schließen? Guillermo del Toro wendet sich scheinbar mit jeder Filmidee, die ihm durch den Kopf geht, sofort an die Öffentlichkeit. Er würde gern mit opulenten Budgets drehen, ist aber nicht immer bereit, die im Zusammenhang mit großen Studioproduktionen von einem Regisseur verlangten Kompromisse einzugehen. Diese Bemerkung del Toros über die Natur seiner Filmprojekte scheint mir sehr aussagekräftig zu sein: »All the projects in my roster are there because I love them, but the financing process is serendipity. And often, the ones I think will happen don’t, and the ones I think won’t happen, do.« Der Mann liebt seine Filmträumereien und will sich in seiner Liebe mitteilen. Manchmal vergisst er dabei in Betracht zu ziehen, dass die Filmindustrie seinen Herzensbekundungen so misstrauisch gegenübersteht wie ein geiziger Familienpatriarch einem mittellosen Schwiegersohn in spe. Oder er weigert sich einfach, den Glauben an das Glück zu verlieren.
* Der Film ist übrigens ein Remake des gleichnamigen Fernsehfilms von 1973. Den habe ich leider nicht gesehen, kann also nichts dazu sagen, wie del Toros und Nixeys Version sich zum Original verhält.
** Tatsächlich ist wohl nicht ganz klar, ob das Gemälde von Goya selbst oder von einem seiner Schüler stammt.
*** Das ist wohl auf eine Verwechslung des Projekts mit einem Godzilla-Reboot zurückzuführen, welches gegenwärtig von Legendary Pictures produziert wird, nachdem das japanische Toho-Studio seine Originalreihe vorläufig beendet hat.
† Ein Film, den man sich unbedingt in der Fassung ohne die später für das westliche Publikum hinzugefügten Szenen ansehen sollte, die schrecklich albern sind.
† Es ist nicht das erste Mal, dass Universal einen solchen Versuch unternimmt: Man denke z.B. an den 1979er Dracula mit Frank Langella und Donald Pleasence.
† Mit einem Co-Autor namens Daniel Kraus. Ich frage mich ja, ob darin vielleicht mehr von del Toro drinsteckt als in der Strain-Trilogie?

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Die Grimms und die Märchen

Die Allgegenwärtigkeit der Brüder Grimm habe ich in diesem Jahr schon mehrfach genutzt, um auf der Facebook-Seite des Hermanstädter Sees auf Artikel und Essays über die beiden Märchensammler aufmerksam zu machen. Klar, dass ich mich bei der Fülle an Material darauf beschränkt habe, auf solches hinzuweisen, das mir in irgendeiner Form interessant oder bemerkenswert erscheint. Stichwort Allgegenwärtigkeit – warum interessiert man sich gerade jetzt, zum Jahresende 2012, so sehr für die Brüder? Unter denjenigen, die gerade versuchen, den Grimms neben Weihnachtsterror, Weltuntergang und der angekündigten Hohlbein-Doku-Soap ein wenig mediale Aufmerksamkeit zu verschaffen, scheint leichte Uneinigkeit zu herrschen: Während das Goethe-Institut ein »Grimm-Jahr 2012« ausrief, kündigt die Regierung des Landes Hessen ein »Grimm-Jahr 2013« an. Die Universität Marburg, an der die Brüder studierten, versucht es mit einem Kompromiss und spricht vom »Grimm-Jahr 2012/13«.

Fakt ist: Der erste Band der Kinder- und Hausmärchen erschien erstmals vor genau 200 Jahren, am 20. Dezember 2012, und wenn auch der größte Teil der Auflage erst im Frühjahr 2013 gedruckt wurde, nehme ich dieses Datum einfach mal als Anlass, heute diesen Blogpost zu veröffentlichen. Faszinierend finde ich an den Grimmschen Märchen vor allem die Unzahl an Nacherzählungen und revisionistischen Neufassungen, die es zu ihnen gibt (nicht zuletzt auf diesem Blog). Keiner anderen Märchensammlung des deutschen Sprachraums war eine vergleichbar breite Rezeption beschieden. Johann Karl August Musäus’ Volksmärchen der Deutschen etwa kennt heute praktisch niemand mehr. Sie sind in einem im Vergleich zur lakonischen Düsternis der Grimms locker-satirischen Ton geschrieben und richteten sich deshalb vielleicht viel stärker an das zeitgenössische Publikum als an die Nachwelt. Dabei ist mir aufgefallen, dass solche Nacherzählungen im anglophonen Bereich sehr viel verbreiteter zu sein scheinen als in Deutschland. Hierzulande ist gerade Karen Duves Grrrimm erschienen, während es in englischer Sprache nicht nur Angela Carters schon klassische Sammlung The Bloody Chamber (1979) gibt, sondern auch Jim C. Hines’ Prinzessinnenromane (Rezensionen der ersten zwei Bände hier und hier), die über den Disney-Umweg grimmsche Motive aufgreifen, und Bücher wie Gregory Maguires Mirror Mirror, das es mir im Moment schwer angetan hat. Maguire lässt in der Rolle der bösen Stiefmutter Lucrezia Borgia auftreten. Letzten Monat erst ist ein Band Fairy Tales from the Brothers Grimm: A New English Version von Philip Pullman herausgekommen. Diese und viele weitere Märchenrevisionen und -neuerzählungen, die sich nicht immer an den Grimms, sondern manchmal auch an Andersen und Perrault orientieren, führen Aishwarya S. zu der These, die Möglichkeiten für originelle Neuerzählungen klassischer Märchen seien mittlerweile erschöpft.

Insbesondere im Filmbereich bin ich nicht ganz abgeneigt, dieser These zuzustimmen. Vergleicht man gegenwärtige Märchenfilme wie Red Riding Hood und Snow White and the Huntsman mit Meisterwerken wie Neil Jordans und Angela Carters The Company of Wolves oder Michael Cohns Snow White: A Tale of Terror, kann man über so viel Rückschritt nur entgeistert den Kopf schütteln: Die neuen Filme sind alles mögliche, nur nicht originell. Aber eigentlich möchte ich nicht den Pessimisten spielen. 2009 hat Neil Jordan mit Ondine einen wundervollen Film vorgestellt, der zeigt, dass es eben doch geht.

Was nun das erzählte, aufgeschriebene und gelesene Märchen angeht, glaube ich ganz und gar nicht, dass die literarischen Möglichkeiten, die seine Stofffülle bietet, jemals erschöpft sein werden. Die gleichen Märchen werden neu erzählt werden – mal besser, mal schlechter. Sie werden umgedeutet werden und dadurch wie neu aussehen. Es werden auch gänzlich neue Märchen auftauchen, und einige alte in Vergessenheit geraten. Die Schönheit und Schrecklichkeit der Märchen, von der Tolkien in »On Fairy-Stories« spricht, wird bleiben. Ich wage zu hoffen, dass die Märchen auch dann nicht überflüssig sein werden, sollte einmal jener unwahrscheinliche aber überlebensnotwendige Zustand im menschlichen Miteinander eintreten, in dem die Schönheit real geworden und der Schrecken gebannt ist. Und bis dahin gilt es ohnehin, die Märchen (Grimms und andere) immer wieder neu zu erzählen.

Samstag, 15. Dezember 2012

Kaspereien in der schönen neuen Welt

Das Totengespräch kann auf eine ehrwürdige literarische Tradition zurückblicken. Als Erfinder der Gattung gilt Lukian von Samosata, der manchmal (auf reichlich anachronistische Weise) zum Vater der Science Fiction erklärt wird. Bemerkenswerterweise ist die antike Gattung in der Neuzeit anhaltend beliebt. Goethe nutzte sie, um Sturm-und-Drang-Flegeleien gegen Wielands Rokoko-Stil zu formulieren. Poe ließ die Toten Konversation über die Zerstörung der Erde durch einen Kometen betreiben. Maurice Joly verfasste mit den Gesprächen in der Unterwelt zwischen Machiavelli und Montesquieu eine Streitschrift gegen Napoleon III., die in völliger Verkehrung ihrer Grundaussage zu den infamen Protokollen der Weisen von Zion umgearbeitet wurden – einer der seltenen und zugleich erschreckenden Fälle, in denen Literatur Geschichte geschrieben hat.

