Donnerstag, 22. Dezember 2011

Die Dame vom See

Vor einer Weile hatte ich einen skurrilen Gedanken – na ja, jedenfalls fand ich ihn skurril: Jahrelang war ich ein hochnäsiger und überzeugter Verächter neuerer Fantasy. Fantasy war für mich ganz klar ein eng definierter Kanon von Klassikern, der vor allem J.R.R. Tolkien, T.H. White und C.S. Lewis umfasste. Über fast alles andere im Genre rümpfte ich ignorant die Nase und hielt es für Schund. Darüber nachdenkend, warum sich diese meine jugendlich-unwissend-tumbe Haltung eigentlich verändert hat, kam mir die Erkenntnis, dass es vor allem drei Leseerlebnisse waren (jetzt kommt’s), nämlich Harry Potter, A Song of Ice and Fire und Andrzej Sapkowskis Geralt-Geschichten. Alle drei zusammen lösten in mir eine bleibende Begeisterung aus, die mich durch ihre nicht auf den Akt des Lesens beschränkte Dauer auch auf andere, vergleichbare Literatur neugierig werden oder mich Bücher, die ich bereits abgetan hatte, mit neuen Augen sehen ließ. Tja, durch solche Leseerlebnisse wird man wohl zum Fan, und wahrscheinlich ist jeder Fan (jede Fanin) im Grunde einfach das: nostalgisch.* Ich muss mich wohl daran gewöhnen, dass ich noch öfter auf diese Leseerlebnisse als etwas Entscheidendes in meinem Druckfarbenfresserleben zurückblicken werde (in my bookish life, könnte ich auf englisch sagen, denn es gibt keine vernünftige Übersetzung für bookish). Ist das schlimm? Ich glaube nicht. Das utopische Potential solcher Nostalgie ist wahrscheinlich weitaus höher als das traditionalistische Hüten und Einhegen eines Kanons – darauf bestehe ich jetzt einfach mal, um das hier nicht in eine Meditation über das Älter- und Weiserwerden abgleiten zu lassen.** Also zur Sache.

Die Dame vom See ist in jeder Hinsicht ein würdiger Abschluss für Sapkowskis Denkwürdigkeiten über den Hexer Geralt. Zum einen, weil darin all das, was die vorangegangenen Bände so großartig gemacht hat, noch einmal aufgenommen und intoniert wird. Zum Beispiel der Umgang mit Charakteren: Sapkowski ist vielleicht der erste, der ein eigentlich typisches Merkmal epischer Fantasy – eine große, geradezu unübersichtliche Anzahl von Charakteren – wirklich als Stilmittel einsetzt. Die Wesen, die Geralts Welt bevölkern sind nicht bloße Funktion für die Handlung, sondern machen diese Welt erst lebendig, so dass man wirklich keins von ihnen missen möchte. So prägnant ist noch der kürzeste Auftritt. Es bestätigt sich in Die Dame vom See auch Sapkowskis Fähigkeit, an jedes Thema auf eine Weise heranzugehen, als sei es seines. Nichts, was er anpackt, scheint zu groß zu sein. Es gibt Autor_innen, bei denen  – so mitreißend sie sonst auch erzählen – mir immer wieder auffällt, dass sie über Dinge schreiben wollen, deren Bedeutsamkeit (oder auch: deren Widersetzlichkeit aller Sinnstiftung gegenüber) ihnen nicht aufgeht. Es gibt Dinge, die man nicht einfach als eine Episode unter anderen behandeln kann, und es doch zu tun, ist eine schlimme Versuchung für Schriftsteller_innen. Bei Sapkowski ist das nie so. Wenn er über sexualisierte Gewalt, Kindersoldat_innen, Sadismus, politische Intrigen oder Völkermord schreibt – und er schreibt in den Geralt-Romanen eine Menge darüber –, dann ist das nie einebnend, verharmlosend oder Haschen nach Effekten, auch kein privilegiertes Betroffenheitsgetue. Sapkowski weiß um die Konsequenzen und versucht gar nicht erst, über die Brüche und die Wunden hinwegzugehen, als wäre nichts gewesen.

Und das ist das andere, was so großartig ist. Der Geralt-Zyklus verhält sich zur epischen Fantasy wie die besten Italowestern zum klassischen US-Western: Er nimmt einen Mythos auf, zerbricht ihn in tausend Scherben und zeigt in den ins Auge stechenden Reflektionen das Gehalt dessen, was zuvor in gewollter Naivität erzählt wurde. Diese Naivität lässt sich mit Sapkowski nicht mehr beibehalten, denn Vorsicht: Wenn man nach den Scherben greift, schneidet man sich in die Finger und es quillt Blut hervor. Erkennbar vor allem an der Schlachtenszene, die für mich den erzählerischen Mittelpunkt von Die Dame vom See darstellt und an Intensität und Gebrochenheit kaum zu überbieten ist. Sapkowski nutzt Zynismus, Gewaltdarstellung und scheiterndes Heldentum, um unerwartete Menschlichkeit zu zeigen. Bei anderen Büchern kann ich beurteilen und abwägen. Hier muss ich staunen.

Ha, jetzt fällt mir kein Schlusswort mehr ein. Braucht es vielleicht auch gar nicht, weil ich das, was ich bisher an Lob formuliert habe, damit ja ohnehin nur unterbieten kann. Hoffentlich kann ich auch weiterhin noch viel Sapkowski lesen – mehr muss ich eigentlich gar nicht sagen.

Die Dame vom See (639 Seiten) ist der siebte Band der Hexer-Saga und 2011 bei dtv erschienen. Die Übersetzung besorge Erik Simon.

* Ich glaube, Tolkien in »On Fairie-Stories« und Lewis in seiner Autobiografie beschreiben etwas ähnliches.
** Nur noch die Anmerkung für diejenigen, die mich für das lesende Äquivalent eines Unterschichtenfernsehguckers halten: Ich spreche hier von (Genre-)Fantasy. Ich lese auch andere Dinge. Unterschiedliche Literaturformen entsprechen unterschiedlichen Erwartungen und Bedürfnissen. Thomas Mann für den Deutschunterricht zu missbrauchen ist viel schlimmer, als sich diesen einfachen Sachverhalt vor Augen zu halten: Die sogenannte Hochliteratur für einzig lesenswert zu erklären ist letztlich auch nichts anderes als das Verhalten eines Parvenus, der jeden Morgen Champagner zum Frühstück säuft und das für einen Ausdruck von Noblesse hält – wäre er ein echt selbstbewusster Hedonist, würde er sich nicht auf eine so verkrampfte Gewohnheit festlegen.

Grim and Gritty: Squealing Piggies

Debatte über die Darstellung (sexualisierter) Gewalt in der Grim-and-Gritty-Fantasy. Anlass war ein Post auf Requires Only That You Hate über Joe Abercrombies Last Argument of Kings. Daraufhin entwickelte sich eine eklige Diskussion im Forum von Westeros.org.* Larry vom OF Blog, der die Diskussion durch einen Link unabsichtlich auslöste, hat einen eigenen Post zum Thema geschrieben. Einen thematischen Zusammenhang gibt es auch mit Liz Bourkes Rezension von Mark Lawrence’ Prince of Thorns und Leo Cristeas Apologie von Lawrence’ Roman. Auf Requires Only That You Hate gibt es hier und hier Entgegnungen auf die Forumsdiskussion und Cristeas Post.

Die entscheidende Frage für mich: Was geht eigentlich in all den Hirnen vor, die meinen, ausnamslos jeden Aspekt der Literatur, die sie gern lesen, zu bejubeln und bedingungslos zu verteidigen? Anders formuliert: Warum sind bloß so beträchtlich viele Fantasy-Leser_innen Fanboys im schlimmsten Sinne des Wortes, die jede kritische Betrachtung ihrer Wichslektüre** für einen inakzeptablen Angriff halten? Einfach mal innehalten und denken: Kritik ist kein Fremdwort für »Find ich irgendwie doof«. Kritik im hier relevanten Kontext heißt, einen Gegenstand (in diesem Fall Bücher) nach zuvor ausgewählten Kriterien zu überprüfen. Und ein solches Kriterium kann z.B. die Frage sein, was eigentlich die Gewaltdarstellung in all den Werken macht, die in den letzten Jahren die Diskussion über Fantasy bestimmt haben.

Problem: Ich glaube, dass immer noch weitgehend unklar ist, was die Gewalt in den Grim-and-Gritty-Fantasies eigentlich soll. Es gibt Genres, in denen Gewaltdarstellung einer mehr oder weniger deutlich erkennbaren Symbol- oder Verweisfunktion folgt. Im Splatterfilm ist die Gewalt Parodie, im klassischen Ami-Horror ist sie Metapher für all das, was Jugendliche durchmachen – in der Familie, im Umgang mit der Sexualität und in der Hölle auf Erden, der Schule. Das ist anders in den typischen Fantasies der letzten Jahre. Geht es um den Sinn ihrer Gewaltdarstellung, herrscht weitgehende Ratlosigkeit. Parodistisch ist sie erkennbar nicht, denn die splattertypische Überdrehtheit fehlt völlig. Und wenn sie metaphorisch zu verstehen sein soll, verschiebt das die Frage nur, ohne sie zu beantworten, so lange niemand zu sagen vermag, was denn der Sinn der Metapher sein soll.

Oft wird gesagt, die massive Darstellung von Metzeleien und sexualisierter Gewalt sei ein Realismuseffekt. Seltsamerweise wird das vor allem von Leuten postuliert, die selber aller nach Wahrscheinlichkeit noch nie vergewaltigt wurden und in ihrem Alltag auch nicht gerade Gefahr laufen, von marodierenden Bewaffneten zu Tode gefoltert zu werden. Also was, zum Geier, ist dann das Realistische daran? Denn man kann wohl getrost voraussetzen, dass das Prädikat »realistisch« hier im Sinne von »der Wirklichkeit entsprechend« verwendet wird. Wenn man aber auf dem Realismusprädikat für die zahlreichen Gewalt- und Vergewaltigungsszenen, welche die Fantasy nun schon seit einiger Zeit prägen, besteht und sie als notwendig verteidigt – tja, dann muss man als weißer Mittelklasse-Fanboy, der sich in seiner Freizeit an finsteren, blutigen und chauvinistischen Beschreibungen von Dingen ergötzt, die ihm selbst nie widerfahren werden, aushalten, wenn Menschen, die sich potentiell oder tatsächlich in einer ganz anderen Lage befinden, einem völlig zu recht ans Bein pinkeln. Der weiße Mittelklasse-Fanboy vergisst nämlich allzuleicht, dass auch andere Menschen Fantasy lesen und diskutieren, darunter solche, die eigene Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht haben, oder auch solche, die aus verschiedenen Gründen Empathie eher für diejenigen empfinden, welche die Gewalt abkriegen, und nicht mit denjenigen, welche die Gewalt ausüben.

Ich will nicht verhehlen, dass ich selber auch keine richtige Antwort darauf habe, was die Gewalt in der Grim-and-Gritty-Fantasy denn nun wirklich soll. Ich bin geneigt anzunehmen, dass sie Teil des programmatischen disillusionment sind, welches die Gruppe der Grim-and-Gritty-Autor_innen sich auf die Fahnen geschrieben hat: Die Auflösung vermeintlich genretypischer Konventionen wie strikte Gut-Böse-Dichotomie, generischer Handlungsverlauf mit abschließender Rettung der Welt etc. Sollte dem so sein, dann liegt dennoch auf der Hand, dass eine für diesen Zweck vorgenommene Betonung von Gewalt auch degenerieren kann. In der Tat ist das schon geschehen. Richard Morgan etwa verkauft die Inhalte des Grim-and-Gritty-Programms gern als Ausdruck von neuerlangter Reife und generellem »Erwachsensein« des Genres, und wirft denjenigen, die einen kritischeren Zugang vertreten, folgerichtig vor, sie seien kindisch.*** Damit beweist er im Grunde nur, dass er selbst geistig und emotional nicht über das Niveau eines Zwölfjährigen hinausgekommen ist (warum sonst sollte er dermaßen darauf insistieren, wie groß er schon ist), aber sein Vorgehen verfehlt seine Wirkung nicht. Es lässt sich heutzutage nicht selten beobachten, dass in der klassischen High-Fantasy-Tradition stehende Werke unter weitgehender Missachtung der Genre-Geschichte in die Jugendbuchschublade gesteckt werden. Erschienen die großen Werke der post-tolkienischen High Fantasy, wie Patricia A. McKillips Riddle-Master, Guy Gavriel Kays Fionavar Tapestry oder meinetwegen auch Terry Brooks’ Sword of Shannara, im Hier und Heute, würden sie dann auch im YA-Segment katalogisiert? Würde Richard Morgan beim Wort genommen, dann wäre die Antwort klar: Wenn darin nicht ausdauernd geflucht, gemetzelt und vergewaltigt wird, ist’s nur für Kinder. 

