Mittwoch, 7. Juli 2010

Ashes of Time

Meine Buchlesereien und Filmguckereien gehen manchmal seltsame Wege. Die Redux-Version von Wong Kar-wais Ashes of Time tingelte bereits vor zwei Jahren durch die Festivals – keine Ahnung, wann die DVD rauskam – und, tja, jetzt sehe ich mir die Sache erst an. Dabei kannte ich die ursprüngliche Fassung des Films noch gar nicht.

Wong Kar-wai ist nicht eben für Wuxia-Filme bekannt, und mit dem einen, den er gemacht hat, hat er sich zwischen alle Stühle gesetzt.* Hartgesottenen Martial-Arts-Fans wird Ashes of Time nicht unbedingt viel geben, und filmfeuilletonistischerseits wurde er eher nett lächelnd und kopfnickend als interessantes Experiment behandelt – mit straßenköterhaftem Außenseiterstatus, wenn man Wong Kar-wais andere Filme zum Vergleichsmaßstab nimmt. So zum Beispiel Roger Ebert, der der Tatsache, dass Wong seinem Redux 14 Jahre gewidmet hat, mit einer gewissen Verständnislosigkeit gegenübersteht.

Dabei kann Ashes of Time mit seiner melancholischen Stimmung und seinen beeindruckenden Bildern durchaus als Vorbild für die Reihe von Wuxia-Filmen gelten, die von Ang Lee und Zhang Yimou in den 2000ern gedreht wurden und sich an ein breites – und vor allem ein westliches – Publikum richten. Dafür spricht etwa der Verzicht auf einige genretypische Ingredienzen in Wong Kar-wais Film. Interessanter erscheinen mir in diesem Fall allerdings die Unterschiede zu Lee und Zhang. So gibt es in Ashes of Time keine ätherischen, auf Bambuswipfeln tänzelnden Schwertkämpfer_innen. Diese sind vielmehr zerlumpt, unrasiert und zahnlückig. Statt zu schweben, gondeln sie mit zottigen Kamelen durch die Einöde. Die Kampfszenen sind bis zum äußersten stilisiert – allerdings nicht choreografisch, sondern filmtechnisch, was ihnen zuweilen einen surrealen Anstrich gibt. Wong verwendet mit der ›realistischen‹ Darstellung der Charaktere einerseits und der Verfremdung der Kampf- und Landschaftsaufnahmen andererseits extreme Gegensätze, die gerade in ihrer Widersprüchlichkeit die Faszination von Ashes of Time ausmachen. All denjenigen, die stets geistlos die goldene Mitte und die vorschnelle Synthese verteidigen (und sie sind Legion), sei dringend empfohlen, mal 93 Minuten lang die Klappe zu halten und diesen Film anzusehen.

Der Plot des Films hat schon einige Kritiker_innen in Verwirrung gestürzt, und in der Tat macht es wohl wenig Sinn, die verschachtelten, jeder Chronologie spottenden Storylines einzeln nachzuerzählen. Sie treffen sich allesamt im dystopischen Zentrum der Handlung, einem heruntergekommenen Gasthaus mitten in der Wüste, wo ein zynischer, von seinen Träumen enttäuschter Agent Schwertkämpfer an Leute mit Geld vermittelt, die sich jemanden vom Hals schaffen wollen. Ringsherum wandern Geschichten wie die von den beiden Schwestern, die sich im scheinbar ausweglosen Unbehagen der Geschlechter selbst zerstören wollen und es doch nicht können. Oder die Geschichte von dem Wein, der eine/n die Vergangenheit und damit alles Traurige vergessen macht – so zumindest die ungewisse Hoffnung derjenigen, die davon trinken. Sieht man sich Ashes of Time von Anfang bis Ende an, versteht man schon, worum es geht. Man sollte nur nicht erwarten, dass dieser Film ein hollywoodeskes ›Verstehen‹ ermöglicht, welches in der kathartischen Wiederherstellung der Ordnung gipfelt. Denn für ein Werk wie Ashes of Time wäre eine so billige Heilsbotschaft viel zu banal.

* Blöder Ausdruck eigentlich, sich zwischen alle Stühle setzen, aber hier passt er vielleicht.

Keine Kommentare:

Foto-Disclaimer

Das Foto im Blog-Header wurde freundlicherweise von Sandra Rugina zur Verfügung gestellt. Es zeigt den Bâlea-See in den rumänischen Karpaten. Alle Rechte liegen bei der Autorin.