Sprechen die Toten oftmals Wahrheiten aus, die den Lebenden aufgrund von Zensur, Bigotterie oder schlichter Humorlosigkeit versagt waren,* müssen sie sich manchmal auch Sophismen in den Mund legen lassen, die ehrliche Tote in ihren Gräbern rotieren lassen. Wehren können sie sich ja nicht.** So auch in Peter Kreefts Totentrialog Dienstanweisung für eine schöne neue Welt. Dieser hat zum Ausgangspunkt, dass C.S. Lewis, Aldous Huxley und John F. Kennedy am gleichen Tag, nämlich am 22. November 1963, gestorben sind. In Kreefts Buch treffen die drei sich kurz nach ihrem Tod im Purgatorium, wo sie Gespräche über das Christentum führen (bzw. das Gespräch darf Lewis führen, während Huxley und Kennedy gelegentlich eine treudoofe Zwischenbemerkung einwerfen) und schließlich, nachdem Lewis seine beiden Gefährten erfolgreich zur Konversion überredet hat, in Richtung Himmel aufbrechen.

Peter Kreeft ist christlicher, genauer: katholischer Apologet und als solcher gewissermaßen eine Schrumpfversion von Chesterton, Tolkien und Lewis. Besonders an letzteren hat er einen Narren gefressen. So veröffentlichte er nicht nur ein Pastiche zu Lewis’ Screwtape Letters, sondern auch ein dubioses Kompendium namens The Philosophy of Tolkien, in dem er den Versuch unternimmt, den religiösen Gehalt von Tolkiens Werk mit Hilfe von Lewis-Zitaten herauszuarbeiten – eine Art Inklings-Evangelienharmonie, mit Kreeft als Apostel. Man fragt sich, warum Charles Williams außen vor bleiben musste, der hätte dem Ganzen noch einen netten rosicrucianischen Touch verleihen können.

So ist es nicht verwunderlich, dass Lewis unter den drei Trauerfällen, die in Kreefts Roman versammelt sind, ganz klar im Mittelpunkt steht. Er redet nicht nur am meisten, seine Dialogzeilen bestehen auch fast vollständig aus Zitaten und Paraphrasen des echten Lewis. Huxley und Kennedy sind dagegen Pappkameraden. Kreeft interessiert sich nicht für Huxleys Werk oder Kennedys persönliche und politische Anschauungen, sondern verzeichnet sie zu reinen Typen, die als Negativfolie für Lewis’ Ausführungen dienen. Huxley steht dabei für eine mystisch-pantheistische Weltanschauung und Kennedy für eine Haltung, die in Jesus ein (rein menschliches) Vorbild für humanistische Werte sieht. Beide sind so simpel gezeichnet, dass sie gar nicht anders können, als sich überreden zu lassen.

Interessant ist deshalb nur das Bild, das Kreeft von seinem Idol Lewis zeichnet. Dieses ist keineswegs falsch, es ist einfach nur einseitig und unvollständig. Der wirkliche C.S. Lewis war eine Person, die stets mit dem Anspruch höchster Klarheit und Gewissheit auftrat, dabei aber voller Wiedersprüche steckte. Lewis konnte einen polternden Antimodernismus vertreten und sich im nächsten Augenblick mit Vehemenz für die Zivilehe einsetzen. Er hatte die unappetitliche Gabe, noch dem krassesten Vorurteil einen rationalen Anstrich zu verleihen, und bewies in seinem literarischen Werk doch immer wieder, dass er zu großer Einfühlsamkeit fähig war, wie sie sich etwa in dem Wunsch einer seiner Figuren zeigt, die bemerkt, dass sie Menschen nicht studieren, sondern kennenlernen möchte. Es ist wohl diese Vielseitigkeit, die bewirkt, dass Lewis auch außerhalb des konservativ-christlichen Milieus, das ihn so gern für sich vereinnahmen würde (und dafür auch genügend Anhaltspunkte findet), immer wieder auf Bewunderung stößt. Dabei macht Lewis es niemandem leicht. Seine oft abstoßend reaktionären Ansichten lassen sich nicht ignorieren, doch sollte nicht übersehen werden, dass er sich auch von rechts nur schwer auf eine Position festnageln lässt. Konservative Katholiken möchten in ihm gern einen Papisten in spe sehen, doch dagegen steht seine Weigerung, sich konfessionalistisch einengen zu lassen. Für Evangelikale, die sich aufgeschlossen und weltoffen geben möchten, ist er der exemplarische Intellektuelle, aber gleich daneben melden sich fundamentalistischere Stimmen zu Wort, die allein schon die Tatsache, dass Lewis Fantasy schrieb, als Beweis für unanständigstes Heidentum auffassen.

All diese Nuancen und Widersprüche in Person, Werk und Rezeption kommen bei Kreeft nicht vor. Sein Lewis ist ausschließlich so, wie der echte Lewis in seinen fadesten Momenten war: Missionarisch, rechthaberisch, großmäulig. Kann man Kreeft also nicht vorwerfen, ein falsches Bild von Lewis zu zeichnen, so sprechen die Züge, die er an seinem Lewis besonders hervorhebt, doch Bände und weisen auf Kreeft selber zurück. Kreeft hat noch eine Reihe weiterer apologetischer Totengespräche verfasst, in die er sich auf ungleich deutlichere Weise selbst eingezeichnet hat – in der Gestalt des toten Sokrates, der mittels hanebüchener »Kreuzverhöre« frisch verstorbene Philosophen, darunter Marx und Sartre, »widerlegt«. Solche Wächter an der Pforte zum Jenseits, wie Kreeft sie sich mit Vorliebe ausmalt, wünscht man wirklich niemandem in seinem Hinüberscheiden. Kreefts literarisches Jenseits entspricht einfach zu sehr der Hölle, wie eines seiner postmortalen Opfer sie (wiederum in einem Totengespräch) definiert. Die möchte ich hier konkretisieren: Die Hölle, das sind ... unerträgliche Zeitgenossen wie Peter Kreeft?

Dienstanweisung für eine schöne neue Welt (112 Seiten) erschien 1998 in überarbeiteter Ausgabe im Brunnen-Verlag. Eine erste Ausgabe erschien 1985 unter dem Titel Zwischen Himmel und Hölle. Was man sich beim Titel der überarbeiteten Ausgabe gedacht hat? Wahrscheinlich nichts.

* Und es spricht für sich, dass in dem genannten berüchtigten Fall, in dem Wahrheit in Unwahrheit verkehrt wurde, diese den (noch) Lebenden angedichtet wurde. Wer vor der Wahrheit zurückschreckt, tröstet sich damit, dass er die Lüge in hämischer und giftiger Weise seinem imaginierten Feind unterschiebt.
** Die Wehrlosigkeit der Toten gegenüber den Lebenden ist ein Thema in John Ajvide Lindqvists Roman So ruhet in Frieden.

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Neuzugänge

Diesmal eine Liste mit einigen Geburtstagsgeschenken:
  • Marion Zimmer Bradley, Die Erben von Hammerfell 
  • Albert Cohen, Die Schöne des Herrn
    Neben Anna Karenina das Lieblingsbuch einer verflossenen Liebe. Anna Karenina habe ich damals gelesen, das hier nicht, aber passenderweise ist es der Roman einer gescheiterten Liebe.
  • James Joyce, Ulysses
  • Stephen King, Das Monstrum
  • Heike Korfhage, Sommerturnier
  • Thomas Mann, Der Zauberberg
  • Nnedi Okorafor, Who Fears Death
  • George Orwell, Farm der Tiere. Eine Fabel
  • Dietlof Reiche, Keltenfeuer
    Reiches historischer Roman Der Bleisiegelfälscher war so eine Art Pflichtlektüre in meiner Kindheit, von der ich damals nicht sonderlich angetan war. Als ich gestern herausgefunden habe, dass Reiche auch Jugendbücher mit phantastischen Elementen veröffentlicht hat, wurde ich trotzdem neugierig.
  • Carl Zuckmayer, Die Fastnachtsbeichte
    Wusste ich gar nicht, dass Zuckmayer auch Krimis geschrieben hat. Oder zumindest diesen hier.