Es lässt sich nicht leugnen, dass ein Genre, welches ausgerechnet die plastische Darstellung von Gewalt und sexuellem Missbrauch für den Ausdruck emotionaler und intellektueller Reife par excellence hielte, ein ernsthaftes Problem hätte. Mein Eindruck ist aber, dass die Grim-and-Gritty-Fantasy mit Martin, Erikson und Bakker ihren Höhepunkt im Grunde schon hinter sich hat. Ihre Breitenwirkung hat sie mit Game of Thrones vom Romanzyklus an ein anderes Medium abgegeben. Morgans peinliche Auslassungen über Reife und Erwachsensein und Schrott wie Mark Lawrence’ Prince of Thorns sind dagegen Degenerationserscheinungen eines im Rückzug begriffenen Trends, in denen die Gewaltdarstellung vom disillusionment zum Selbstzweck geworden ist. Das wird die Fanboys natürlich auch in Zukunft nicht davon abhalten, auf jegliche Kritik mit empörtem Quieken zu reagieren (im Gegenteil). Sollen sie halt. Ich bin eher gespannt darauf, welche Fantasy nach der Grim-and-Gritty-Welle geschrieben wird, auch wenn wohl nicht damit zu rechnen ist, dass epische Sekundärwelt-Fantasy so bald wieder eine ähnliche Breitenwirkung entfalten wird, wie sie das gegenwärtig noch tut.

* Und zwar wirklich eklig. Der Thread enthält eine Menge – gewollte oder ungewollte – Verharmlosung von sexualisierter Gewalt. Kann man sich also überlegen, ob man sich so was wirklich geben will.
** Damit meine ich nicht, dass das Grim-and-Gritty-Zeug zu nichts anderem taugt als zur Wichsvorlage, sondern eher, dass die in Frage stehenden Bücher von ihren glühenden Fans häufig zu einer solchen reduziert werden.
*** So schon in seiner Attacke gegen Tolkien im Jahre 2009, und auch in der jetzigen Diskussion.

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Ja, Virginia, die Beatles kommen vom Nerdpol ...

Neuer E-Book-Verlag für deutschsprachige Fantasy am Start: Nerdpol. Nach allem, was man so hört, soll es da um Kurzgeschichten von bereits veröffentlichten Autor_innen* gehen, die im digitalen Format für mehr als 99 Cent zum Verkauf angeboten werden. Bereits veröffentlichte Autor_innen? Mehr als 99 Cent? Wenn da nicht mal eine verborgene Agenda drinsteckt! Soll E-Books, also den Billig-Callgirls der Kulturindustrie, durch geschicktes Marketing ein seriöser Anstrich verpasst werden? Handelt es sich etwa um einen Versuch zur Kartellbildung, mit dem Ziel, ein neues Preismonopol zu etablieren? Wie steht es mit den Interessen des kleinen Mannes, dessen einziger Trost nach Feierabend in einem diskreten Stündchen allein mit Bier und Kindle-Download besteht? Wird er überhaupt noch Gehör finden, wenn E-Books plötzlich mit exklusivem Material von bekannten Namen aufwarten und ihre Preise sich in schwindelerregend kurzer Zeit sage und schreibe verdreifachen? Was sagt die Politik dazu?

Drängende Fragen, die sich wohl nur beantworten lassen, wenn man selbst mal einen Blick in diese neuartigen elektronischen Bücher wirft, von denen allerorten geredet wird. Die erste Veröffentlichung des Nerdpol-Verlags ist die von Oliver Dierssen und Ole Johan Christiansen herausgegebene Anthologie Die Untoten, mit Beiträgen u.a. von Bernhard Hennen, Thomas Plischke, Victoria Schlederer und Jonas Wolf. Eines steht jetzt schon fest, meine Damen und Herren, liebe Leser_innen: Früher hätt’s das nicht gegeben.

* Anti-Missverständnis-Fußnote: Also. Nicht die Kurzgeschichten des Nerdpol-Verlags sind bereits veröffentlicht, sondern es handelt sich um neues Material von Autor_innen, die sich bereits mit Veröffentlichungen bei richtigen, echten Verlagen bekannt und beliebt gemacht haben. Also nix mit BoD im PDF-Format, sondern nur beste Ware, wie es im Szenejargon heißt.

Freitag, 16. Dezember 2011

Lovecrafts Grab

Nnedi Okorafor denkt darüber nach, wie sie damit umgehen soll, dass der World Fantasy Award, den sie in der Kategorie  »Bester Roman« gewonnen hat, ihr in Form einer Lovecraft-Büste überreicht wurde. Lovecraft war bekanntlich ein überzeugter Rassist und Antisemit. Und jemand, der durch sein eigenes literarisches Schaffen wie durch seine Netzwerker-Tätigkeit die Entstehung von SFF als eigenes Genre entscheidend geprägt hat.

Nun liegt das Problem, wie ich es sehe, nicht nur in Lovecrafts Weltanschauung. Über die wird viel gesprochen, und indem ihr menschenverachtender Charakter herausgestellt wird, findet gleichzeitig eine Art Entlastungsvorgang statt: Es ist nur allzu leicht, über Lovecrafts Rassismus zu reden und ihn gleichzeitig damit zu entschuldigen, dass Lovecraft »socially inept« gewesen sei. Gern wird dabei auch übersehen, dass Rassismus und Eurozentrismus in nahezu der gesamten frühen Fantasy gang und gäbe waren: Lange vor der US-amerikanischen Pulp-Fantasy bejubelten Rudyard Kipling, Arthur Conan Doyle und H. Rider Haggard in ihren Lost-Race-Geschichten den europäischen Kolonialismus und Imperialismus.* Vor diesem Hintergrund macht es wenig Sinn, sich Lovecraft als singulären Rassisten herauszupicken, wenn eigentlich die Geschichte des gesamten Genres kritisch bearbeitet werden müsste. Lovecraft mag seine Ansichten expliziter geäußert haben als andere, eine Ausnahme war er deshalb noch lange nicht.

Dennoch macht es natürlich Sinn, wenn eine schwarze, postkoloniale Autorin wie Nnedi Okorafor und ein marxistischer Schriftsteller wie China Miéville darüber nachdenken, wie sie mit dem Ikonenstatus des »Einsiedlers von Providence« subversiv umgehen können. Was bleibt ihnen auch anderes übrig, wenn eine Person wie Lovecraft im Jahre 2011, da von sechs nominierten Romanen für den World Fantasy Award drei von Schwarzen, vier von Frauen und zwei von Schriftstellerinnen mit einem postkolonialen Hintergrund geschrieben wurden, noch immer das gesamte Genre repräsentieren soll?

Zu verlinken ist nicht nur Okorafors Blogpost (in dem Miévilles Position zitiert wird) mit den dazugehörigen Kommentaren, sondern auch diese Diskussion auf Facebook. Außerdem wird auf den Seiten des World SF Blog debattiert. Silvia Garcia-Moreno bloggte ebenfalls zum Thema und Scott Edelman weist auf seinen älteren, aber thematisch verwandten Post hin.

Link-Update

Auf dem Blog Skalpell und Katzenklaue ist unter dem Titel »Der Gentleman von Providence und seine Ängste« eine zweiteilige Analyse von Lovecrafts Rassismus zu lesen: Teil 1, Teil 2.

* Auch ohne sich in der Leben-Lovecrafts-Forschung sonderlich auszukennen, kann man heutzutage wissen, dass Lovecraft keineswegs so menschenscheu und sozial unfähig war, wie die Sage dieses Schriftstellers es aussehen lassen will.
** Schon George Orwell musste in einem Essay über Kipling bemerken, dass über dessen Verherrlichung des Kolonialismus geredet wurde, um sie im gleichen Atemzug zu verharmlosen: Wenn Kipling drakonische Strafen, die die britischen Kolonialherren über die indischen Subalternen verhängten, in allen grausigen Details schilderte, habe er das quasi als neutraler Beobachter getan, oder aber als Kind seiner Zeit. Orwell betont zu Recht, dass es einigermaßen absurd ist, dem »Barden des Imperialismus« ausgerechnet in dieser Sache eine neutral beobachtende Position zu unterstellen.

Dienstag, 13. Dezember 2011

Konsum liegt in der Luft

Vorhin hätte ich beinahe einen Diogenes-Schuber mit den Romanen von Carson McCullers gekauft, und zwar vor allem wegen des supercoolen Autorinnenfotos auf der Rückseite, diesem hier nämlich. Nur gut, dass der Preis von 70 Öcken mich davon abgehalten hat, ewas unüberlegtes zu tun. Ihr seht, selbst in der Vorweihnachtszeit kann man sich den Verlockungen des Konsumismus entziehen. Man darf einfach nicht zu viel Geld haben.

Mittwoch, 23. November 2011

Anne McCaffrey 1926–2011

Anne McCaffrey ist vor zwei Tagen in ihrer irischen Wahlheimat gestorben. Sie war 85 Jahre alt.

McCaffrey hat als erste Frau die beiden bedeutendsten SFF-Auszeichnungen, den Hugo und den Nebula, gewonnen. Sie hat Grenzen zwischen Fantasy und SF eingerissen und damit viele Leser_innenhorizonte erweitert. Und, was vielleicht am wichtigsten ist: Sie hat unsere Vorstellungen von Drachen zutiefst verändert, vielleicht mehr als alle anderen, die ihr Schreiben dem mythischen Weltengewürm widmeten. Geht es um kreative Neuinterpretationen bekannter Sagengeschöpfe, sind McCaffreys Drachen einzigartig.

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Donnerstag, 17. November 2011

»A Literary Genre Dominated by Nostalgia for Medieval England«

Laura Miller hat mit N.K. Jemisin und David Anthony Durham über afroamerikanische Fantasy gesprochen und einen Artikel darüber auf Salon.com veröffentlicht: »If Tolkien Were Black«. Lesenswert, besonders auch die Kommentare. Jemisin hat den Artikel auf ihrem Blog noch einmal ergänzt, worauf weitere interessante Kommentare eintrafen. Und dann gibt es noch (ebenfalls auf Jemisins Blog) eine Spin-off-Diskussion über die Notwendigkeit (?) von Held_innen in der Fantasy, angeregt durch eine Bemerkung von Foz Meadows.

Laura Miller, die diesen Stein ins Rollen brachte, ist übrigens die Autorin von  The Magician’s Book, in dem sie ihre kritische Liebe zu C.S. Lewis’ Chronicles of Narnia beschreibt. In ihrem Buch findet sich eine wundervolle Aussage, die mich sofort neugierig werden lässt: »When I finally came back to Narnia, I found that for me, it had not lost its power or beauty, or at least not entirely. [...] What I am not, however, is a Christian; for all the countless times I have re-read Lewis’ books, they have never succeeded in converting me.« Lesen, aber sich nicht bekehren lassen – ob das auch ein möglicher Umgang mit dem weitreichenden Eurozentrismus der Fantasy ist? Auf jeden Fall ist es kein hinreichender Umgang, denn dann würde man sich den Genuss von – um nur einige Beispiele zu nennen – Nnedi Okorafor, Liliana Bodoc oder Nisi Shawl versagen.

Mittwoch, 9. November 2011

Zivilisationskritik und Rassismus in den Tarzan-Romanen

Edgar Rice Burroughs’ Afrika ist unter anderem insofern eine kuriose Sache, als dass seine Geographie konsequent an die den Tarzan-Romanen zugrundeliegende Tiefenideologie angepasst ist. Stellt man sich eine Karte dieses fiktiven Afrika vor, lässt sich ein von der Wüste eingenommener nördlicher Teil von dem nahezu völlig mit Dschungel bedeckten Rest unterscheiden. Im Nordteil gibt es arabische Sklavenhändler und französisches Militär, dass die Sklavenhändler jagt. Im Dschungel dagegen gibt es Großwild, Mangani,* schwarze (oft kannibalische) »Stämme« und dekadente, von der Außenwelt abgeschlossene Hochzivilisationen wie Opar und Xuja. Und es gibt natürlich Tarzan.

Die Romane spielen zur Kolonialzeit, wodurch sofort die Frage aufkommt, wie denn die europäischen Kolonien in dieses Afrikabild passen. Kolonien werden verschiedentlich erwähnt, besonders wenn die Romanhandlung vor dem Hintergrund eines historischen Ereignisses wie des 1. Weltkriegs spielt. Aber man gewinnt den Eindruck, die Kolonien seien nicht viel mehr als schmale besiedelte Landstreifen an den Küsten des Kontinents gewesen – dringt Tarzan nur ein Stück weit ins Landesinnere ein, ergibt sich sofort wieder das im vorigen Absatz geschilderte Bild. Dennoch ist der Kolonialismus in den Tarzan-Geschichten nicht abwesend, sondern taucht gewissermaßen in idealisierter Form wieder auf, wie ich zeigen möchte.

Die Tarzan-Romane sind essentiell Zivilisationskritik. Tarzan nimmt die Zivilisation (hier stets mit der westlichen Kultur gleichgesetzt) als unehrlich, verdorben und intrigant wahr. Hat es ihn in seinem Umgang mit der Zivilisation wieder einmal besonders schlimm erwischt, streift er ihre Schale ab und kehrt in den Dschungel zurück, um dort als wildes Tier zu leben. Im Unterschied zur oft verwirrenden und enttäuschenden Zivilisation läuft das Leben im Dschungel nach einer einfachen Regel ab, die als »Gesetz des Dschungels« bezeichnet wird und nichts anderes besagt, als dass der Stärkere – eben kraft seiner Stärke – stets auch der Würdige ist.** Das »Gesetz des Dschungels« ist simpler Vulgärdarwinismus, exemplifiziert in dem typischen Vorgang, mit dem man König eines Mangani-Stammes wird: indem man den vorherigen König im offenen Kampf besiegt.

Diese Einfachheit des »Gesetzes des Dschungels«, die wirklich niemanden überfordern dürfte, ist charakteristisch für die Zivilisationskritik der Tarzan-Romane, die sich mit einem Zitat von Leibniz zusammenfassen lässt:
Wir müssen indessen zugeben, daß es wichtige Dinge gibt, in denen die Barbaren uns übertreffen, vor allem an Körperkraft; und selbst in bezug auf die Seele kann man sagen, daß in gewissem Maße ihre praktische Moral besser ist als unsere, weil sie weder die Habsucht kennen, Reichtum anzuhäufen, noch den Ehrgeiz, zu beherrschen [...] Es gibt bei uns mehr Gutes und mehr Schlechtes als bei ihnen. Ein böser Europäer ist viel böser als ein Wilder; denn er verfeinert das Schlechte.***
Die Zivilisation verfeinert also die Elemente, die bei den Anderen, den Unzivilisierten, in einfacher, reiner und ursprünglicher Form angelegt sind. Auf die rassistische Konfiguration der Tarzan-Geschichten passt Leibniz’ Barbarenphantasie mit einer Exaktheit, die erstaunlich ist: Gut sind Tarzans Unzivilisierte, denn sie sind großzügiger, ehrlicher und berechenbarer als die Europäer_innen. Schlechtes gibt es ebenfalls bei ihnen, denn sie sind blutrünstig und jähzornig. Diese letzteren Eigenschaften sind aber nicht eigentlich »böse«, denn im direkten Vergleich zu den »Unzivilisierten« sind die europäischen Bösewichter der Tarzan-Geschichten nie einfach nur brutal, sondern stets auch hinterlistig, geldgierig und auf alle erdenklichen Weisen perfide. Schurken wie die russischen Spione Rokoff und Pawlowitsch (die Hauptantagonisten der unmittelbar auf Tarzan of the Apes folgenden Bände) oder die deutschen Offiziere in Tarzan the Untamed sind auf verfeinerte Art und Weise schlecht, mithin böse im Sinne Leibniz’. Auch die kolonialen Siedlungen an den Küsten Afrikas werden oft als wahre Nester der Verkommenheit geschildert, bewohnt von Betrügern und Verbrechern. Schwarze Charaktere weisen solche Eigenschaften dagegen nur auf, wenn sie bereits mit der Zivilisation in Berührung gekommen sind. Ist dies nicht der Fall, sind sie zwar »wild« und »gräßlich«, aber nicht böse.

Es wird gelegentlich behauptet, die Darstellung der Schwarzen in den Tarzan-Romanen sei einseitig oder schematisch. Das stimmt nicht, denn es suggeriert, die Form der Darstellung hätte irgendetwas mit denjenigen zu tun, die in den Tarzan-Geschichten auf rassistische Weise dargestellt werden. Es führt aber schlechthin kein Weg von dieser Darstellung zu wirklichen schwarzen Individuen, es sei denn, man übernimmt die Schemata der rassistischen Konfiguration und bestätigt sie damit ein Stück weit (indem man etwa annimmt, die schematische Darstellung lasse sich durch eine differenziertere Sichtweise korrigieren). Vielmehr kommt es darauf an, die rassistische Konfiguration, auf der die Tarzan-Geschichten beruhen, selbst in den Blick zu nehmen.

Auffällig ist in der Tat zunächst, dass die meisten auftretenden Gruppen als äußerst homogen geschildert werden. Araber sind fast immer verschlagene Plünderer und Sklavenhändler – ein Bild, von dem nur in ganz wenigen Szenen (beispielsweise in The Return of Tarzan) abgewichen wird. Die von der Außenwelt vergessenen Hochzivilisationen, denen Tarzan auf seinen Streifzügen im Dschungel hin und wieder begegnet, zeichnen sich meist durch eine einzige hervortretende Charaktereigenschaft ihrer Bewohner_innen aus. Die Menschen von Xuja etwa sind ohne Ausnahme dem Wahnsinn verfallen, und die Nachfahren der Atlantiden in Opar sind körperlich und geistig degeneriert, weil sie sich mit Affen vermischt haben.†

Die Charakterisierung der schwarzen »Stämme« scheint im direkten Vergleich dazu eher widersprüchlich zu sein. Tarzan the Untamed etwa unternimmt auf den ersten Seiten große Anstrengungen, die Schwarzen als wehrlose Opfer der deutschen Truppen in Ostafrika darzustellen, aber nur wenige Kapitel später werden Schwarze schon wieder als kriegerische, nach Blut lechzende Kannibalen gezeichnet. Blättert man noch etwas weiter, stößt man auf den Charakter Otobu. Der ist zwar Angehöriger des zuvor eingeführten Kannibalenvolkes, wurde jedoch in Xuja versklavt und erweist sich bei Tarzans Fluchtplänen aus der Stadt als treuherziger Helfer. Der Widerspruch zwischen sanftem, hilfsbereiten Opfer und wildem Menschenfresser ist nur ein scheinbarer, wenn man zur Kenntnis nimmt, wie sehr die Tarzansche Zivilisationskritik auf dem Grundsatz beruht, dass die »Unzivilisierten« eben beides sind: unverfälscht gut und unverfälscht schlecht. Was ihnen fehlt, sind lediglich die Feinheiten der Zivilisation.

Daraus folgt, dass Tarzans Zivilisationskritik keineswegs mit einer Ablehnung des Kolonialismus einhergeht. Sie ist im Grunde genommen nicht einmal eine generelle Ablehnung der Zivilisation, denn dass sie das Gute zu verfeinern vermag, wird der Zivilisation hoch angerechnet: Ausdrücklich wird vermerkt, dass Tarzan von der Zivilisation gelernt hat, sich Frauen gegenüber als ritterlicher Beschützer aufzuspielen, und ähnliches lässt sich wohl von den Aufwallungen patriotischer Gefühle sagen, die Tarzan angesichts der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen britischen und deutschen Truppen in Ostafrika überkommen. Gegenüber den gewöhnlichen Zivilisierten verfügt Tarzan jedoch über zwei entscheidende Vorzüge: Er hat die dekadente, verfeinerte Bösartigkeit der Zivilisation durchschaut und zurückgewiesen, und er beherrscht das »Gesetz des Dschungels«.

Die Bedeutung von letzterem wird insbesondere in The Return of Tarzan und The Son of Tarzan deutlich. In ersterem Roman trifft Tarzan auf das Volk der Waziri, dem er in seinem Kampf gegen arabische Sklavenhändler und Elfenbeinjäger beisteht. Er erweist sich dabei als hervorragender Krieger, so dass die Waziri ihn – gemäß dem »Gesetz des Dschungels« – als ihren Häuptling anerkennen. Auf ganz ähnliche Weise, einfach indem er sich als der Stärkere und mithin Würdige erweist, unterwirft sich Tarzan nicht nur verschiedene Stämme von Mangani-Affen, sondern in The Beasts of Tarzan auch einen Leoparden und in Tarzan the Untamed einen Löwen (der bezeichnenderweise einer fiktiven Löwenrasse mit schwarzem Fell angehört). In The Son of Tarzan haben Tarzan und Jane sich auf einer weitläufigen Farm in Ostafrika angesiedelt, wo er als unangefochtener Souverän über die Waziri herrscht. Sein Wort hat geradezu rechtsetzendes Gewicht, so dass Sklavenhändler und Elfenbeinjäger um Tarzans Gebiet einen weiten Bogen machen. Der weiße Krieger, der nach dem »Gesetz des Dschungels« die Herrschaft über seine Bewohner_innen erlangt hat, ist zum Kolonialherren en miniature geworden – und zwar ein Kolonialherr, den das Verdikt über die Zivilisation nicht trifft, denn er verkörpert zwar die »gute« Seite der Zivilisation, seine Autorität über die »Unzivilisierten« rührt aber (anders als die Anmaßungen der dem »Bösen« der Zivilisation verfallenen Küstenstädte und arabischen Sklavenhändler) aus der Souveränität, mit der er sich den Dschungel nach dessen eigenen Regeln unterwirft. Welches größere Recht könnte man für sich in Anspruch nehmen, wenn man sich berufen fühlt, die »Unzivilisierten« zu regieren, als das Recht des Dschungels selbst? Man bemerke außerdem, dass Tarzan es erst als Besitzer ausgedehnter Ländereien und Herrscher der Waziri schafft, den inneren Konflikt zu überwinden, in den ihn seine Anhänglichkeit an das »Gute« der Zivilisation einerseits und seine Bewunderung für das simple und brutale »Gesetz des Dschungels« andererseits gestürzt hat.

Hat Tarzan sich solchermaßen der Herrschaft als würdig erwiesen, was macht dann seine Untertanen würdig, von ihm beherrscht zu werden? Beherrscht werden muss, könnte man sagen, wer sich nicht selbst zu helfen vermag. Eine Bevölkerung unterwirft man, indem man argumentiert, sie sei ansonsten einer Bedrohung von außen schutzlos ausgeliefert. Im kolonialen Diskurs war diese Bedrohung das Gespenst der arabischen Sklavenhändler, die angeblich die wehrlosen Schwarzen zu Tausenden in die Knechtschaft verschleppten. Die Wirkung dieses Phantasmas, das weithin der historischen Grundlage entbehrt, war im 19. Jahrhundert enorm. In ganz Europa bildeten sich humanitäre Vereine, die den »kolonialen Gedanken« unterstützten und zur Bekämpfung der arabischen Sklavenhändler Spenden sammelten.†† Die mit ans Absurde grenzender Festigkeit vertretene Vorstellung, man müsse aus humanitären Gründen einen ganzen Kontinent unterwerfen, ist ebenso skurril wie erschreckend, aber die Omnipräsenz der arabischen Sklavenhändler in den Tarzan-Romanen erklärt sich nur zu gut aus diesem kolonialen Ideologem.

Auch die spezifischen Charakteristika von Tarzans Untertanen, den Waziri, sind keineswegs eine Pulp-Erfindung, sondern weisen direkt in die koloniale Ideologie zurück. In The Return of Tarzan heißt es über die Waziri:
Beim Tanz der Krieger im Feuerschein wurde Tarzan wieder von ihrem schönen Körperbau und den regelmäßigen Gesichtszügen beeindruckt – die für die Eingeborenen der Westküste typischen flachen Nasen und dicken Lippen fehlten völlig. Die Männer sahen intelligent und stolz aus, das Äußere der Frauen war oftmals sehr einnehmend.†††
Die schmalen Lippen und markanten Nasen der Waziri stammen aus der Hamitentheorie, mit der bis ins 20. Jahrhundert hinein die Existenz staatlicher Strukturen im subsaharischen Afrika begründet wurde. Da gemäß der herrschenden Meinung die afrikanische Urbevölkerung nicht in der Lage gewesen sein durfte, solche Strukturen herauszubilden, schrieb man diese einer eingewanderten »hamitischen Rasse« zu, der die sogenannten negroiden »Rasse«-Merkmale (flache Nasen, dicke Lippen) fehlten, und die – solchermaßen biologistisch herausgehoben – zu höheren Kulturleistungen in der Lage gewesen sein sollte. Um die Theorie von der Existenz einer hamitischen Rasse zu stützen, erfand man sogar eine eigene hamitische Sprachfamilie. Der Schluss liegt nahe, dass die Waziri sich durch ihren höheren biologischen Status als Untertanen qualifizieren, während die sonstigen in den Geschichten vorkommenden Schwarzen ausschließlich als hilfsbedürftige Opfer (sofern sie von äußeren Mächten verfolgt werden) oder als Feinde (sofern sie Kannibalen sind) auftreten.

Das koloniale Trauma, also der historische Kolonialismus, glänzt in den Tarzan-Romanen durch Abwesenheit. Ersetzt wird es durch einen kolonialen Traum, mit Tarzan als idealem Kolonialherrn und den Waziri als idealen Kolonisierten, die gemeinsam und in klarer hierarchischer Ordnung gegen ideale Feinde antreten.