Freitag, 7. Dezember 2012

Götterspeise

Mittlerweile wissen wir, dass Neil Gaimans nächster Roman The Ocean at the End of the Lane heißen wird. Gaiman darüber:
The Ocean at the End of the Lane is a novel of childhood and memory. It’s a story of magic, about the power of stories and how we face the darkness inside each of us. It’s about fear, and love, and death, and families. But, fundamentally, I hope, at its heart, it’s a novel about survival.
Zu diesem Anlass frage ich mich, was eigentlich aus dem von Gaiman angekündigten dritten Götterweltroman geworden ist? Aus irgendeinem Grund hatte ich erwartet, dass das Gaimans nächster großer Roman für Erwachsene nach Anansi Boys werden würde, dessen Veröffentlichung ja nunmehr sieben Jahre zurückliegt. Diese Vermutung hat sich also nicht bestätigt. Gaimans Ankündigung eines weiteren Götterweltromans stand im Zusammenhang mit der von HBO geplanten American-Gods-Fernsehserie, und vor anderthalb Wochen enthüllte Gaiman, dass er gegenwärtig an der Pilotfolge der Serie arbeitet (was eigentlich nichts anderes bedeuten kann, als dass er das Drehbuch schreibt). Ich hoffe ja, dass es mit der Götterwelt in Romanform weitergeht, ob die TV-Serie nun realisiert wird oder nicht. Und obwohl ich es nicht gerade für eine begrüßenswerte Entwicklung halte, wenn die Gestaltung von Romanen abhängig wird vom Erfolg und den Möglichkeiten einer Fernsehserie, traue ich Gaiman doch zu, dass er in dieser Hinsicht keinen Mist macht. Wie man auf Grundlage einer TV-Produktion einen schönen Roman basteln kann, hat er mit Neverwhere gezeigt.

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Alan Garners letzter Roman

Eine Neuerscheinung dieses Jahres, die mir sehr am Herzen liegt, ist Alan Garners Boneland. Der im August erschienene Roman ist der Abschluss der Trilogie, die mit Garners Debüt The Weirdstone of Brisingamen (dt. Feuerfrost) begann und mit The Moon of Gomrath (dt. Der Mond von Gomrath) fortgesetzt wurde. Beide Bücher, 1960 und 1963 erschienen, richten sich an ein jugendliches Publikum und warten mit einer typisch abenteuerlichen Handlung auf: Das Geschwisterpaar Susan und Colin wird in den Kampf gegen den finsteren Nastrond verwickelt und muss sich seiner Dienerin, der Hexe Selina Place, erwehren. Insbesondere der erste Band zeigt sich stark beeinflusst von The Lord of the Rings. Was aber schon Garners frühe Werke einzigartig macht, ist die Atmosphäre von Echtheit, die sie ausstrahlen. Sagte Daniel Kehlmann über Tolkien, seine Schlösser seien aus echtem Stein gebaut, so gilt für Garner, dass seine Geschichen in wirklicher Erde wurzeln. Handlungsort ist die Landschaft Alderley Edge in Cheshire, die schon in den sechziger Jahren ein beliebtes Ausflugsziel war. Garner, der mit den Sagen des Ortes aufgewachsen ist, versteht es perfekt, die alten Mythen aus den Klüften und Felsspalten der Gegend aufsteigen zu lassen, gleichsam an den unscharfen Rändern und den geheimnisvollen Flecken des sonst touristischen Ortes.

Auch Garners dritter Roman Elidor, der nicht an die Alderley-Edge-Bücher anknüpft, ist eine Fantasy für Jugendliche. Elidor wurde als Hörspiel konzipiert und erst später zum Roman ausgearbeitet, was erklären mag, warum das Buch manchmal mehr wie eine Abfolge von Szenenbildern als wie eine durchgängige Erzählung wirkt. Was vielleicht nur zufällige Entstehungsgeschichte ist, nutzt Garner, um auf höchst konzentrierte Weise mit Sprache zu experimentieren und immanente Kritik am Fantasygenre zu üben: In dem Buch verschlägt es vier Kinder aus Manchester in eine magische Parallelwelt, wo sie auf eine Queste geschickt werden, deren Zweck den gesamten Roman über im Dunkeln bleibt. Die diskontinuierliche Form der Erzählung spiegelt die Befremdung und die Unsicherheit der Kinder über das, was ihnen widerfährt und mit ihrer bisherigen Wahrnehmung der Welt nicht übereinstimmt. Ein schärferer Kontrast zu all den leichtfertigen Fantasies, in denen der Held in eine pseudomittelalterliche Parallelwelt übertritt und sich dort spielend zurechtzufinden scheint, findet sich selten. Die Protagonist_innen von Elidor jedenfalls müssen feststellen, dass der unbekannte Feind, gegen den sie angetreten sind, ihnen in ihre eigene Welt gefolgt ist. Das Gefühl von weirdness, hat es sich erst eingestellt, lässt sich auch durch Rückkehr in den Alltag nicht mehr abschütteln.

Elidor markiert einen Wendepunkt in Garners Schaffen. Die nachfolgenden Romane wie The Owl Service (dt. Eulenzauber) und Red Shift (dt. Rotverschiebung) werden zunehmend dialoglastig. Das Gespür für Atmosphäre, welches so zentral für Garner ist, verlagert sich von den Ortsbeschreibungen seiner früheren Werke in die Worte, die der Autor seinen Figuren in den Mund legt. Thematisch kreisen die Bücher, die Garner seit Ende der sechziger Jahre schreibt, um die bereits in Elidor aufgeworfene Frage, wie Mythen unser Leben beeinflussen. Dabei scheint es häufig schwer zu sein, zur Realität des Mythos vorzustoßen, noch schwerer aber oder gar unmöglich ist es, nicht von ihm betroffen zu sein. Garner stellt sich den Mythos nicht als überzeitlich vor, so dass eine Dichotomie zwischen Mythos und Geschichte entstehen würde, sondern als etwas, das in die Zeit eingreift und sie fragmentiert, gewissermaßen den linearen Ablauf der Ereignisse anhält und Schlaglichter auf die fernste Vergangenheit wirft. Auch hier gibt es eine Einheit von Inhalt und Form, denn meist spielt sich die Handlung der Bücher auf mehreren Zeitebenen ab. Manchmal verzichtet Garner sogar auf Handlungselemente, die sich dem Wunderbaren oder dem Phantastischen zurechnen ließen, ohne dass er deshalb die Verwurzelung in Sage und Folklore aufgäbe. Nicht selten thematisiert Garner, der nach eigener Auskunft aus einer Familie ländlicher Proletarier_innen stammt, Klassenunterschiede zwischen den Figuren seiner Bücher, und orientiert sich sprachlich am Dialekt seiner Heimat Cheshire.

In den 1980ern veröffentlichte Garner keine Romane, sondern stellte verschiedene Märchensammlungen zusammen, die in illustrierten Ausgaben erschienen. 1996 kehrte er mit Strandloper (dt. Strandläufer) zum Roman zurück. Die Alderley-Edge-Trilogie blieb die Jahrzehnte über unvollendet. Zwischenzeitlich verwarf Garner sogar die Vorstellung, die Trilogie könne jemals abgeschlossen werden, und verwarf seine frühen Bücher, bei denen es sich um schlechte Literatur handele. Hier muss man das Werk vor seinem Schöpfer in Schutz nehmen. The Weirdstone of Brisingamen und The Moon of Gomrath mögen nicht dem entsprechen, was Garner bei seinen späteren Romanen vorschwebte, aber sie gehören zu den besten Fantasies, die in der Periode zwischen der Veröffentlichung des Lord of the Rings und der in den 1970ern anhebenden Epic-Fantasy-Welle entstanden sind. Es stimmt natürlich, dass die Figuren hinter der Handlung zurücktreten, doch entspricht das nur der Konvention des abenteuerlichen Jugendbuchs. Will man diese Bücher würdigen, kommt es meines Erachtens auf etwas anderes an: Wie es Garner gelungen ist, mit diesen Büchern sense of place zu evozieren, ist allemal unübertroffen.