* Die Menschenaffen, die Tarzan großziehen. Es handelt sich um eine fiktive Spezies mit eigener Sprache und politischer Organisation, die keineswegs gleichzusetzen ist mit Schimpansen (wie Greystoke: The Legend of Tarzan es in künstlerischer Freiheit darstellt) oder Gorillas (wie es die Disney-Fassung tut).
** Ich glaube, ich muss nicht erklären, warum ich an dieser Stelle die maskuline Form verwende.
*** Gottfried Wilhelm Leibniz, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, Frankfurt 1961, § 20.
† Die Angst vor dem Hybriden, die zugleich zu einem guten Teil Faszination ist und bis heute umgeht, nahm bis ins 18. Jahrhundert hinein bizarrerweise die Form der Befürchtung an, die menschliche Gattung könne sich mit Tieren kreuzen und dadurch ihre Überlegenheit verlieren. Vgl. dazu Léon Poliakov, Der arische Mythos. Zu den Quellen von Rassismus und Nationalismus, Hamburg 1993, S. 174ff. Burroughs’ Atlantiden scheinen ein später Nachhall dieser lüsternen Angstphantasie zu sein.
†† Vgl. dazu Adam Hochschild, Schatten über dem Kongo. Die Geschichte eines fast vergessenen Menschheitsverbrechens, Stuttgart 2000.
††† Edgar Rice Burroughs, Tarzans Rückkehr, Leipzig 1994, S. 147.

Montag, 31. Oktober 2011

Das Jahrhundert der Hexen

Wenn ich mich recht erinnere, war Das Jahrhundert der Hexen von Marina und Sergej Dyachenko die erste russische Fantasy, die nach dem Erfolg von Wächter der Nacht in deutscher Übersetzung erschien. Zwischen den Wächter-Romanen und Metro 2033 gingen die Dyachenkos allerdings ziemlich unter.

Das Jahrhundert der Hexen spielt in einem namenlos bleibenden Herzogtum, das sich technologisch etwa auf dem Stand der 1990er Jahre befindet. Die Menschen leben dort auf ziemlich angespannte Weise mit verschiedenen übernatürlichen Wesen zusammen. Diese sind zunächst die titelgebenden Hexen, deren Handlungen und Motivationen für die Menschen völlig undurchschaubar und erschreckend sind. Während manche Hexen sich unauffällig und angepasst verhalten, treten andere den Menschen mit Hass und scheinbar wahllos ausbrechender Gewalttätigkeit gegenüber. Gewöhnlich einzelgängerisch und chaotisch, warten die Hexen auf das Erscheinen der Mutterhexe, eine messianische Figur, die ihre ›Kinder‹ zu einer Gemeinschaft zusammenschweißen soll. Zur Überwachung der Hexen hat sich eine übermächtige Inquisitionsbehörde gebildet, die als Staat im Staat weitgehend unabhängig von äußeren politischen Vorgaben agiert, während in ihrem Inneren zahlreiche Intrigen und Fraktionskämpfe ausgetragen werden. Angehende Hexen können sich bei der Inquisition registrieren lassen. Sie verzichten damit auf ihre Initiation (damit ist gewissermaßen die Aktivierung ihrer Hexenkräfte gemeint) und sind vor Verfolgungen sicher. Andererseits werden sie ständig überwacht und kommen auch nicht in den vollen Genuss staatsbürgerlicher Rechte.

Neben den Hexen gibt es die Njauken – Frauen, die von den Toten zurückgekehrt sind und Männer, die sie zu Lebzeiten geliebt haben, ebenfalls in den Tod locken wollen. Die Erzfeinde der Njauken sind die Tschugeister, Dämonen, welche eine Art Polizeitruppe bilden und die Njauken erbarmungslos verfolgen. Anders als mit den Hexen scheint es kein noch so gewaltförmiges und prekäres Auskommen zwischen den Behörden des Herzogtums und den Njauken zu geben: Stoßen die Tschugeister bei einer Razzia oder einer Straßensperre auf eine Njauka, wird sie sofort mittels eines rituellen Tanzes, den allein die Tschugeister beherrschen, vernichtet.

Im Roman finden sich zwei Handlungsebenen. Die Haupthandlung, in der Gegenwart angesiedelt, erzählt von den Bemühungen des Großinquisitors Klawdi Starsh, den wachsenden Gewalttätigkeiten einiger Hexen, die die Ankunft der Mutterhexe vorbereiten wollen, entgegenzutreten. Ihm zur Seite steht die gegen ihren Willen in die Ereignisse verwickelte Ywha, eine junge, nicht-initiierte Hexe, die gleichwohl beharrlich die Registrierung durch die Inquisition verweigert. Klawdi deckt Ywha, weil sie mit dem Sohn seines Jugendfreundes Juljok verlobt ist, zieht sie aber zugleich in seine Ermittlungen gegen die Hexenverschwörung hinein, in der er massiv Folter einsetzt.

Dieser Handlungsstrang ist etwas überfrachtet. Neben der actionreichen Auseinandersetzung zwischen Inquisition und Hexen will er auch noch die Entwicklungsgeschichte Ywhas sein, die mit ihrem Hexenstatus ebenso hadert wie mit dem Inquisitionsapparat. Sie ist beständig hin- und hergerissen, vor sich selbst ebenso auf der Flucht wie vor den Zumutungen der Behörden. Ebenfalls erzählt werden will die Geschichte von Klawdi, dem kaltschnäuzigen alten Großstadtbullen, der im Umgang mit Ywha sich selbst neu kennen lernt. Das alles ist ziemlich viel, weshalb ich beim Lesen gelegentlich den Eindruck hatte, dass die drei Handlungselemente sich gegenseitig im Weg stehen. Sie verlieren zudem stark an einem erzählerischen Manko, welches viele Geschichten heimsucht: Man ahnt zu einem frühen Zeitpunkt der Lektüre, worauf alles hinausläuft und wie das Finale ungefähr aussehen wird.

Eingeflochten zwischen die Haupthandlung findet sich die episodisch erzählte Jugendgeschichte Klawdis, der eine leidenschaftlich-morbide Liebesbeziehung zu einer Njauka führte, bevor er zum zynischen Inquisitor wurde, der nichts und niemanden an sich heranlässt. Die Charaktere treten in diesem Handlungsstrang weitaus plastischer hervor, alles wirkt klarer und fokussierter. Fast empfindet man die Haupthandlung als störende Unterbrechung dieser Geschichte, die schaurig darstellt, wie Klawdi am Verlust seiner Geliebten und seinen Gefühlen scheitert.

Am Ende hat man das Gefühl, man wäre bereits ausreichend bedient worden, wenn Das Jahrhundert der Hexen sich auf eine der beiden Handlungsebenen beschränkt hätte. Stilistisch ist der Roman übrigens sehr eigenständig, weit über dem Gros der Fantasy angesiedelt. Und überfrachtet mag er sein, das Lesen lohnt sich irgendwie trotzdem.

Das Jahrhundert der Hexen von Marina & Sergej Dyachenko (441 Seiten) erschien 2008 bei Piper. Die Übersetzung stammt von Christiane Pöhlmann.

World Fantasy Award für Nnedi Okorafor

Nnedi Okorafor ist für Who Fears Death, ihren ersten Roman für Erwachsene, mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet worden. Wow! Bei der diesjährigen Nominiertenliste in der Kategorie »Bester Roman« hätten aber auch fast alle Nominierten den Preis verdient: Neben Okorafor standen u.a. Lauren Beukes, N.K. Jemisin, Guy Gavriel Kay und Karen Lord auf der Liste. Da konnte schlichtweg nichts schiefgehen! Dass die Wahl auf Okorafor gefallen ist, freut mich trotzdem besonders. Eine höchst verdiente Auszeichnung für eine tolle Autorin.

Freitag, 28. Oktober 2011

Die Vlogs und der Zauberstab

Begonnen hat es mit einem Link im Bibliotheka-Phantastika-Forum. Der führt zu einem Gespräch, das das FAZ-Feuilleton mit Harun Maye führte. Der Medientheoretiker echauffiert sich darin vor allem über Buchbesprechungen in Videoblogs, in denen er die »ästhetische Ideologie oder den Warencharakter der Literatur« gepriesen sieht. Viel mehr als dieses Naserümpfen findet sich in Mayes Auslassungen auf den ersten Blick nicht, wenn man von der unappetitlichen Zurschaustellung von Altmännergeilheit, in die das Gespräch mündet (Frauen im Internet hätten auf Youporn und nicht auf Youtube ihren Ort, so wird angedeutet), einmal absieht.* Da Mayes Attacke überdies auf Genreliteratur und die damit verbundene Praxis der »Rezension von Usern für User« allgemein abzielt, fühlen sich große Teile der SFF-Gemeinde zu recht davon angegriffen. Erwiderungen auf das FAZ-Geschnösel wurden daher von Juliana Socher im Bibliotheka-Phantastika-Blog und von Madame Books formuliert. Diskussionen haben sich vor allem auf dem BP-Blog und auf Google+ entspannt, daneben gibt es leider auch Reaktionen, die sich in Empörung erschöpfen.

Aber was ist jetzt eigentlich noch das Problem, über das diskutiert wird? Vor allem ist es Zurückhaltung gegenüber der Art und Weise, wie auf Vlogs (aber auch in Amazon-Rezensionen etc.) mit Büchern umgegangen wird. Und in der Tat ist Reni, deren mäandernde Auslassungen über Stephenie Meyer und Charlaine Harris auf überraschende Art in den Mittelpunkt dieser Debatte gerutscht sind, ein Paradebeispiel für den Typ Literaturverwertung, in dem Bücher kaum noch von Lippenstiften, Haartönungen und Hello-Kitty-Accessoires zu unterscheiden sind. Für Harun Maye und Oliver Jungen, seinen Stichwortgeber vom Feuilleton, natürlich ein gefundenes Fressen, denn nichts anderes ermöglicht den Gralshütern der Hochkultur schließlich, ihren Zeigefinger zu erheben: Bücher dürfen nicht wie Waren behandelt werden, und wenn die Vloggerinnen es doch tun, so mögen sie den Kulturverlust verantworten, diese sozialdemokratisierten Wohlstandskinder ... Nichts anderes besagt die hochkulturelle Sottise des Herrn Medientheoretikers nämlich, wenn man erst durch die stilsicher platzierten Erwähnungen der Kritischen Theorie und Hans Blumenbergs hindurchsieht.

Unsere Gesellschaft charakterisiert sich dadurch, dass sie Waren produziert. Die Gesamtheit der gesellschaftlichen Verhältnisse fällt daher weitgehend mit dem zusammen, was gemeinhin Kapitalismus genannt wird. Das ist ein Sachverhalt, der von den Tafelsilber-Konservativen des Feuilletons und ihrer Zielgruppe zwar bereitwillig akzeptiert wird, den sie jedoch niemals eingestehen würden – schlicht und einfach deshalb, weil sie in einer ideologischen Sonntagsstube leben, in dem man vom Kapitalismus profitiert, gleichwohl aber die Nase über ihn rümpft. Dazu gehört unweigerlich ein Weltbild, in dem man meint, durch eifriges Zauberstabwedeln die ganze Kulturindustrie, die Frauen- und Geheimbundliteratur und so weiter, einfach austreiben zu können, während das, was in Abgrenzung dazu »Kultur« genannt wird, auf wundersame Weise gerettet wird und bestehen bleibt. Es ist nur verständlich, dass Maye und Jungen verstört sind, wenn Reni in ihrem Vlog erzählt, wie sie sich letztens bei Amazon oder Thalia ein Buch gekauft hat und schon hundert Seiten davon gelesen hat. Sie selbst bekommen Bücher als Rezensionsexemplare vom Verlag geschickt und glauben deshalb, diese seien allein für sie geschrieben und veröffentlicht worden.

Bücher sind Waren. Sie sind es ebenso wie Lippenstifte, Nagellacke und Qualitätszeitungen. Praktisch jedes Buch, dass gelesen wird, ist irgendwann einmal durch Lohnarbeit produziert und als Ware vergesellschaftet worden, um Mehrwert zu erzeugen. Ja, gelegentlich wird mit Büchern sogar Profit erwirtschaftet, was Harun Maye als besonders anrüchig gilt, während der Bestsellerlistenschrott von Joanne K. Rowling, Charlaine Harris und Stephen King subversiven Konsument_innen wie mir oft genug ein perverses Vergnügen bereitet. Wenn Vlog-Rezensionen auch sonst zu nichts gut sein mögen, dann sind sie es wenigstens dazu, dass sie diesen zentralen Sachverhalt klarer hervortreten lassen als irgendeine andere Form der Literaturverwertung. Das macht sie mir allemal sympathischer als die Auslassungen von Zeitgenossen wie Maye und Jungen, die auf ihre Art naiver sind als sämtliche Vloggerinnen dieser Welt.

* Maye ist Jahrgang 1973. Aber Altmännergeilheit scheint, ebenso wie kindliche Freude, ein weitgehend altersunabhängiges Phänomen zu sein.