Ich habe den lang ersehnten dritten Band Boneland noch nicht gelesen, bin aber durch Aishwarya S.’ Rezension auf ihrem Blog Practically Marzipan aufs Höchste gespannt. Sehr berührt haben mich auch ihre Gedanken zu Red Shift – für sie »more than anything [...] a beautiful, bitter story that breaks me every time«. Für mich auch, und ich könnte es nicht besser in Worte fassen. Zumal ich es mit langerwarteten Büchern genauso halte:
As with any new book that really matters to me, I’ve been doing everything I can to stave off reading Boneland. I’m not sure if this is a natural desire to draw out the pleasure or an act of sheer cowardice. But it has given me an excuse to reread Garner’s earlier work, and I stayed up all night recently reading Red Shift.
Wobei ich hinzufügen muss, dass ich nicht die Nacht über aufgeblieben bin, um Red Shift zu lesen, sondern dies an einem Nachmittag getan habe, an dem ich eigentlich hätte arbeiten müssen, und dass mir das Prokrastinieren manchmal leicht fällt, weil ich längst nicht genug Geld habe, um alle neuen Bücher zu kaufen, die ich gerne lesen würde.

Donnerstag, 29. November 2012

Neuzugänge

Diesmal sind einige Sachen dabei, von denen ich schon lange eigene Exemplare haben wollte:
  • Walter Benjamin, Gesammelte Schriften I, III & IV
  • Ders., Der Autor als Produzent. Aufsätze zur Literatur
  • Carlo Collodi, Pinocchios Abenteuer
  • Alan Garner, Red Shift
  • Susanne Gerdom, Elidar – Magierin der Drachen
  • W.H. Hudson, Das Vogelmädchen
  • Stanisław Lem, Vom Nutzen des Drachen. Erzählungen
  • Doris Lessing, Das goldene Notizbuch
  • Thomas Mann, Frage und Antwort. Interviews mit Thomas Mann 1909–1955
  • Thomas & Heinrich Mann, Briefwechsel 1900–1949
  • Toni Morrison, Teerbaby
  • Bjarne Reuter, Das dunkle Zimmer

Samstag, 24. November 2012

The Mermaid’s Madness

Jim C. Hines’ zweiter Prinzessinnenroman fällt gegenüber dem Vorgänger The Stepsister Scheme leider stark ab. Hines führt in The Mermaid’s Madness einen verzweifelten Kampf mit dem Spannungsbogen, der wieder und wieder zusammenbricht. In den Danksagungen erwähnt er, dass er den Roman fünfmal (!) überarbeiten musste und nur mit großen Schwierigkeiten die Deadline einhalten konnte. Scheint so, als habe Hines sich 2008, als er an The Mermaid’s Madness schrieb, in einer Schaffenskrise befunden. Es ist wenig verwunderlich, dass das Ergebnis wirkt wie auf Kante genäht.

Es ist einer jener Romane, in denen die Handlung sich so ziellos dahinwindet, dass man irgendwann aufhört, sich zu fragen, warum die Heldinnen von ihrem Ausgangsort zu einer Queste aufbrechen, an einem fernen Ort anlangen, nach diversen Verwicklungen an ihren Ausgangsort zurückkkehren, dort auf weitere Verwicklungen stoßen, nur um schließlich das zu tun, was man schon einige Dutzend Seiten vorher geahnt hat: Sie kehren zu dem bereits besuchten fernen Ort zurück, weil das Showdown gefälligst dort stattzufinden hat. Hätten sie darauf nicht früher kommen können? Welch ein Kontrast zur geradlinigen, flott hingerotzten Story des Vorgängers! Aber da konnte Hines seiner Idee, Märchenprinzessinnen als toughe Heldinnen im Geheimdienst ihrer Majestät auftreten zu lassen, ja noch einfach ihren Lauf lassen. Im zweiten Band hat das in dieser bei allem Charme doch recht simplen Manier nicht mehr funktioniert. Die naheliegende Lösung wäre gewesen, den drei Hauptfiguren mehr Tiefe zu verleihen, den Leser_innen stärker nahezubringen, wie der jeweilige Background der Heldinnen in die aktuelle Geschichte einfließt. Dafür hat es angesichts der massiven Plotting-Schwierigkeiten aber anscheinend nicht gereicht.

Würdigen muss ich dagegen, dass Hines sich stilistisch verbessert und zu einer Sprache gefunden hat, die sich deutlich flüssiger liest als die, der er sich in The Stepsister Scheme bedient hat.

Allem Enttäuschtsein zum Trotz werde ich Jim Hines wohl weiterhin die Stange halten und auch noch den dritten und vierten Band der Princess Series lesen. Hines ist ein so sympathischer Charakter, dass ich in seinem Falle ausnahmsweise einmal gewillt bin, die Intentio auctoris gelten zu lassen. Er meint es einfach gut mit diesen Büchern, und mit dem ersten Band der Reihe hat er zu zeigen vermocht, dass gute Absichten manchmal auch gute Ergebnisse zeitigen. Noch ist mir der Glaube nicht abhanden gekommen, dass es damit auch mehr als einmal klappen könnte.

The Mermaid’s Madness (339 Seiten) von Jim C. Hines ist 2009 bei DAW erschienen.

Dienstag, 20. November 2012

Früher waren die Zombies irgendwie besser

George Lucas vertickt sein Filmimperium an Disney, und die Aufregung über diese Nachricht wird sich allem Anschein nach so schnell nicht legen. Ich persönlich kann weder die Hoffnungen der einen nachvollziehen, die jetzt auf eine Revitalisierung von Star Wars in einer Post-Lucas-Ära setzen, noch die Buhrufe der anderen, die ihr Lieblingsfranchise schon zur quietschigen Spielerei verkommen sehen. Dazwischen gibt es die, die mit den Achseln zucken und meinen, schlimmer als die Prequel-Trilogie könne es doch nicht werden. Das stimmt zwar, aber es heißt eben auch nicht, dass es besser wird.

Und dass es besser werden könnte, übersteigt zugegebenermaßen meine Vorstellungskraft. Nicht deshalb, weil man im Hause Disney keine guten, unterhaltsamen Filme machen könne. Ich glaube eher, dass mit dem Versagen der Prequel-Trilogie an ihrem eigenen Anspruch eine Gesetzmäßigkeit deutlich wurde, die von Hollywood gerade mit aller Kraft ignoriert wird: Eine Filmreihe nach jahrzehntelanger Unterbrechung wieder aufzuwärmen, als sei unterdessen nichts passiert, funktioniert einfach nicht. Dennoch wird immer wieder versucht, alten Franchises neues Leben einzuhauchen. Im Kino wimmelt es seit einigen Jahren von reanimierten Leichen: Rocky, Indy, Rambo und demnächst wohl auch der Schwarzenegger-Conan sollen den Geist vergangener Zeiten erneut heraufbeschwören – bezeichnenderweise handelt es sich meist um den Geist der 80er Jahre, den sich eigentlich niemand, der einigermaßen bei Trost ist, zurückwünschen kann.

Am besten funktioniert der Wiederbelebungsversuch noch in den Fällen, in denen der zeitliche Abstand zum letzten Film nicht so groß war, etwa bei Die Hard. Meist handelt es sich aber um Wiedergänger, auf deren Auferstehung aus dem Grab ich liebend gern verzichtet hätte. Lucas hat mit seiner Prequel-Trilogie die Formel, nach der so ziemlich alle genannten Beispiele funktionieren, vorgegeben: Uns fällt zwar nichts neues ein, aber die technischen Möglichkeiten sind heute halt besser. Man kann sich eine Kulisse wie Coruscant oder Massenschlachten zwischen Klontruppen und Separatisten am Computer basteln, was früher nicht möglich war. Und so ziemlich alles andere, was einen guten Film ausmachen würde, gerät anscheinend nicht mal in den Blick.

Will man ein filmisches Universum wirksam aktualisieren, kann man das nur mit den Mitteln der Ironie tun. Eine ironische Haltung bedeutet immer auch ein Eingeständnis des Scheiterns: So sehr man auch möchte, man kann nie vollständig mit seinem früheren Selbst identisch sein. Das gilt für Individuen wie für Kunstwerke. Klingt hart, aber an sich ist das ironische Scheitern überhaupt kein Grund zum Verzagen. Im Gegenteil, es ermöglicht höchst kreative Wege zur Selbstkritik und wurde deshalb in der Romantik zum Kunstprinzip erhoben. Es ist die Tragik vieler Hollywood-Fortsetzungen, dass sie diesem produktiven Scheitern an sich selbst immer wieder entgehen wollen, indem sie einfach immer nur das, was bereits im vorangegangen Werk erreicht wurde, mit Hilfe verbesserter Technik zu übertreffen versuchen. Man muss doch noch einmal das Gleiche erreichen können, wenn man sich nur anstrengt – dieser verbitterte, irgendwie auch kindische Ernst ruiniert alles und stellt letztlich ein viel weitergehendes Versagen dar, als das Eingeständnis des ironischen Scheiterns es je sein könnte.