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Iä!

Über Mark Charan Newtons Blog habe ich soeben diese interessante Seite mit Cthulhu-Illustrationen und -Artwork aufgestöbert. Man beachte die hybride Beeinflussung des Stoffes durch Godzilla- und King-Kong-Traditionen und die unterschiedlichen Versionen, die Cthulhu auf dem Uncle-Sam-Poster zeigen. Am besten gefällt mir persönlich aber dieses Bild von Cyril Van Der Haegen.

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Der letzte Tempelritter

Der letzte Tempelritter ist eigentlich zwei Deutschordensritter. Zumindest sind die beiden Hauptfiguren des Films, der im Original Season of the Witch heißt, Ritter des Deutschen Ordens, und zwar nicht die letzten. Das wäre auch ziemlich komisch, denn der Film spielt in der Mitte des 14. Jahrhunderts, und den Deutschen Orden gibt es bis heute (er hat sogar eine – allerdings wenig spektakuläre – Homepage). Zu Tempelrittern werden die beiden Deutschherren also erst in der deutschen Filmfassung. Da ist wohl jemandem entgangen, dass der Templerorden 1312, einige Jahrzehnte vor der Handlungszeit des Films, aufgelöst wurde. Aber egal, wenn es nur das wäre ...

Ist es aber nicht. Der Film beginnt mit einem Prolog, der etwa hundert Jahre früher spielt. Ein Priester lässt drei mutmaßliche Hexen an einer Brücke aufknüpfen. Hexenverfolgungen dieser Art waren zwar für die frühe Neuzeit und nicht für das Mittelalter typisch, aber egal. Die Henkersknechte lassen die Hexen nach ihrer Hinrichtung ins Wasser fallen. Der Priester bittet sie, die drei Hexen wieder ans Trockene zu holen, da er sie nach der Hinrichtung noch mit irgendwelchem Ritualbrimborium traktieren müsse. Die Henkersknechte machen aber lieber Feierabend, sehr zum Schaden des Priesters, der prompt von den untoten Hexen heimgesucht wird.

Nach diesem Vorspiel werden wir in die Geschichte der beiden Deutschordensritter Behmen (Nicolas Cage) und Felson (Ron Perlman) eingeführt. Sie müssen für ihren Orden zahlreiche Schlachten in Kleinasien schlagen, was ihnen zunehmend auf die Nerven geht. Während des Heiden-Abschlachtens werden sie nämlich ohne Unterlass mit nervigen Durchhaltepredigten ihres Vorgesetzten traktiert, die überdies theologisch höchst bedenklichen Inhalts sind. Die Muslime, die von den Rittern so ausdauernd bekämpft werden müssen, werden darin nämlich als Häretiker bezeichnet. Nach christlich-mittelalterlicher Auffassung wären sie natürlich keine Häretiker, sondern Heiden – aber egal. Nach einer Weile wird Behmen und Felson die ständige Metzelei zuviel und sie desertieren. Der Film scheint sich die Ordensritter des Hochmittelalters wie moderne Soldaten vorstellen, die sich auf eine bestimmte Dienstzeit verpflichten, dafür einen Sold erhalten und strafrechtlich verfolgt werden, wenn sie versuchen abzuhauen. Aber egal.

Behmen und Felson kehren ins christliche Abendland zurück und landen in der Steiermark. In der entsprechenden Szene wird gezeigt, wie die beiden am Ufer eines Meeres entlangwandern, was ausnahmsweise einmal nicht egal sein muss, denn ich wollte zwar schon die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, fand aber mit Hilfe einiger Klicks durch die entsprechenden Wikipedia-Artikel heraus, dass die Steiermark im Mittelalter tatsächlich noch bis zur Adria reichte. In der Steiermark also wütet die Pest. Behmen und Felson müssen sich als Deserteure bedeckt halten, begeben sich aber trotzdem nach Maribor, um Pferde zu kaufen. Ein Stalljunge erspäht zufällig das Wappen des Deutschen Ordens auf Behmens Schwertknauf und denunziert die beiden flüchtigen Ritter. Woher ein Stalljunge das Wappen des Deutschen Ordens kennen soll, das muss uns wiederum egal sein, wenn wir nicht die Nerven verlieren wollen.

Nun werden die beiden vor den in der Stadt residierenden Kardinal (Christopher Lee) geführt. Maribor war meines Wissens im Mittelalter noch kein Bischofssitz, weshalb ein Kardinal dort eigentlich nichts zu suchen hat, aber ... egal, seine Eminenz will die gefallenen Ritter begnadigen, wenn sie einen gefährlichen Auftrag übernehmen: Sie sollen Eckhart, einen Ritter in den Diensten des Kardinals, und Debelzaq, einen jungen Priester, dabei unterstützen, die Hexe Anna in ein nahegelegenes Kloster zu überführen. Anna hat gestanden, das Ausbrechen der Pest bewirkt zu haben, und soll in dem Kloster exorziert werden, was zugleich der Seuche ein Ende setzen soll. Ebenfalls bei der Mission dabei ist der Reliquienfälscher Hagamar, der als einziger den Weg durch den gefährlichen Wald kennt, den der kleine Trupp nehmen muss. Kurz nach dem Aufbruch schließt sich den sechsen noch Kay an, ein Messdiener des Kardinals und Sohn eines Ritters, der unbedingt selber ein Ritter werden möchte.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürfte klar sein, der Film ist historisch gesehen von vorne bis hinten totaler Bockmist, aber er ist eigentlich auch kein Historienfilm. Stattdessen haben wir eine kleine Gruppe von Helden und eine gefährliche Queste, die typischen Ingredienzen generischer Fantasy. Und als Fantasyfilm erweist Der letzte Tempelritter sich denn auch. Die Heldengruppe hat ein paar obligatorische Abenteuer zu bestehen, darunter die Überquerung einer morschen Hängebrücke (kann man immer machen, wenn einem nichts besseres einfällt) und ein Angriff monströser Wölfe (LotR lässt grüßen), bevor sie schließlich das Kloster erreicht. Da sind die Helden zahlenmäßig schon ordentlich dezimiert und die Hexe hat bewiesen, wie sehr sie ihnen das Leben schwer machen kann, da sie über gewaltige Körperkräfte verfügt. Im Kloster spielt sich dann das Finale ab, welches noch einmal deutlich fantasylastiger ist als der bisherige Film.

Auch über das bislang Beschriebene hinaus schenkt der Film den Details mittelalterlichen Lebens keine Beachtung. Stattdessen häufen sich die Anachronismen und Absurditäten: Felman z.B. trinkt Schnaps aus einem Flachmann und kann mit seinem Dolch Armbrustbolzen abwehren. Kay kämpft aus irgendwelchen Gründen stets indem er sein Schwert an der Schneide festhält. Die zu Beginn gezeigten Schlachten werden allesamt unberitten geschlagen, obwohl es sich bei den Protagonisten eingestandenermaßen um Ritter handelt – Schlachtszenen lassen sich halt leichter filmen, wenn man einfach einen Haufen kostümierte Fußgänger aus zwei Richtungen aufeinander zurennen lässt. Auch die Pest wird nicht realistisch dargestellt. Die von der Seuche Befallenen sehen wie die pickel- und eiterbeulenübersähten, krummbuckligen Monster in 300 aus (oder auch einfach nur lächerlich, wenn sie zu stark ausgeleuchtet werden). Muss man all diesen Bullshit auch als Fantasy-Bestandteile akzeptieren? Wenn ja, dann ist es schlechte Fantasy.

Was gibt es sonst noch zu sagen? Die Kampfszenen sind mies, die Effekte sehen billig aus, die Ausstattung der DVD ist schlecht (nur deutsche Untertitel, die gelegentlich auch noch falsch übersetzen). Ron Perlman, eigentlich der bessere Schauspieler, kann sich neben Nicolas Cage, der den charismatischen Goodie geben soll, kaum entfalten. Perlman sagte in einem Interview zum Film übrigens tatsächlich folgendes: »Im actually more comfortable being a sidekick, because I dont get blamed if it is a complete disaster.« Was soll ich sagen? Nachdem ich den Film gesehen habe, kann ich dieser Aussage nur achselzuckend zustimmen.

Freitag, 21. Oktober 2011

Boualem Sansal im Interview

Es geht in meinen Romanen immer um Identität und Freiheit. Diese zwei Begriffe sind für mich Synonyme. Aber es gibt häufig den Irrtum, dass sich die Identität im Ursprung finden lässt. Dabei ist gerade das Gegenteil wahr: Identität ist ein Endpunkt. Wenn man auf dem Territorium danach sucht, dann hat das nichts mit Identität zu tun. Die Identität befindet sich in der Zukunft, man geht darauf zu. Die eigene Identität kann man nicht »wiederfinden«, man weiß ja ohnehin, woher man kommt, dazu braucht man höchstens ein paar Dokumente. Nein, was an der Identität beängstigend ist, ist, wohin man geht: Was wird man sein?
Interview mit Boualem Sansal in der letztwöchigen Jungle World (Nr. 41, 13. Oktober 2011).

Dienstag, 11. Oktober 2011

Carl Amerys Werk

Christian Mayer alias Carl Amery (1922–2005) ist vielleicht der bedeutendste deutsche Science-Fiction-Autor, aber Sekundärliteratur zu seinem Leben und Werk ist äußerst dünn gesät. Der von Joseph Kiermeier-Debre herausgegebene Begleitband zu einer Ausstellung über Amery, die 1996 in der Münchner Stadtbibliothek zu sehen war, bildet die Ausnahme, die die Regel – vorläufig? – bestätigt.

Carl Amery – »... ahnen, wie das alles gemeint war« enthält neben bio- und bibliografischen Daten zahlreiche Faksimiles und Fotos, vor allem aus Kindheit und Jugend des Autors. Leider sind diese in dem Band nur in Schwarzweiß reproduziert. Daneben sind verschiedene Texte von und über Amery abgedruckt. Am interessantesten scheinen mir dabei, wie immer, die Kuriositäten zu sein: So etwa eine deutlich von Chesterton beeinflusste historische Kriminalgeschichte, im alten Rom spielend, die Amery als Schüler verfasste – Jahrzehnte später wird Amery, dann schon ein bekannter Essayist und Autor, Chestertons Romane in deutscher Übersetzung herausgeben. Von besonderem Interesse sind auch einige Stücke, die Amery teils noch während des Krieges schrieb und in der unmittelbaren Nachkriegszeit unter dem Namen Christian Schneller* veröffentlichte. Bereits in diesen frühen Schreibübungen blitzen typische Themen und Stilmerkmale auf, die Amerys gesamtes schriftstellerisches Leben begleiten sollten. Insbesondere gilt dies für die erwähnte Histo-Krimi-Erzählung und die dramatische Szene »Die Front von Oklahoma 1944«, die in einem Kriegsgefangenenlager spielt. Beide Stücke widmen sich einer Tätigkeit, die Amery literarisch vorzüglich beherrschte: der Entlarvung der falschen Attitüden und der Scheinheiligkeit, die den Mächtigen in ihrer Selbstgewissheit anhaftet.

Ganz interessant sind auch einige abgedruckte Rezensionen Amerys – zu Enzensberger und Ernst Blochs Prinzip Hoffnung –, daneben findet sich aber auch bereits bekanntes, wie etwa Hans Werner Richters Porträt des Gruppe-47-Genossen aus dem Etablissement der Schmetterlinge und Schlüsselstellen aus Amerys Hauptwerken.

Eingeleitet und abgeschlossen wird der insgesamt sehr lesenswerte Band mit einigen Worten des Herausgebers Kiermeier-Debre, der Amery mit Jean Paul und Achim von Arnim in Verbindung bringt und ihn mithin – keineswegs unpassend – in eine Tradition (nach-)aufgeklärter Romantiker stellt.

Carl Amery – »... ahnen, wie das alles gemeint war«. Ausstellung eines Werkes (238 Seiten) wurde von Joseph Kiermeier-Debre herausgegeben und erschien 1996 bei Paul List.

* Schneller ist der Mädchenname von Amerys Mutter.

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Acacia III: Karte muss sein!

Gestern erschien The Sacred Band, der dritte und abschließende Teil von David Anthony Durhams Acacia. Zum feierlichen Anlass hat Durham die im Band enthaltene Karte auf seine Website gestellt. Mir läuft bei dem Anblick ja das Wasser im Mund zusammen. Fast bereue ich, mich entschieden zu haben, auf die deutsche Übersetzung zu warten.* Die in diesem Herbst mit Boualem Sansal, Walter Moers und Umberto Eco besonders ergiebige Bücherernte ist wohl das einzige, was mich momentan davon abhält, stante pede ein Exemplar von The Sacred Band zu bestellen ...

* Dieser Entschluss sollte eine Belohnung für den deutschen Verlag sein, der sich entschiedenen hat, diese vom Gros der heute erscheinenden epischen Fantasies so verschiedene Trilogie herauszubringen. Was für eine unvorsichtige Selbstverpflichtung ...