Dabei machen ausgerechnet die Bond-Filme vor, wie es gehen könnte: Jede neue Inkarnation von Bond, diesem unerklärlich faszinierenden »relic of British imperialism« (Anthony Burgess), beruht auf der Einsicht, dass Bond nicht mehr ungebrochen so sein kann, wie er einmal war. Schon Roger Moore wusste, dass er nicht mit Connerys Bond identisch werden konnte. Er versuchte deshalb gar nicht erst, in der Rolle aufzugehen, sondern präsentierte sie (in seinen besseren Momenten jedenfalls) mit gelassener, ironischer Distanz, wie Jens Jessen vor einigen Wochen in einem ansonsten eher unfreiwillig komischen Artikel in der Zeit schrieb. In dieser Sache hat Jessen aber uneingeschränkt Recht: Der schlechteste Bond ist Pierce Brosnan, weil er lediglich versuchte, seine beiden Vorgänger sklavisch zu imitieren, statt sich in Einsicht des Unmöglichen an die Umdeutung seiner Rolle zu machen.

Wenn aber das ironische Scheitern an der Fortsetzung eines filmischen Werks die einzige Möglichkeit ist, seine Seele zu retten, ist Star Wars unwiederbringlich verloren. Denn wenn George Lucas mit der Prequel-Trilogie irgendetwas gezeigt hat, dann nur dieses, dass er ein völlig ironiebefreiter Mensch ist. Es ist an der Zeit, Star Wars in Frieden ruhen zu lassen.

Donnerstag, 1. November 2012

Neuzugänge

  • C.J. Cherryh, Tore ins Chaos. Der Morgaine-Zyklus
  • John Crowley, Maschinensommer. Drei phantastische Romane (Omnibus-Ausgabe von In der Tiefe, Geschöpfe und Maschinensommer)
  • Stephen R. Donaldson, Die zweite Chronik von Thomas Covenant dem Zweifler (antiquarisch, die alte dreibändige Ausgabe, nicht der neue Ziegelstein)
  • Alexander Moritz Frey, Solneman der Unsichtbare
  • Michael Görden (Hg.), Phantastische Literatur 83
  • William Horwood, Der Stein von Duncton
  • Shirley Jackson, Spuk in Hill House
  • Edgar Pangborn, Ein glorreicher Haufen
  • Augusto Roa Bastos, Ich, der Allmächtige
  • Michael Springer, Leonardos Dilemma
  • Klaus Wagenbach u.a. (Hgg.), Vaterland, Muttersprache. Deutsche Schriftsteller und ihr Staat seit 1945
  • Gene Wolfe, Unternehmen Ares

Montag, 29. Oktober 2012

Das Ende der Buchblogs

Es ist ominös. Vor ziemlich genau einem Jahr wurde angestrengt gemutmaßt, ob Rezensionsblogs gefährlich sind. Heute steht bereits die Frage im Raum, ob das Buchbloggen am Ende ist. Aufgeworfen wurde sie von verschiedenen Beiträgen, in denen Bloggerinnen über den massiven Stress klagen, dem sie sich durch das regelmäßige Füttern ihrer Seiten mit Rezensionen, Gewinnspielen, SUB-Listen aussetzen, aber auch über die bedrohliche Gestalt, die die explodierende Buchblogszene gelegentlich annehmen kann.

Ersteres wird exemplarisch von Jessi auf Books a Week geschildert: Nachdem sie aufgrund einer Handverletzung zeitweilig nur noch eingeschränkt bloggen konnte, stauten sich bei ihr nicht nur die unaufgefordert eingesandten Rezensionsexemplare, sondern auch Beschimpfungen durch Leser_innen, die an ein Blog offenbar Ansprüche ganz eigener Art stellen: »Deine Rezensionen sind ganz schön rarr geworden he.. hast wohl keinen Bock mehr oder was, weißt du was .. dann lass es doch. Liest eh keiner deinen Scheiß!« »Boar deine blöden Rezensionen kannst du dir sonst wohin schieben, ich will Neuzugänge sehen und Gewinnspiele.« Und die Bloggerin selbst: »Aus allen E-mails ging hervor das diese Personen meinen Blog mehrmals am Tag anklicken oder auf mein Facebookprofil gehen, nur um zu sehen ob sich hier was tut. Und tut sich nichts werden sie von Stunde zu Stunde gefrusteter – das ist ja schon fast wie Verfolgungswahn.«*

Vanessa von Nie ohne Buch berichtet dagegen von üblen Erfahrungen mit dem Bodensatz des Selfpublishings:
In den letzten Wochen und Monaten erreichten mich einige E-Mails, überwiegend von Menschen, die sich mir als Autor vorstellten und mir ihre Bücher/Ebooks zur Rezension überlassen wollten. Ob dies den Tatsachen entspricht und sie Autoren waren, kann ich nicht beurteilen. Nicht immer stellten sie sich namentlich vor, nicht immer bin ich mir sicher, ob sie mir ihre richtigen Namen nannten oder schlichtweg unter Pseudonymen auftraten, was ansich kein Problem ist. Vermutlich sind sie alle Autoren nach ihrem Empfinden, da jeder sich so nennen kann, ohne jemals eine Zeile geschrieben zu haben. 
Zeigte sie sich nicht bereit, die eingesandten Machwerke zu rezensieren, erhielt sie zahlreiche aggressive, sexistische oder anderweitig herabsetzende Antworten von sich benachteiligt wähnenden Hobbyschreiberlingen:
Nein, ich bin nicht sauer. Das wäre untertrieben. Für die zahlreichen Beleidigungen, Unterstellungen und “guten” Wünsche, die mich, meine Familie oder Menschen die mir nahestehen betreffen und die im Laufe der letzten Monate eingetrudelt sind, wäre “sauer” definitiv das falsche Wort. Es ist zutiefst verletztend und dem sind sich die Verfasser auch bewusst, da es nur diesen Zweck verfolgt. [...] Ich bin es leid, mich ständig zu fragen, was ich euch überhaupt getan habe, außer eure Bücher nicht zu mögen oder sie gar nicht erst lesen zu wollen. Ich bin es leid, mir die Nächte damit um die Ohren zu schlagen, weil ich keine Möglichkeit sehe, euch loszuwerden, wenn euch selbst bei sturer Ignoranz meinerseits über Wochen nicht langweilig wird.
Weit davon entfernt, alle Indie-Autor_innen über einen Kamm zu scheren, berichtet sie von einer Entwicklung, die durchaus System hat. Es ist kaum zu übersehen, dass Buchblogs überdurchschnittlich häufig von jungen Frauen betrieben werden, während aggressiv und aufdringlich beworbene Eigenpublikationen in der Regel von Männern stammen. Der sexistische Grundton, der sich durch viele der von Vanessa zitierten Hate-Mails zieht, spricht Bände. Es zeigt sich darin etwas, was eigentlich niemanden überraschen sollte: John Asht ist kein Einzelfall, er krakeelt nur besonders laut und ist mit einem enormen Sendungsbewusstsein ausgestattet. Offenbar gibt es eine nicht zu unterschätzende Zahl von Testosteronschleudern, die sich als Gottes Geschenk an die Frauen und Selfpublishing als legitime Ausdrucksform dieses Alphamännchen-Selbstbildes sehen.

Ich selbst kann nicht von solchen Erfahrungen berichten. Wenn ich Rezensionen von selbstpublizierten Büchern mit der Begründung ablehnte, zum Lesen der unüberschaubaren Menge dieser Veröffentlichungen keine Zeit zu haben, wurde dies bislang immer höflich akzeptiert. Auch hier mag die Geschlechterhierarchie, die mich als Mann bevorteilt, eine Rolle spielen, und sicherlich ist der Hermanstädter See als Blog auch einfach nicht bedeutend genug, um ein lohnenswertes Angriffsziel darzustellen.