Dienstag, 4. Oktober 2011

Der Friedhof in Prag

In wenigen Tagen, am 8. Oktober, erscheint Umberto Ecos neuer Roman Il cimitero di Praga in deutscher Übersetzung, die wie gewohnt von Burkhart Kroeber stammt. Viel Aufsehen hat die Aussicht auf den neuen Eco-Schmöker, der die Entstehung der infamen Protokolle der Weisen von Zion zum Thema hat, in Deutschland nicht erregt. Dabei könnte es nach Erscheinen des Romans ähnlich kontrovers zugehen wie in Italien.

Dort hat der Osservatore Romano, das offizielle Blatt des Vatikan, Il cimitero di Praga gründlich verrissen. Das ist an sich nicht weiter verwunderlich. Eco ist in Italien als scharfer Kritiker der Klüngelei zwischen katholischem Klerus und konservativer Politik bekannt. Anwürfen von kirchlicher Seite ist er seit langem ausgesetzt, wahrscheinlich schon seit er sich als junger Intellektueller, im Zuge seiner Auseinandersetzung mit Thomas von Aquin, von der Kirche entfremdete. Ein dogmatischer Religionskritiker mit antiklerikalem Beißreflex ist Eco dennoch nicht geworden, wie sein respektvoller Dialog mit Carlo Maria Martini, dem aufgeschlossenen Kardinal von Mailand, zeigt.* Konservativ-katholische Kreise – auch im deutschen Sprachraum – interessiert das allerdings nicht sonderlich, und so fragt das Magazin Katholisches erwartungsvoll geifernd: »Ist Umberto Ecos neuer Roman ›Der Friedhof von Prag‹ antisemitisch?« Begründet wird die Suggestivfrage vor allem mit der Besprechung im Osservatore Romano, aus der aber ausgerechnet eine Passage zitiert wird, in der die Rezensentin Lucetta Scaraffia sich über die negative Darstellung kirchlicher Würdenträger im Roman entrüstet – womit auch schon klar sein dürfte, wo der Hund begraben liegt. Unter den großen deutschen Tageszeitungen übernahm – wenn ich die Sache richtig überblicke – bislang nur die Welt diese Sicht der Dinge. Und auch das ist wenig überraschend.

In Italien glaubt aber anscheinend niemand, der bei Verstand ist, Eco wolle im Ernst den Antisemitismus relativieren oder ihm sogar Vorschub leisten. Der Autor äußert sich seit langem kritisch zum Antisemitismus (z.B. hier im Magazin Cicero), auch seine Auseinandersetzung mit den Protokollen der Weisen von Zion dauert schon länger an.** Anfang des Jahres weilte Eco als Gast der Jerusalemer Buchmesse in Israel und erteilte zu dieser Gelegenheit Boykottforderungen gegen den jüdischen Staat eine scharfe Absage.***

Einige Besorgnis wurde von jüdischer Seite anlässlich der Veröffentlichung von Il cimitero di Praga dennoch geäußert. Der Oberrabinner von Rom, Riccardo di Segni, fragte sich, ob die ausführliche Darstellung antisemitischer Argumentationsweisen nicht potentiell gefährlich sei, auch wenn die Absicht dabei in der Entlarvung des Antisemitismus liege. Zudem veröffentlichte die jüdische Historikerin Anna Foa in den Pagine Hebraiche eine kritische Rezension, in der sie urteilte, der Roman wirke letztlich eher verwirrend als aufdeckend. Umberto Eco selbst beschreibt die Reaktionen der jüdischen Kritiker_innen in diesem Interview mit der Frankfurter Rundschau.****

Das nun sind im Grunde genau die richtigen Anfragen, die man an einen Roman mit dem erklärten Ziel, die Quellen des modernen Antisemtismus zu entmystifizieren, stellen muss. Bleibt zu hoffen, dass es nicht das Gekollere reaktionärer Kirchenfürsten und klerikaler Publizistik sein wird, welches die Debatte dominieren wird – sollte sich in Deutschland eine solche um den neuen Eco entspannen –, sondern die klugen Fragen.

* Das Gespräch zwischen Eco und Martini ist in dem Band Woran glaubt, wer nicht glaubt? (Zsolnay, Wien 1998) dokumentiert.
** Eco schrieb z.B. ein Vorwort zu Das Komplott von Will Eisner.

*** Westliche Schriftsteller_innen sehen sich immer wieder Druck von antizionistischer Seite ausgesetzt, keine israelischen Literaturpreise zu akzeptieren. In diesem Jahr betraf dies v.a. Ian McEwan, der trotz der Boykottforderungen den renommierten Jerusalem-Preis für Literatur entgegennahm.
**** Nebenbei äußert er darin seine treffende Meinung zum Ratzingerpapst: Dieser Mann ist kein großer Intellektueller, sondern ein grober Vereinfacher.

Dienstag, 20. September 2011

(Red) Card for Homophobia

Schon ein paar Tage älter ist die Nachricht, dass Orson Scott Cards Prosa-Nacherzählung des Hamlet-Stoffes für einiges Aufsehen gesorgt hat. Gelinde gesagt. Denn in seiner Novelle Hamlet’s Father meint Card, Hamlets Probleme rührten daher, dass sein Vater schwul gewesen sei. Und Card erzählt darin anscheinend noch mehr Blech, nämlich wie einige weitere Charaktere, die als Kinder von Hamlets Vater sexuell missbraucht wurden, im Erwachsenenalter schwul werden — und zwar weil sie als Kinder missbraucht wurden.* Hamlet’s Father ist zuvor bereits als Anthologiebeitrag erschienen. Im April hat Subterranean Press die Novelle in einem Hardcover-Band neu herausgebracht. Die überwiegend ablehnenden Reaktionen – die mal verärgert, mal spöttisch (Lynch verarscht Card) und mal mit der lakonischen Empfehlung verbunden sind, besser Shakespeare zu lesen – haben den Verlag zu einer Pressemitteilung veranlasst. Darin heißt es allerdings nur lahm, man habe nicht damit gerechnet, die Neuveröffentlichung würde kontrovers aufgenommen, nachdem dies bei Erstveröffentlichung in der Anthologie The Ghost Quartet (herausgegeben von Marvin Kaye) nicht geschehen sei. Nun ja. Als professioneller Verlagsmensch weiß man in der Regel schon, dass eine gebundene Einzelausgabe von der Kritik schärfer ins Auge gefasst wird als ein Beitrag zu einer Storysammlung.

Zur Information: Orson Scott Card betrachtet sich selbst als Anhänger der Demokratischen Partei. Man könnte jedoch vermuten, dass er das nur tut, um für den erzkonservativen Politstrunz, den er regelmäßig von sich gibt, mehr Aufmerksamkeit zu erhalten. Card befürwortet z.B. Liberalisierungen des Waffenrechts und Kriege als Mittel der Außenpolitik. Insofern fällt nicht einfach vom Himmel, was Card über Homosexualität von sich gibt. Bereits 2004 behauptete er in seiner Kolumne »Civilization Watch«, Homosexualität entstehe durch Missbrauchserlebnisse in der Kindheit. 2009 wurde er Vorstandsmitglied der National Organization for Marriage, einer evangelikalen Lobby-Organisation, die sich ausschließlich mit homophobem Stuss wie dem Kampf gegen die gleichgeschlechtliche Ehe befasst. Von so was kommt es dann wohl auch, dass Card überflüssige Bücher mit komischen Ideen wie Hamlet’s Father schreibt.

Und während Card selbst für seine Fans mehr und mehr zur Enttäuschung wird, haben Autor_innen, die es anders machen wollen, mit groben Problemen zu kämpfen. Rachel Manija Brown und Sherwood Smith wandten sich mit einer YA-Fantasy an eine Agentur. Die teilte ihnen mit, so jedenfalls die beiden Autorinnen, das Buch könne nur unter der Bedingung veröffentlicht werden, dass ein schwullesbischer Viewpoint-Charakter rausgestrichen würde. Die Autorinnen wandten sich an die Öffentlichkeit, ohne die Agentur namentlich zu nennen. In der Folge meldete sich eine ganze Reihe von Schriftsteller_innen, die von ähnlichen Konfrontationen berichten konnten.** Eine Literaturagentin, die für die fragliche Agentur tätig ist, antwortete Brown und Smith, indem sie sie rundheraus bezichtigte, zu lügen und nach Aufmerksamkeit zu trachten. (Selbst wenn Browns und Smiths Version der Ereignisse nicht oder nicht ganz zutreffen sollte – eine in Ton und Inhalt angemessene Antwort sähe wohl anders aus, würde ich sagen.) Darauf wiederum gab es eine Reihe von Tweets und Blogposts, in denen die Erklärung »Alles nur gelogen!« deutlich bezweifelt wird. Eine Zusammenfassung der ganzen Diskussion findet sich hier.

Was auch immer das Ergebnis dieser Debatte sein wird: Solange Typen wie Card sich in der Fantasy als Platzhirsch aufführen können, wundern mich Ereignisse wie die von Brown und Smith berichteten überhaupt nicht.

* Die Angaben zum Inhalt entnehme ich diesem Blogpost von Adam Whitehead. Selbst habe ich Cards Novelle nicht gelesen und werde es wohl auch nicht tun. Wegen Shakespeare. Und wegen Cards reaktionärer Blödheit.
** Nicola Griffith weist auf ein Interview aus dem letzten Jahr hin, in dem sie von einer ähnlichen Erfahrung, wie Brown und Smith sie hatten, ausführlich berichtet.

Montag, 19. September 2011

Gesellschaft für Fantastikforschung & Villa Fantastica

Die Gesellschaft für Fantastikforschung hat ihre neue Homepage gelauncht, deren Vorzüge (u.a. englisch-deutsche Zweisprachigkeit) gleich auf der Startseite erläutert werden. Zudem ist seit einiger Zeit das vorläufige Programm für die Jahrestagung der Gesellschaft, die vom 29. September bis zum 1. Oktober in Salzburg stattfindet, in englischer Sprache verfügbar. Das Thema lautet  »New Directions of the European Fantastic after the Cold War«. Als Referent_innen treten u.a. Frauke Bode, Uwe Durst, Helmut W. Pesch und Lars Schmeink auf, um nur einige Namen zu nennen. Zudem gibt es eine Lesung von Markus Orths, dem diesjährigen Träger des Phantastik-Preises der Stadt Wetzlar.

Als zweite Neuigkeit ist die offizielle Eröffnung der Villa Fantastica in Wien bekanntzugeben, die am 4. Oktober stattfinden wird. Die Villa Fantastica, nahe des Schlosses Schönbrunn im Stadtteil Hietzing gelegen, stellt neben der Wetzlarer Phantastischen Bibliothek eine zweite amibitionierte Spezialbibliothek zur phantastischen Literatur im deutschsprachigen Raum dar. Im Unterschied zu der Wetzlarer Unternehmung will man in Wien den Sammlungsschwerpunkt auf Science Fiction legen. Auch die Herausgabe einer Schriftenreihe ist angedacht. Das transsilvanische Gewässer wünscht dem Projekt viel Glück und große Resonanz!

Sonntag, 11. September 2011

Deutscher Phantastik-Preis 2011

Die Hauptrunde zum diesjährigen Deutschen Phantastik-Preis ist beendet, und ich habe brav meine Stimmen abgegeben.
  • In der Rubrik »Bester deutschsprachiger Roman« sticht aus der altbekannten Herrenrunde (Heitz, Marzi, Meyer...) Ju Honisch hervor. Kriegt meine Stimme.
  • Unter den Nominierten für das »Beste deutschsprachige Romandebüt« kenne ich nur Carsten Zehm, und der hat mich nun nicht gerade vom Hocker gerissen. Da hilft nur Enthaltung.
  • »Bester internationaler Roman«: Ich bin Gaiman-Fanboy.
  • Von den »Besten deutschsprachigen Kurzgeschichten« habe ich leider keine gelesen, also wiederum Enthaltung.
  • In der Kategorie »Beste Kurzgeschichten-Sammlung« bin ich für die von Hans-Stephan Link herausgegebene Weltentor-Trilogie zu haben. Die sieht schick aus und enthält in ihrem Fantasy-Band (die beiden anderen Bände widmen sich den Genres SF und Mystery) einen Beitrag der von mir sehr geschätzten Heike Korfhage.
  • »Beste Serie«: Nix für mich dabei. Für solche Fälle hätte ich gern einen Button, den man anklicken kann, wenn man alle Nominierungen öde findet.
  • »Bester Grafiker«: Nicht mein Metier, deshalb Enthaltung.
  • Unter den »Besten Sekundärwerken« stimme ich dieses Jahr aus spontaner Zuneigung für Hither Shore, das Jahrbuch der Deutschen Tolkien-Gesellschaft.
  • »Bestes Hörbuch/Hörspiel«: Wie bei »Bester Grafiker«. Hörbücher sind einfach äußerst selten mein Ding.
  • Mit dem gelungenen Relaunch und dem tollen neuen Blog ist die »Beste Internet-Seite« für mich dieses Mal die Bibliotheka Phantastika.
Möge der Sieg den Außenseiter_innen gehören.

    Freitag, 9. September 2011

    Der Dunkle Turm – Verrat

    Wir erinnern uns: In Der lange Heimweg, dem zweiten Band der Graphic Novel zu Stephen Kings Dunklem Turm, wird Rolands, Alains und Cuthberts gefahrvolle Flucht aus Mejis gezeigt. Im dritten Band, Verrat betitelt, beginnt nun ein neuer Spannungsbogen. Der Handlungsort ist nun Gilead, der Sitz von Rolands Vater Steven Deschain, wo es zu allerlei Intrigen und Verwicklungen kommt, während John Farson, der geschworene Feind Steven Deschains und seiner Revolvermänner, seine Banden mordend und brandschatzend durchs Land ziehen lässt, um schließlich Gilead selbst in den Würgegriff zu nehmen.

    Roland ist durch die Ereignisse in Mejis und ihre Nachwirkungen zu einem düster vor sich hin brütenden Jugendlichen geworden, voller Hass auf die Feinde Gileads und gleichzeitig fasziniert von ihren Machenschaften. Seine Freunde Alain und Cuthbert werden seit ihrer Rückkehr von den anderen Revolvermann-Zöglingen aus Neid gemieden. Rolands Mutter, Gabrielle Deschain, ist weiterhin Wachs in den Händen von Gileads verräterischem Hofzauberer Marten. So weit die altbekannten Charaktere. Neu eingeführt wird Aileen Ritter, eine Nichte des rüpeligen Revolvermann-Ausbilders Cort. Die androgyne Schönheit wurde von ihrem Onkel ausgebildet und ist eine hervorragende Schützin. Cort wollte dem elternlosen Mädchen damit die Möglichkeit geben, sich in der großen, bösen Welt notfalls selbst verteidigen zu können. Aileen sieht die Sache etwas anders. Sie will sich nicht mit der ihr beschiedenen Frauenrolle zufrieden geben und ein Revolvermann werden. Ihre Ausbildung durch Cort sieht sie als ersten Schritt in diese Richtung.

    Stärker als je zuvor wird in Verrat deutlich, wie unglaublich patriarchal die Welt des Dunklen Turms ist. Die Revolvermänner von Gilead sind ja nichts anderes als ein Ritterorden mit dem Auftrag, die Schwachen zu beschützen. Und die Schwachen sind anscheinend vor allem Frauen, die sich diesen Schutz gefallen zu lassen haben. Entsprechend nimmt sich das Gros der Frauengestalten aus Kings Zyklus auch eher klischeehaft und traditionell aus: Gabrielle Deschain ist das schwache, verführbare Weib par excellence. Rolands Geliebte Susan Delgado ist dermaßen ätherisch und anbetungswürdig, dass ihr im Grunde gar nichts anderes übrig bleibt, als einen frühen und unschuldigen Tod zu sterben. Die Hexe Rhea ist archetypisch alt, vertrocknet und neiderfüllt. Wirklich interessante weibliche Figuren sind im Grunde nur Susannah Dean und Coral Thorin. Da kommt ein Charakter wie Aileen Ritter gerade recht, und ich hoffe sehr, dass sie in den weiteren Bänden nicht zur Randfigur degradiert wird.

    Das Team hinter Verrat ist das gleiche wie bei den beiden Vorgängerbänden. Und wie schon in Der lange Heimweg gibt es auch im vorliegenden Band jede Menge Nerd-Infos als Anhang zur Geschichte. Diesmal über Frauenrollen in Mittwelt und den Oriza-Kult (bekannt aus Wolves of the Calla, dem fünften Band der Romanreihe), über die Kleinen Schwestern von der Rose, über die Manni sowie über Giftmorde und Rätselwettbewerbe in Mittwelt. Das kann man mögen, muss man aber nicht. Ich finde die kurzen Texte mal mehr, mal weniger interessant. Aber letztlich sind es ja die bunten Bildchen und die Story, auf die es hier ankommt. Und die wissen nach wie vor zu überzeugen.

    Verrat von Stephen King (Idee), Robin Furth (Story), Peter David (Skript), Jae Lee & Richard Isanove (Zeichnungen) ist 2010 bei Heyne erschienen. Die Übersetzung besorgte Wulf Bergner.

    Mittwoch, 7. September 2011

    on the ſubway

    one day · on the ſubway · a dragon came in • very ſilently indeed · ſilent as a leaf of linden tree · drifting · falling in a ſummer breeze • he · the dragon · ſtepped lightly · lithe · and carefully • wound his way through · paſſing by unſeeing commuters unſeen · roared his wafting bellow unheard • the greenness of his ſcaly armour · the greatness of his · caught a child’s eye • his beauty · rippling like a ſeaweed · a ſtreaming banner · took the child away · left it unbreathing · for as long as it takes a dragon · to pass through a ſubway car • as a parting gift · he granted the ſmall girl · a deep look into his eyes · alive with ſtillness · breathing reſt • until he proceeded · to ſilently · with great warmth of heart · to disintegrate the train · into a ſtunning fiery flaming inferno

    Dienstag, 30. August 2011

    Der lange Heimweg

    Der zweite Band (bzw. die zweite Miniserie) des Dark-Tower-Comics setzt unmittelbar dort ein, wo der erste Band Der Dunkle Turm aufhörte. Geschildert wird die gefahrenreiche Flucht von Rolands Gefährten Alain und Cuthbert, die den bewusstlosen Roland zurück nach Gilead, die Hauptstadt von Mittwelt, bringen.

    Basierte der erste Band auf den im Roman Wizard and Glass im Rückblick erzählten Ereignissen, so stammt die Story von Der lange Heimweg komplett aus der Feder von Robin Furth. Auch sonst ist das Team identisch mit dem des Vorgängerbandes: Peter David skriptet, Jae Lee und Richard Isanove zeichnen. Da gibt’s nix zu meckern: Inhaltsmäßig bietet der Band die schöne Möglichkeit, Rolands Kumpel Bert und Alain etwas näher und nicht nur in Statistenrollen kennenzulernen. Und optisch wissen mich Lees düstere Bilder, die ich seltsamerweise als statisch und filmreif-dynamisch zugleich empfinde, schwer zu begeistern.

    Quasi als Anhang enthält der Band drei von Robin Furth verfasste Texte. »Willkommen im Dogan« ist eine Episode aus dem Leben von Rolands mythischem Vorfahren Arthur Eld. Mit ihrem aufgesetzten Märchenton wirkt die kurze Erzählung eher ungewollt komisch als sagenhaft. Für Dark-Tower-Fans ist sie dennoch von Interesse: Furth verfasste bekanntlich den Companion zu Kings Zyklus, und  »Willkommen im Dogan« bestätigt die Vermutung, dass sie vornehmlich damit beschäftigt ist, Kings mit den letzten Romanbänden zunehmend wirrer und verwickelter werdende Mythologie mit einer narrativen Struktur zu versehen. So wird hier einiges nachvollziehbar, was King in den Romanen auf widersprüchliche Weise ausführt oder nur andeutet. Die beiden folgenden Texte, »Die Mutanten von Mittwelt« und »Die Anrufung der Wächter« sind in erster Linie companionmäßiger Nerdstuff, der von Richard Isanove hübsch illustriert wurde. Außerdem gibt es Hintergrundinformationen über das böse Firmenimperium North Central Positronics, über Dogans und das Schloss des Scharlachroten Königs, des evil overlord aus dem Dark-Tower-Multiversum; eine nette Karte von Endwelt; sowie kurze Nachworte von Robin Furth und Peter David.

    Das Schlusswort des Skripters ist besonders amüsant: Fan-Kritik an seinen Dialogen will David mit der Bemerkung abschmettern, er schreibe doch genau wie Stephen King, und wenn die Fans ihm Mecker gäben, meckerten sie in Wirklichkeit am Meister selbst rum. So gibt’s also zum Schluss sogar noch was zu lachen. Das steigert die Vorfreude auf Band III.

    Der lange Heimweg von Stephen King (Idee), Robin Furth (Story), Peter David (Skript), Jae Lee & Richard Isanove (Zeichnungen) ist 2009 bei Heyne erschienen. Die Übersetzung besorgte Wulf Bergner.

    Sonntag, 28. August 2011

    Steinaecker über Spiegelman

    Thomas von Steinaecker, Autor der flashigen Kolonialfantasy Schutzgebiet, hat fürs Springer-Feigenblatt Die Welt eine lesenswerte Rezension zu Art Spiegelmans 9/11-Comic Im Schatten keiner Türme verfasst.

    Verlagsseite

    Mittwoch, 24. August 2011

    Jorge Luis Google

    Google ehrt heute Jorge Luis Borges, der an diesem 24. August seinen zweiundelfzigsten Geburtstag gefeiert hätte, mit einem eigens gestalteten Logo. Wie auch immer man zu dem argentinischen Meister stehen mag, ob man ihn wegen seiner scharfsinnig-visionären Essays und Kurzgeschichten vergöttert oder wegen seiner politischen Irrwege verdammt – der große Phantast hat es schwerlich verdient, post mortem zum Werbegimmick eines phantasieresistenten Online-Dienstleisters zu werden. Was kommt als nächstes? Millionen supporten auf Facebook, dass der Dalai Lama den Literaturnobelpreis erhält? YouPorn vergibt alljährlich den Thor-Kunkel-Preis an besonders treue User? PI-News lässt Botho Strauß markenrechtlich schützen, um den anschwellenden Bockssänger fortan als Maskottchen verwenden zu können?

    Zu Vicco von Bülows Leben und Werk

    »Es wird in keinem meiner Filme irgendwo gelacht, nirgendwo.«
    Loriot war bekanntermaßen der einzige konservative Intellektuelle von Format, den die Bundesrepublik je hatte. Viel weniger anerkannt ist die Tatsache, dass Loriot auch ein Meister der satirischen SF (»Möpse auf dem Mond«), der Social Fantasy und des Horrors (»Schweifträger« & »Blinddarm-Operation am Küchentisch«) sowie der dystopischen Kurzform (»Weihnachten bei Hoppenstedts«) war.

    Dienstag, 23. August 2011

    Von den Sandalen zur epischen Fantasy und zurück

    Im Zuge der vom Clarkesworld Magazine veranstalteten Autor_innendiskussion über epische Fantasy hat David Anthony Durham Bemerkenswertes über den Zusammenhang zwischen seinem Hannibal-Roman Pride of Carthage und seiner Fantasy-Trilogie Acacia gesagt:
    I’d written [...] Pride of Carthage [...]. It was epic. Leaving that novel, I wanted another epic. The world building I’d done for the ancient world got me craving writing in an imagined world where I had more freedom to mash things together that were never mashed together in actual human history. How could I write a novel that mixed opium addiction with the Atlantic slave trade in a pre-industrial world that includes Nordic, African, European and Asian inspired cultures in the same empire, and introduce a foreign invasion that endangers them all, despite their differences?
    In der Tat habe ich beim Lesen von Pride of Carthage häufig über den Zusammenhang des Romans mit der Acacia-Trilogie nachgedacht. Einiges in Pride erschien mir wie eine Vorankündigung dessen, was Durham in Acacia dann mit erzählerischer Wucht und großem Einfallsreichtum entfaltete: der langsame, sorgfältige Aufbau der Handlung, die vielfältigen Charaktere, die subtilen Hinweise auf Rassismus und die Widersprüchlichkeit von Imperien.

    Es wird wirklich höchste Zeit, dass Pride of Carthage eine deutsche Übersetzung bekommt. Die Darstellung der Schlacht von Cannae (komplett aus der Perspektive eines karthagischen Fußsoldaten geschildert), gehört m.E. zu den grandiosesten Szenen, die Durham geschrieben hat. Weit entfernt von den trivialen Fließbandveröffentlichungen, die den Namen historischer Roman kaum verdienen, merkt man jeder Seite von Pride of Carthage an, dass Durham bei der erzählerischen Verarbeitung historischer Stoffe der Imagination den höchsten Stellenwert einräumt. Der Schritt zur epischen Fantasy, den Durham nach dem Hannibalroman ging, erscheint somit nur folgerichtig.

    Umso interessanter, dass Durham als sein nächstes Projekt einen Roman über Spartacus angekündigt hat. Nachdem Durham den Weg vom historischen Roman zur epischen Fantasy gegangen ist, bin ich höchst gespannt, wie seine Erfahrungen mit Acacia sich auf eine Rückkehr zu den Feinden des römischen Imperiums auswirken werden.