Deutlich ist, wie stark sich das Reden über Literatur durch das Internet verändert hat. Man muss sich vor Augen führen, dass es noch gar nicht so lange her ist, als Buchläden die einzige Schnittstelle zwischen Leser_innen und dem Geschäft mit der Literatur waren. Dazu kamen höchstens noch aus dem Alltag herausgehobene Ereignisse wie Lesungen (nach denen man sich ehrfürchtig in die Schlange stellte, um sich das Buch signieren zu lassen) oder besuchsoffene Tage auf Buchmessen. Vernetzung fand nur in Genrekreisen statt, die Fanzines und Cons organisierten, nach außen hin aber häufig (teils berechtigt, teils durch Vorurteile befeuert) wie leicht skurrile, geschlossene Gesellschaften mit eigenen Codes und Gesetzen wirkten.

Heute ist das anders. Geschrieben, publiziert und gelesen wird öffentlich. Es gibt Foren wie das von Literaturschock, die sich ohne jede thematische Einschränkung einfach nur dem Austausch über Bücher widmen. Verlage betreiben Fanseiten wie piper-fantasy.de. Autor_innen, die nicht über eigene Blogs oder Social Networks für ihre Fans erreichbar sind, werden immer seltener. In obskuren Kleinverlagen erschienene Werke werden emsig in die Bibliographien von Wikipedia-Artikeln eingetragen, gelöscht und wieder von neuem eingetragen. Und man halte das nicht für ein reines Jugendphänomen. Auf Amazon.de gibt es Hobbyschreiberlinge im Pensionsalter, die ihre Tage damit zubringen, argwöhnisch die zu ihren BoD-Publikationen abgegebenen Bewertungen zu überwachen, um im Falle einer unliebsamen Meinungsäußerung zeitnah in Schimpftiraden ausbrechen zu können. Früher verstaubten solche Werke in den Regalen von Provinzbibliotheken, heute gibt es zahlreiche Mittel und Wege, ihnen im Netz Aufmerksamkeit zu verschaffen. Das ist an sich eine feine Sache, denn man stößt immer wieder mal auf Werke von Indie-Autor_innen, die man nicht mehr missen möchte. Es verwundert aber auch nicht, dass die neuen Verhältnisse regelmäßig kleine Ashts zum Vorschein bringen, denen solche glorreichen Möglichkeiten zu Kopfe steigen.

Die Grenze zwischen der gewerbsmäßigen Verbreitung und dem Konsum von Büchern verschwimmt dabei immer mehr. Das manchmal aggressive, manchmal von Selbstüberschätzung zeugende Gebaren einiger Indie-Autor_innen rührt daher, dass diese Leute ihre Werke in eigener Person herstellen, bewerben und verkaufen wollen. Und anders als den Zeugen Jehovas, die Klingeln putzen und artig um ein Gespräch bitten müssen, kann man den Hobbyschreiberlingen im öffentlichen Raum des Internets nicht einfach die Tür vor der Nase zuknallen. Die Vermischung von Werbung und Bewertung findet aber auch in ganz anderen Größenordnungen statt, und nicht nur beim Marktriesen Amazon: Verlagen muss es verlockend vorkommen, dass Buchblogs sich in der Regel direkt an ihre Peer-groups richten. Aus ihrer Perspektive sind Rezensionen auf Buchblogs kostengünstige Werbung, die gewissermaßen von der Zielgruppe selbst organisiert wird.

Buchblogs sind ein Medium ganz eigener Art. Die Betreiber_innen liefern sich Reading Challenges, posten regelmäßig Leselisten, veröffentlichen ihre Rezensionen simultan auf Amazon und verlosen gelesene Rezensionsexemplare. Bücher werden häufig querbeet besprochen, von Klassikern des Bildungskanons über Genreliteratur bis hin zu Ratgebern, die »positives Denken« lehren sollen, ist alles dabei. Es handelt sich gewissermaßen um eine beständige, öffentliche Dokumentation des eigenen Leseverhaltens, die damit rechnen kann, unter Gleichgesinnten auf beträchtliches (und manchmal unangenehmes, siehe oben) Interesse zu stoßen. Die Postingfrequenz ist hoch. Ganz allgemein fällt auf, dass Buchblogger_innen für ihr Hobby oft eine beträchtliche Energie aufwenden. Schnelligkeit und Flexibilität, die Dogmen der Leistungsgesellschaft, scheinen hier in extrem individualisierter Form auf, denn letztlich sind es allein die Blogger_innen selbst, die sich zu möglichst schnellem Lesen und häufigem Posten anstacheln. Beim Bloggen über Bücher gibt es keinen Druck, dem man sich nicht selbst ausgesetzt hat.

Das alles hat eine absurde Seite, zweifellos. Ich fühle mich gelegentlich an Walter Moers’ Buchhaim erinnert. Aber während die Bücherjäger der zamonischen Literaturmetropole hartgesottene Söldner sind, wirkt die Jagd nach Büchern, wie sie in der Blogszene praktiziert wird, auf geradezu irreale Weise spielerisch. Immer wieder werden Geschichten darüber kolportiert, dass heutzutage auf Messen Bücher nicht mehr abgegriffen werden, indem man sie unauffällig im eigens mitgebrachten Jutebeutel verschwinden lässt, sondern man sich einfach als Blogger_in ausgibt und nach Rezensionsexemplaren fragt. Zudem weiß niemand so genau, sicherlich auch die Verlage nicht, ob Rezensionsblogs tatsächlich einen nennenswerten Einfluss auf Verkaufszahlen haben. Und bedenkt man, dass Buchblogs immer noch ein recht neuartiges Hobby sind, dessen Zeitintensität sich vermutlich mit Schule und Studium weitaus besser vereinbaren lässt als mit Familie oder Vollzeitjob, so ist absehbar, dass sich unter den Blogger_innen in nicht allzu ferner Zukunft Ermüdungserscheinungen zeigen werden.

In einer »Ist das BuchBloggen am Ende?« betitelten Kolumne fragt sich Jürgen Eglseer von fictionfantasy.de, ob angesichts unseriös auftretender Rezensent_innen und der Flut selbstpublizierter Werke Buchblogs als Freizeitbeschäftigung nicht an ihre Grenze gestoßen sind. Für die absehbare Zukunft beantwortet Eglseer seine Frage negativ, in der sich anschließenden Diskussion wird jedoch immer wieder auf mögliche Ermüdungstendenzen hingewiesen. Marcel Bülles etwa weist darauf hin, dass es neu angelegten, von Einzelpersonen betriebenen Blogs zunehmend schwer fallen dürfte, neben einem etablierten Rezensionsportal mit umfassender Datenbank überhaupt noch aufzufallen.

Da ist zweifellos etwas dran. Nimmt man die deutschsprachige SF- und Fantasyszene im Internet als überschaubaren Ausschnitt, so lässt sich nicht übersehen, dass die Zahl der selbständigen Blogs, die sich auf das Besprechen von SFF-Neuerscheinungen konzentrieren, vergleichsweise gering ist. Diese Aufgabe wird zum größten Teil von Rezensionsportalen wie FantasyGuide, Bibliotheka Phantastika oder fictionfantasy.de übernommen. Es gibt einige Blogs (ich denke da zum Beispiel an Feenfeuer und das Fantasy-Weblog), die sich auf regelmäßige Hinweise, Interviews und Rezensionen zu Neuerscheinungen spezialisiert haben, und es würde wenig Sinn machen, wenn weitere Blogger_innen ihrem Beispiel folgen würden. Die genannten Beispiele (und einige weitere) machen ihre Sache gut, und sie nachzuahmen würde höchstens zu Redundanz führen.

Das heißt aber nicht, dass neben diesen keine weiteren Blogs Platz hätten. Im Gegenteil, ich bin der Meinung, dass die Möglichkeiten des Mediums erst zu einem geringen Teil ausgelotet sind. Der größte Vorteil des Mediums Blog liegt in meinen Augen in dem hohen Grad an Idiosynkrasie, den es ermöglicht – wenn man sich denn die entsprechende Mühe macht. In einem selbständigen, von einer oder einer kleinen Gruppe von Personen betriebenen Blog kann man schreiben, worüber man will. So eigentümlich und widersprüchlich meine Interessen sein mögen, in einem eigenen Blog kann ich mich ungehindert darüber auslassen. Blogs, die unverwechselbar und eigenständig in ihrer Perspektive, ihren ästhetischen Vorlieben und den behandelten Themen sind, kann es gar nicht genug geben. Vielleicht tragen die typischen Buchblogs mit ihren Leselisten, Challenges und fröhlichen Missachtungen von Genregrenzen, die mit der SFF-Community im Internet und ihren etablierten Strukturen nur bedingt etwas gemein haben, ja solches Potential in sich. Von der Liebe zum Lesen sind sie sichtlich motiviert. Ich fände es schade, wenn diese Form des Bloggens an den oben geschilderten Anwürfen und Schwierigkeiten eingehen würde. Eine Entwicklung müsste die Buchblogszene meiner Ansicht nach aber schon durchmachen: Weg vom Wettrezensieren von Neuerscheinungen, nach denen in ein paar Monaten kein Hahn mehr kräht, hin zur stilsicher-erratischen Eigentümlichkeit in der Auswahl der Lektüre. Gerade die spontane Wahllosigkeit der auf Buchblogs besprochenen Werke kann den Weg zu immer neuer Begeisterung für immer wieder andere Ecken und Winkel der Literatur weisen. Buchhaim ist noch nicht kartographiert, das eröffnet die Möglichkeit, schöne und gefährliche Orte zu entdecken.