    Mittwoch, 17. August 2011

    The Skrayling Tree

    Selten habe ich mich in letzter Zeit so durch ein Buch gequält. The Skrayling Tree ist die Fortsetzung von The Dreamthief’s Daughter: A Tale of the Albino, dessen deutsche Übersetzung ich vor einem Jahr ziemlich abgefeiert habe. Entsprechend hochgespannt waren meine Erwartungen an den Folgeband. Und ich kann noch nicht einmal behaupten, enttäuscht zu sein. Eher bleibt von der Lektüre ein Gefühl gepflegter Langeweile zurück.

    In The Dreamthief’s Daughter durfte das geneigte Publikum die Abenteuer Graf Ulric von Beks im Naziland verfolgen. Zu Beginn von The Skrayling Tree ist der 2. Weltkrieg vorbei. Graf Ulric und Oona, die Tochter der Traumdiebin, haben geheiratet und sind beide für die UNO tätig, um den NS-Gräueln humanistischerweise etwas entgegenzusetzen. Im Urlaub wird Ulric, der sich auf verzweifelte Weise seine Skepsis vor dem Übernatürlichen zu bewahren versucht, in eine andere Welt entführt. Im gleichen Moment taucht der sinistre Johannes Klosterheim, einer der Hauptschurken des ersten Bandes, erneut auf. Oona beschließt, ihrem Mann in die andere Welt zu folgen, um ihn zu retten. Und dann hören wir ungefähr 250 Seiten lang überhaupt nichts mehr von Ulric oder über den Grund seiner Entführung.

    Stattdessen folgen wir zunächst Oona in die andere Welt, in die ihr Ehemann entschwunden ist. Diese entpuppt sich als alternatives Nordamerika, inspiriert von Longfellow und Cooper. Oona trifft auf den Schamanen Ayanawatta und den jungen Albino-Krieger White Crow. Auf dem Rücken von White Crows Reittier, dem Mammut Bes, begeben die drei sich auf eine Reise durch das sagenumwobene Land.

    In einem zweiten Handlungsstrang, der auf Oonas Geschichte folgt, begegnen wir Graf Ulrics Alter ego Elric von Melniboné, dessen Traum-Selbst es in ein alternatives Mittelalter verschlagen hat. Elric schließt sich – mit Hintergedanken – dem Wikingerhäuptling Gunnar the Doomed (der Name ist multiversales Programm) an, der sich mit seiner Schiffsmannschaft auf eine Reise durch die Unterwelt begibt, um in eben jenes Amerika zu gelangen, welches von Oona und ihren Gefährten durchreist wird.

    Erst danach, im sich anschließenden dritten Handlungsstrang, treffen wir wieder auf Graf Ulric und seine Entführer. Die letzten 100 Seiten endlich führen die drei Stränge zusammen. Mein Problem dabei: Bis dahin gekommen, hatte ich komplett den Überblick über die Pläne und Absichten der zahlreichen Charaktere verloren. Der Subplot um Oona und ihre zwei Begleiter ist gemächlich bis zum Einschlafen. Oona scheint sich, einmal an den Küsten Gitche Gumees angelangt, nur noch an den Schönheiten der Natur und der charakterlichen Integrität ihrer Begleiter zu erfreuen und hat es mit der Rettung Ulrics ganz und gar nicht mehr eilig; man neigt bald dazu, das Buch beiseite zu legen, weil die Handlung nicht vorankommt. Ulric hingegen scheint hauptsächlich beschäftigt mit sich selbst und überfordert mit den Ereignissen um ihn herum zu sein, was sich beim Lesen irgendwie auf mich übertragen hat. Und bei Elrics Subplot dauert es einige Kapitel, bis man überhaupt einen Zusammenhang mit der restlichen Geschichte erahnen kann.

    Man mag argumentieren, dass diese Art von Unübersichtlichkeit bei Moorcock intendiert ist. Das wird stimmen, nur habe ich es bislang nie als ein solches Manko erlebt. Drei unabhängige Handlungsstränge, die die Bedeutung der jeweils anderen fast völlig im Dunkeln lassen und erst auf den letzten Seiten des Romans zusammenfließen, gleichzeitig aber auch schwerlich für sich allein stehen können – das scheint mir aus Leser_innenperspektive ein eher strapaziöses als originelles Vorgehen zu sein. Zwar geht es auf den entscheidenden 100 Seiten zum Schluss nicht mehr so behäbig zu wie anfangs, sondern fulminant wie von Moorcock gewohnt. Aber selbst Höhepunkt und Abschluss der Handlung lassen mich unzufrieden zurück: Moorcock bedient sich nämlich der sagenhaften Goldstadt El Dorado als zentrales Motiv, des mythischen Ortes, der die imperiale Gier und den Größenwahn der Konquistadoren verkörpert. Das könnte interessant sein, nur macht Moorcock meines Erachtens viel zu wenig aus den Möglichkeiten, die der Stoff ihm böte.

    Insgesamt ein eher bescheidenes Lesevergnügen also. Positiv zu vermerken bleibt, dass Moorcock stilistisch wie immer hervorragend ist. Der Piper-Verlag hat die deutsche Übersetzung der Trilogie um Oona und Ulric von Bek (ziemlich unpassend als Die neue Elric-Saga betitelt) nach dem Erscheinen des ersten Bandes nicht fortgeführt. Den Leseerwartungen des deutschen Publikums, die Moorcock ohnehin – völlig zu unrecht, das muss auch in einem Verriss wie diesem gesagt werden – für trivial oder für einen vorgestrigen Hippie-Onkel halten, wäre The Skrayling Tree wohl gar nicht entgegengekommen. Und selbst ich Moorcock-Fanboy werde nach dem großartigen ersten und dem zähen zweiten Teil der Trilogie die Lektüre des abschließenden Bandes The White Wolf’s Son wohl noch etwas hinausschieben.

    The Skrayling Tree: The Albino in America von Michael Moorcock (447 Seiten) ist 2003 bei Warner Books erschienen.

    Samstag, 13. August 2011

    31. Wetzlarer Tage der Phantastik

    Im kommenden Monat stehen die alljährlich von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar veranstalteten Tage der Phantastik an. Das Thema lautet diesmal »Neue Welten – Phantasie aus deutscher Feder«. An vier Tagen, vom 8. bis zum 11. September, finden Präsentationen, Vorträge und Podiumsdiskussionen statt, u.a. mit Ju Honisch, Friedhelm Schneidewind, Hartmut Kasper und Bernhard Hennen. Zeitgleich erfolgt die Verleihung des Phantastikpreises der Stadt Wetzlar, der in diesem Jahr an Markus Orths geht. Der Schriftsteller wird für seinen Roman Die Tarnkappe ausgezeichnet.

    Ich werde an den Tagen der Phantastik – bedauerlicherweise – wieder einmal nicht teilnehmen können. Das Thema birgt natürlich die latente Gefahr einer Werbeveranstaltung in sich, und der Tagungsbeitrag in Höhe von 60 Euro (ermäßigt 40 Euro) hat sich ganz schön gewaschen, aber einige der Vorträge würden mich dennoch sehr interessieren.

    Freitag, 29. Juli 2011

    Große Freude

    Die argentinische Autorin Angélica Gorodischer erhält – neben Peter S. Beagle – den World Fantasy Award für ihr Lebenswerk. Das finde ich insbesondere ob der Tatsache, dass Gorodischers Werk nur zu Bruchteilen ins Deutsche und Englische übersetzt wurde, sehr erfreulich. Ausschlaggebend für die Würdigung wird Ursula K. Le Guins Übersetzung von Gorodischers Roman Kalpa Imperial gewesen sein. Eine Auseinandersetzung mit Gorodischers Gesamtwerk steht außerhalb Argentiniens – auch bei mir – leider noch aus. Schön wäre es, wenn die Preisverleihung dies ändern würde.

    Mittwoch, 27. Juli 2011

    Die Luftspiegelung

    Uuui. Matt Ruff hat eine Ankündigung seines neuen Romans The Mirage in die News-Section seiner Homepage gestellt. Das Ding kommt – im englischsprachigen Original – im Februar 2012. Und die Story scheint auf geradezu unheimliche Weise zu den traurigen Ereignissen in Norwegen* zu passen:
    November 9, 2001: Christian fundamentalists hijack four jetliners. They fly two into the Tigris & Euphrates World Trade Towers in Baghdad, and a third into the Arab Defense Ministry in Riyadh. The fourth plane, believed to be bound for Mecca, is brought down by its passengers in the desert.

    The United Arab States declares a War on Terror. A Coalition of Arabian and Persian troops invades the Eastern Seaboard and establishes a Green Zone in Washington, D.C....

    Now, several years later, the war in America is winding down. In Iraq, an Arab Homeland Security agent named Mustafa al Baghdadi interrogates a captured suicide bomber. The prisoner claims that the world they are living in is a mirage—in the real world, America is a superpower, and the Arab states are just a collection of “backward third-world countries.” A search of the bomber’s apartment turns up a copy of the New York Times, dated September 12, 2001, that appears to support his claim.

    This isn’t an isolated incident. Other captured terrorists have been telling the same story, and other “artifacts” have been found. The president wants answers, but Mustafa and his team soon discover there are other interested parties. The gangster Saddam Hussein is conducting his own investigation. And the head of the Senate Intelligence Committee—a war hero named Osama bin Laden—will stop at nothing to hide the truth about the mirage.
    In der Molochronik gibt es eine deutsche Übersetzung des Blurbs. Fertig ist der Roman seit Juli, gerade gibt es letzte Korrekturdurchgänge, wie Ruff in seinem Blog vermeldet.

    * Traurig, nicht tragisch. Tragisch wären die Anschläge vielleicht, wenn sie unvorhersehbar gewesen wären. Das gesellschaftliche Klima, das derzeit in Europa herrscht, hat diese Art von politischem Verbrechen m.E. aber außerordentlich begünstigt.

    Freitag, 22. Juli 2011

    American Gods, die Fernsehserie und so weiter

    Hier nun auch die handlich zusammengestellten Infos zur geplanten American-Gods-Fernsehserie von HBO, und was es in dem Zusammenhang sonst noch zu sagen gibt.

    Neil Gaiman arbeitet gemeinsam mit HBO an einer Serie, die auf der sogenannten ›Götterwelt‹ des britischen Autors basiert, die wir aus bislang zwei Romanen (American Gods und Anansi Boys) und einer Novelle (»The Monarch of the Glen«) kennen. Die Serie soll Gaimans Vorstellungen zufolge den Zuschauer_innen die Möglichkeit bieten, die Götterwelt auf vertiefte Weise zu erkunden. Die erste Staffel wird demgemäß die Handlung von American Gods abdecken, heißt es, jedoch mit einigen Überraschungen auch für diejenigen, die den Roman bereits kennen. HBO erhofft sich von der Serie anscheinend, nach dem Erfolg von True Blood und Game of Thrones fantasymäßig am Ball bleiben zu können.

    Zudem plant Gaiman, ein Sequel zu American Gods zu veröffentlichen. Darin soll ein Aspekt der Götterwelt beleuchtet werden, der bislang unterbelichtet blieb: Erblickt man die Dinge im ersten Band vor allem aus der Perspektive der abgehalfterten alten, immigrierten Gottheiten, soll es in der Fortsetzung verstärkt um den neuen, technologischen Pantheon gehen, der Nordamerika beherrscht und den traditionellen Gottheiten den Rang abläuft. Bekannt gegeben hat der Autor bereits, dass ein Social-Network-Gott darin auftauchen wird.* Außerdem will Gaiman erzählen, wie es Shadow nach den Ereignissen in American Gods ergeht. Anderes Setting, gleicher Protagonist – da ist nicht schwer zu erraten, dass Gaiman dieses Sequel mit Blick auf mögliche weitere Staffeln der Fernsehserie schreibt. Für Anansi Boys ist eine separate Mini-Serie angedacht. Wir erinnern uns: Anansi Boys wurde (vor American Gods) als erster Roman der Götterwelt geschrieben, aber als zweiter veröffentlicht und ist als Prequel anzusehen. Alle Klarheiten beseitigt?

    Zu der Frage, ob der Stoff der Novelle »The Monarch of the Glen« in irgendeiner Form in die Serie eingehen soll, habe ich keine Informationen gefunden. Die Novelle wurde von Gaiman für die Anthologie Legends II verfasst, schließt zeitlich an American Gods an und hat wiederum Shadow zum Protagonisten.

    Geplant ist außerdem eine Jubiläumsedition von American Gods, welche mit umfangreicheren Kapiteln, Essays und Interviews um ca. 10.000 Wörter länger sein soll als die 2001 erschienene Fassung. Ich persönlich, als Fernsehserienverächter, finde diese Neuauflage und das Sequel ja weitaus interessantere Aussichten als die HBO-Produktion. Wer es anders sieht und über die TV-Serie diskutieren mag, kann dies z.B. hier tun.

    * In American Gods spielen am Rande ja bereits die Göttinnen und Götter der Eisenbahn, der Automobilindustrie, des Fernsehens und der New Economy eine Rolle.

    Foto-Disclaimer

    Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.