* Schreibweise stets wie im Original.

Montag, 22. Oktober 2012

Jochen Schimmang

Wie seit letztem Monat bekannt, ist der diesjährige Träger des Phantastik-Preises der Stadt Wetzlar Jochen Schimmang, der für seinen Roman Neue Mitte ausgezeichnet wird. Ich finde die Wetzlarer Auszeichnung ja immer interessant, vielleicht auch deshalb, weil mir die letzten drei Preisträger_innen (vor Schimmang waren das Christiane Neudecker und Markus Orths) allesamt unbekannt sind. Ich gedenke das zu ändern und will mit Schimmang anfangen, dessen Neue Mitte in einem von einer Militärjunta beherrschten Deutschland des Jahres 2029 spielt. In Kombination mit dem Buchtitel finde ich dieses Szenario schon mal ganz amüsant und freue mich aufs Lesen.

Sonntag, 21. Oktober 2012

Neuzugänge

  • Paolo Bacigalupi, Pump Six and Other Stories
  • Lauren Beukes, Zoo City
  • Philip K. Dick, Sämtliche 118 SF-Geschichten (im Boxset)
  • Cory Doctorow, Pirate Cinema
  • Werner Fuchs (Hg.), Straße der Schlangen
  • Stephen King, Dead Zone
  • Miriam Kronstädter/Hans-Joachim Simm (Hgg.), Das Buch der Wunder. Phantastische Erzählungen (sehr schickes Teil)
  • Mercedes Lackey u.a., The Secret World Chronicles
  • Kelly Link, Magic for Beginners
  • Dies., Stranger Things Happen
  • Vonda N. McIntyre, Traumschlange
  • Robert Sheckley, Die alchimistische Ehe
  • Robert Silverberg, Die Berge von Majipoor
  • Jonas Wolf, Alles über Hobbits 
Der PKD-Schuber und Das Buch der Wunder habe ich bei 2001 gekauft, weil es dort gerade einen Rabatt für Studierende gibt. Leider habe ich erst an der Kasse erfahren, dass die Dick-Sammlung der Preisbindung unterliegt und es deshalb keinen Rabatt darauf gibt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich aber schon nicht mehr ausreichend unter Kontrolle, um den Schuber im Laden zu lassen. Das Ergebnis ist ein Loch im Geldbeutel. 

Ansonsten lässt die Liste unschwer erkennen, dass ich beim Humble eBook Bundle zugeschlagen habe. Und es ist irgendwie viel Schlangenzeug dabei. Vielleicht mache ich gerade wieder mal eine freudianische Phase durch?

Samstag, 20. Oktober 2012

Newspeak

I just came across this Mind Meld by SF Signal. It’s been online for two weeks and I primarily wanted to check out which readings Karen Lord would recommend in regard to the question »If you were creating the syllabus for a high school English Literature course, what SF/F stories do you think should be included?«—Lord’s debut novel Redemption in Indigo was given to me as a birthday present by my parents. I haven’t yet been able to read more than a few pages of it, but I have been very intrigued, and likewise now by Lord’s recommendations. I was also impressed that she was the only participant in the Mind Meld who asked the question (very appropriate for a literature class) what actually constitutes fantasy literature.

James Patrick Kelly, the Steward of Slipstream, also recommends some interesting stuff. On the other hand, I couldn’t help noticing that Bradley P. Beaulieu praises The Lions of Al-Rassan as »a story of two men who are at first on opposite sides of a brewing conflict«. That’s not quite true, because The Lions of Al-Rassan is a story of one woman and two men who are on opposing sides, and the plot is actually not about the two men struggling for the love of the woman, but about three people who are bound together by intellectual companionship and mutual interest.

Only when I started reading John C. Wright’s contribution I discovered that this Mind Meld was also good for a laugh. Wright begins by stating »The question is frankly a very difficult one. Let us analyze it...«, then, after giving his unwanted opinion about a wide range of topics, exclaims: »Ah! But there are three other purposes to education I have not mentioned.« And goes on to ramble for a dozen or two paragraphs more. Given the possibility that Wright, as a published author, actually writes novels like that (»Ah!«), I am now glad that I never read any of his fiction. I only knew that Wright is the kind of cardboard conservative who wants to come across as provocative but is merely whining, who desperately wants to be like G.K. Chesterton or Walter M. Miller (the great conservative fantasists who really had some interesting things to say), but fails because he lacks the shrewdness and the argumentative skills. In other words: I knew before that Wright’s opinions are an unwilling caricature, but now I am actually impressed, because seldom a writer has convinced me with such few lines (the other one being John Asht) that not only the content, but also the style of his writing is simply ludicrous.

But it gets even better. In the comment section, Wright says:
Ironically, the complaint against me here seems to be that what I say is so preposterous that I cannot be taken seriously, so I ought not be answered. But what is actually happening is that what I say cannot be answered (for that would require honest reason), and therefore dare not be taken seriously. [...] The problem is primarily linguistic. In Newspeak, there is no word for “honesty.” Ideas are judged on being either fashionable or not, current or not, politically useful or not.
Yes, he really says this. And he is almost right. I say almost, because it is of course not primarily a linguistic problem (as every English-speaking person with average intellect knows the meaning of the word ›honesty‹), but an ideological one. It is a rather simple process: Whenever someone says that his opinions are preposterous, Wright’s mind somehow renders this as »What I say cannot be answered, for that would require honest reason«. And I’m sure it also works the other way round. Whenever someone labels Wright’s opinions as »daring«, »rebellious«, »right, proper, normal and real«, »astonishing«, »manly« or »useful to civilization and civility« (I am merely quoting Wright’s vocabulary here), his mind will interprete the bootlicking as a display of »honest reason«.

I find this fascinating to witness. John C. Wright really can tell us something about Newspeak. After all, he is an ardent practitioner of it.

Dienstag, 16. Oktober 2012

Neuzugänge

  • Daniel Alarcón, Lost City Radio
  • Brian W. Aldiss, Raum, Zeit und Nathaniel. Science Fiction-Stories
    Bücher mit Deppenleerstelle im Untertitel sollte man ja eigentlich aus Prinzip nicht kaufen, aber gut ...
  • Otto Basil, Wenn das der Führer wüßte
  • Marion Zimmer Bradley, Hasturs Erbe
  • Michail Bulgakow, Der Meister und Margarita
    Ein gigantisches Werk, von dem ich mir schon lange eine eigene Ausgabe gewünscht habe. Anlässlich der Neuübersetzung durch Alexander Nitzberg habe ich es mir nun gegönnt. Da die neue Ausgabe saftige dreißig Öcken kostet, ist es die bereits bekannte Übersetzung von Thomas Reschke geworden.
  • Marcus Hammerschmitt, Nachtflug. Erzählungen
  • Frank W. Haubold, Wolfszeichen. Unheimliche Geschichten
  • Frigga Haug, Jedem nach seiner Leistung
    Frigga Haug kannte ich bisher nur als feministische Theoretikerin. Dass sie auch Krimis veröffentlicht, hat mich neugierig gemacht.
  • Wolfgang Jeschke (Hg.), Das Science-Fiction-Jahr 1999 
  • Fritz Leiber, Das grüne Millennium
  • Ders., Ein Gespenst sucht Texas heim
  • Alexander Lernet-Holenia, Der Graf von Saint-Germain
  • Doris Lessing, Die Terroristin
  • Oisín McGann, Im Namen der Götter
  • Abraham Merritt, Der Mondsee
  • George Orwell, Eine Pfarrerstochter
  • Edgar Pangborn, Der Beobachter
  • Christopher Priest, Der weiße Raum
    Nach der Aufregung, die der alte Knabe im Frühjahr verursacht hat, kann ich jetzt endlich mal was von ihm lesen.
  • Christoph Ransmayr, Die letzte Welt
  • James Stephens, Deirdre
  • Michael Swanwick, Stations of the Tide
  • John Wyndham, Das versteckte Volk

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Neue Tolkien-Publikation im Mai

Na so was. Ende letzten Monats habe ich mich noch gefragt, wann, wie und ob Tolkiens Artusgedicht »The Fall of Arthur« erscheinen wird. Seit einigen Tagen gibt es nun eine offizielle Ankündigung von HarperCollins, derzufolge The Fall of Arthur, herausgegeben von Christopher Tolkien, im Mai 2013 erscheinen wird. Aus dem nicht ganz kommasicheren Verlagstext:
The Fall of Arthur recounts in verse the last campaign of King Arthur who, even as he stands at the threshold of Mirkwood is summoned back to Britain by news of the treachery of Mordred. Already weakened in spirit by Guinevere’s infidelity with the now-exiled Lancelot, Arthur must rouse his knights to battle one last time against Mordred’s rebels and foreign mercenaries.
Der Band soll neben Tolkiens Versen drei Essays von Herausgeber Christopher Tolkien enthalten, in denen es um den zugrundeliegenden Sagenstoff, die Geschichte des Textes und seine Anknüpfungspunkte an Tolkiens Legendarium gehen soll.

Ein Artikel im Guardian lässt Christopher Tolkien, den zuständigen Verlagsmenschen Chris Smith und den Tolkien-Forscher John Garth zur Publikation des Gedichts zu Wort kommen. Smith scheint selber überrascht zu sein, dass es endlich zur Veröffentlichung kommen soll (»we never supposed that it would see the light of day«) – mich wiederum überrascht es nicht, dass es exzentrisch zugeht, wenn die Editionsarbeit in den Händen von Christopher Tolkien liegt.

Kenner_innen von Tolkiens Leben und Werk ist die Existenz des Gedichts vor allem aus Humphrey Carpenters Biographie bekannt, in der einige Zeilen daraus abgedruckt sind. Der Guardian-Artikel bringt nun als kleinen Vorgeschmack auf das Buch die meines Wissens bislang nirgendwo veröffentlichten ersten Zeilen von »The Fall of Arthur«.

Dienstag, 25. September 2012

Neuzugänge

  • John Barth, Der Tabakhändler
  • Josef Billen/Helmut H. Koch (Hgg.), Was will Literatur? Aufsätze, Manifeste und Stellungnahmen deutschsprachiger Schriftsteller zu Wirkungsabsichten und Wirkungsmöglichkeiten der Literatur
    Leider nur der erste von zwei Bänden.
  • Angela Carter, In der Hitze der Stadt
    Was für ein doofer Titel – es handelt sich um die deutsche Ausgabe von The Passion of New Eve.
  • Suzanne Collins, The Hunger Games
  • Dies., Catching Fire
  • Dies., Mockingjay
  • Junot Díaz, The Brief Wondrous Life of Oscar Wao
    Musste ich unbedingt auch im Original haben, nachdem mir im Sommer die deutsche Übersetzung in die Hände gefallen ist.
  • Ruth Diaz, The Superheroes Union: Dynama
  • Sascha Mamczak u.a. (Hgg.), Das Science-Fiction-Jahr 2012
    Bei einer Verlosung des SF-Fan-Portals gewonnen.
  • Leo Perutz, Mainacht in Wien. Romanfragmente – kleine Erzählprosa – Feuilletons

Sonntag, 23. September 2012

The Fall of Arthur

Im Sommer geisterte in den einschlägigen Foren und Blogs das Gerücht herum, bereits im nächsten Jahr könne Tolkiens Beitrag zur Artusepik, das Langgedicht »The Fall of Arthur«, bei HarperCollins erscheinen. Die Veröffentlichung wurde zunächst auf der französischen Amazon-Seite angekündigt (und ist mittlerweile auch auf den deutschen und englischen Seiten des Buchhandelplatzhirsches zu finden). Die Nachricht verbreitete sich dann wie ein Lauffeuer über die Mailingliste der Mythopoeic Society und diverse Foren. Während Amazon als Herausgeber Christopher Tolkien angibt, vermuteten andere eine Editionsarbeit von Carl F. Hostetter hinter der Ankündigung. Letzteres scheint mir eher Spekulation zu sein und geht wahrscheinlich auf einen älteren Foreneintrag zurück, in dem Hostetter überlegte, ob ein ihm vorliegender Manuskript-Scan von Tolkien möglicherweise ein Fragment von  »The Fall of Arthur« sei.

John Rateliff konnte berichten, dass Rayner Unwin (der erste Verleger des Lord of the Rings) ihm bereits 1985 mitgeteilt habe, eine Veröffentlichung von »The Fall of Arthur« sei in Arbeit, aber erst für die Zeit nach dem Abschluss der History of Middle-earth eingeplant. Die HoMe ist nun schon seit 15 Jahren vollständig erschienen, ein Indexband folgte vor zehn Jahren. Schwer zu sagen also, ob die Amazon-Ankündigung Folge eines langjährigen Editionsprojektes ist, ein neues, etwa von der Veröffentlichung von The Legend of Sigurd and Gudrún inspiriertes Vorhaben oder auch nur ein haltloses Gerücht. Der Verlag hüllt sich jedenfalls in Schweigen und eine unabhängige Bestätigung, dass Christopher Tolkien sich mit der Herausgabe des Gedichts befasst, gibt es ebensowenig.

Während Rateliff in dem relativ präzisen Veröffentlichungsdatum von Amazon noch Anlass zur Hoffnung sah, ist es nun seit einigen Monaten still geworden um eine mögliche Ausgabe von »The Fall of Arthur« – obwohl Amazon mittlerweile ein Erscheinen des Gedichts bereits für Oktober 2012 verheißt. Das bestätigt allerdings nur ein weiteres Mal (sorry, Mr. Rateliff), dass auf Veröffentlichungsdaten von Amazon schlichtweg kein Verlass ist. Anna Smol hat unterdessen auf ihrem Blog alles zusammengetragen, was bislang über »The Fall of Arthur« bekannt ist. Ob denn tatsächlich mit einer baldigen Veröffentlichung von Tolkiens Artusversen zu rechnen ist, wird sich dagegen wohl erst dann mit Sicherheit sagen lassen, wenn es Informationen aus berufenem Munde (vom Verlag, vom mutmaßlichen Herausgeber) gibt.

Donnerstag, 20. September 2012

Herbert Rosendorfer (1934–2012)

Soeben lese ich vom Tod des Südtiroler Autors Herbert Rosendorfer. Was für eine traurige Nachricht. Rosendorfer war ein großartiger Satiriker. Während die meisten Menschen den Zeitreiseroman Briefe in die chinesische Vergangenheit mit seinem Namen verbinden dürften (der im Übrigen auch mein erster Zugang zu Rosendorfers Werk war), ist es vor allem seine Deutsche Suite, über deren Seiten ich oft Tränen gelacht habe. Der 1972 erschienene Roman ist eine Alternativweltgeschichte, in der das bayrische Königshaus sich durch das Revolutionsjahr 1918 rettet, ein Gorilla zum Oberbürgermeister von München wird und Adenauer mit dem Gedanken spielt, das Heilige Römische Reich wiederzubegründen (mit sich selbst als Kaiser Konrad, versteht sich). Doch bietet der Roman nicht nur absurde Komik, sondern an vielen Stellen treffenden politischen Kommentar – indem er etwa früh und hellsichtig bemerkt, dass es Antisemitismus und Volkstümelei auch in der Linken gibt.

Rosendorfer hat mir Leseerlebnisse beschert, die ich nie vergessen werde. Sympathisch war er mir auch deshalb, weil er die Ironie und das Groteske viel zu sehr liebte, um im deutschen Literaturkanon je etwas anderes als eine Randexistenz führen zu dürfen. Herbert Rosendorfer ist im Alter von 78 Jahren im Krankenhaus in Bozen gestorben.

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.